Christine Käppeler
24.06.2013 | 06:00 9

Eva Illouz analysiert „Shades of Grey“

Haarsträubend Die israelische Soziologin führt den Erfolg des Sadomaso-Bestsellers auf ein fundamentales weibliches Bedürfnis nach Hierarchie und Ordnung in der Partnerschaft zurück

Eva Illouz analysiert „Shades of Grey“

Foto: Peter Massas / Flickr (CC)

Die Zahl beeindruckt: 70 Millionen. 70 Millionen Currywürste gehen zum Beispiel in Berlin jedes Jahr über die Imbisstheken, woraus sich allerhand ableiten lässt, etwa dass Berlin die internationale Currywurstmetropole ist. 70 Millionen Exemplare wurden inzwischen weltweit auch von E.L. James Sadomaso-Geschichte Shades of Grey abgesetzt. Anders als bei den Currywürsten kann man nur mutmaßen, ob sie nur gekauft oder auch konsumiert worden sind. Gewiss ist allemal, dass dieses Buch ein Bestseller ist, und was sich daraus ableiten lässt, untersucht Eva Illouz, die Autorin des Sachbuch-Bestsellers Warum Liebe weh tut? (2011), nun in einem schmalen Band.

Die neue Liebesordnung heißt die Studie der israelischen Soziologin, die in der „Edition Suhrkamp digital“ erschienen ist. Einer ohnehin obskuren Reihe, die durch dieses Buch nicht eben an Kontur gewinnt, handelt es doch von ungemein mechanischen Dingen – siehe die Handschellen auf dem Cover.

Ihre These: Die Komplexität sexueller Beziehungen in der Spätmoderne, in denen oben und unten optional geworden sind, überfordert den Menschen, und ganz besonders die Frau. Aus dieser Ausweglosigkeit, so Illouz, hilft das sadomasochistische Verhältnis, wie E.L. James es in Shades of Grey beschreibt, nicht nur symbolisch heraus, „es funktioniert letztlich als ein sexueller Selbsthilfeleitfaden“. Wenn dieser Roman als „Mamiporn“ gescholten wird, so die Autorin, liegt deshalb ein fundamentales Missverständis vor: Frauen kaufen – anders als Männer – erotische Romane nicht, um zu masturbieren, sondern um fürs Leben zu lernen, und zwar etwas, von dem beide profitieren. Als Beleg führt sie die Absatzsteigerung bei Augenbinden und Lustkugeln an.

Wen aber meint Eva Illouz, wenn sie von den Frauen respektive den Leserinnen des Romans spricht? Bei Illouz herrscht eine ungeheuer schlichte Dichotomie zwischen der Frau, die dieses Buch „fasziniert“, und dem Mann, dem ob Stil und Handlung „die Haare zu Berge stehen“. Die zahlreichen Verisse des Romans, die von Frauen verfasst wurden, lässt Illouz unerwähnt. Vielleicht, weil die Kritiken, die das Buch als antifeministisch gebrandmarkt haben“ ihrer Ansicht nach sowieso „völlig daneben liegen, was manchen Leserinnen freilich auch aufgefallen ist.“

Zum Beweis zitiert sie eine Bloggerin, der aufgefallen ist, dass Ana Steele den Sexvertrag, den der erfolgreiche, attraktive und unersättliche Christian Grey ihr aufgezwungen hat, auf fast jeder Seite neu verhandelt. Dass Grey sich in Ana schließlich verliebt, nachdem sie sich ihm entzogen hat, wertet Illouz gar als einen „aus eigener Kraft durch Entschlossenheit und Charakter erzielten romantischen Erfolg“. Andere (etwa Suzanne Moore im Freitag vom 9. Juli 2012) haben genau das als pathologisch kritisiert: Der Frau wird suggeriert, sie muss nur alles geben, dann wird ihr unnahbares Gegenüber sie schon lieben.

Eine Mitstudentin hat einmal über eine von ihr selbst verfasste Seminararbeit gesagt, man solle aus einem Misthaufen nicht mit Adorno winken. Eva Illouz winkt in ihrer Studie nicht nur mit Horkheimer und Adorno, sondern auch mit Hegel und der US-Serie Girls, und das so lange, bis sie zu dem Schluss kommt, dass die Form der sexuellen Selbsthilfe, die Shades of Grey anbietet, die Lektüre „zu einem paradigmatischen Akt des modernen Selbstseins, nämlich zu einem Akt der Selbstermächtigung und Selbstverbesserung“ macht. Man muss kein Mann sein, um diese These haarsträubend zu finden.

Kommentare (9)

chrislow 24.06.2013 | 11:34

Hier:

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/bilder-und-zeiten/interview/ein-gespraech-mit-eva-illouz-ist-sadomasochismus-die-loesung-12239460.html

 

...schien es so, als ob auch sie (die Soziologin) sich dem Thema sehr zurückhaltend und "diplomatisch" zugewandt hat. Irgendwie ist hinter dieser Fassade von Beschreibungen noch eine mehrdimensionale Wahrheit verborgen, die sie sich nicht traut, aus-/anzusprechen  - verständlich irgendwie.

Zu bedenken sei: Öffentlich kämpfen wir für unsere Würde. Da hat A. Schwarzer etwa aber die Hürde ziemlich hoch gehängt - für Mann und Frau.  Im Privaten aber wähnen wir uns unbeobachtet und denken uns in viele andere möglichen Lebenswelten hinein.  Nur öffentlich dazu stehen tun wir eben möglichst wenig. Mann (Frau auch) muß ja das Gesicht wahren.

Templeton 24.06.2013 | 13:42

Frauen kaufen – anders als Männer – erotische Romane nicht, um zu masturbieren, sondern um fürs Leben zu lernen, und zwar etwas, von dem beide profitieren.

Allein diese Aussage zeigt die schlichte Dichtonomie. Die erste Frage die sich mir stellt: Kaufen Männer überhaupt erotische Romane? Oder liest einer erotische Romane? Mich würde eine positive Antwort wundern.

Es gibt doch eine andere simplistische, schlcihte Dichtonomie, Männer schauen Pornos, Frauen erotische Literatur...

Avatar
Ehemaliger Nutzer 24.06.2013 | 16:53

Als Mann finde ich Illouz Thesen gar nicht haarsträubend, eher sind es die Interpretationen ihrer Aussagen.
Im Kern hat sie sich für den Erfolg des Buches interessiert und dabei eine ganz banale Liebesgeschichte freigelegt, die allerdings die zunehmende Asymmetrie in den gegengeschlechtlichen Beziehungen, einschließlich Sex, spiegelt und am Ende noch ein rührseliges Happy-End bietet.
Eingemischt sind in die Sexszenen zahllose Details, wie – speziell Frau - mit Sexspielzeug umgehen kann/sollte, damit Freude aufkommt. Das hat was von Ratgeberliteratur, die im Gewand des ach so anrüchigen BDSM daherkommt und zum Experimentieren innerhalb fester Spielregeln auffordert.
Und?
Es handelt sich m.A.n. um ein scheinerotisches Machwerk, dessen Popularität sich aus weniger aus den Sexszenen als vielmehr aus der verdichteten Schieflage zwischen der jungen unbedarften Studentin und dem älteren – natürlich attraktiven, beruflich erfolgreichen und, ganz wichtig, unersättlichen – Grey ergibt.
Das Pornographische daran mag vielleicht den ein oder anderen Kick hervorrufen, wichtiger scheint aber doch die Rahmenhandlung und der Umstand, daß sich offenbar viele Frauen – gerade mittleren Alters - mit der viel jüngeren Akteurin identifizieren.
Man braucht keine Illouz um das dahinter stehende Bedürfnis der Leserinnen zu analysieren, es liegt auf der Hand und ist in den diversen Diskussions-Foren Hauptthema:
Die Frauen lesen das Buch und geben es ihrem aktuellen Sexpartner zum Lesen, oder Lesen ihm ein paar scharfe Szenen vor - worauf dieser angeschärft reagiert und die beiden im besten Falle ein wenig „experimentieren“.
Ist doch lustig wie ein solch trivialer Schmöker durch die Anreicherung mit einigen erotischen Spezialitäten frischen Wind in die Schlafzimmer der Damen und Herren mittleren Alters bringt...
natürlich ohne daß die bestehende Asymmetrie aufgehoben würde, sie wird zum zentralen Bestandteil bzw. zum Rahmen des einvernehmlichen Spiels.
Das verändert zwar nicht die Geschlechterordnung, löst aber u.U. Triebstau und erotische Langeweile in Wohlgefallen auf.
Viel mehr sagt die Illouz auch nicht. Es ist halt ein Buch, daß Frauen im mittleren Alter mit einer im Lauf der Jahre nicht mehr ganz so prickelnden Sexualität in fester Partnerschaft ein paar hilfreiche Anregungen für die Bettkante geliefert hat. Mehr nicht und mehr sollte man aus dem Schinken auch nicht machen – es sei denn man hält diese Schreibe für einen Angriff auf emanzipierte Frauen, aber die sind ganz bestimmt nicht die Zielgruppe der Trilogie...

Johannes Renault 25.06.2013 | 02:44

"Die Komplexität sexueller Beziehungen in der Spätmoderne" ist eben nur die Komplexität der betreffenden Mode. Wenn dann "Komlexität" und "Spätmoderne" in Häckchen gesetzt sind, wird wieder ein Schuh daraus.

Ich kenne einen der verweilt stundenlang in einer bestimmten Region eines Bauteils dieses Luftgekühlten Boxer Dings. Es kommt sogar vor, daß er, während er Vergleiche zieht, Erklärungen aus dem Arm schüttelt die fast historisch sind und den Zuhöhrer bannen, an hand eines spezifisch geformten Schräubchens für ca. 17 sekunden glaubt es handle sich bei dem VW um ein Motorrad aus der Zeit des ersten Weltkrieges. 

Nicht nur bei der Beobachtung der Massentierhaltung - also, der Tiere, kann man Männchen und Weibchen gut ausseinanderhalten. Immer, all die Sekrete und Weichteile, wer wie und von wo bei wem was schlabbert. Worein es dann geht. Und immer ist dieses animalische dabei. Diese ungeheure Gewalt und Ungestüm, was die anderen einen Schritt beiseite treten lässt. "Spätmoderne" hin "Spätmoderne" her, komplex wird es wenn mann die Sprache nicht versteht weil sie trotz Geburt nicht vorhanden ist.

Christine Quindeau 25.06.2013 | 12:21

Aber das sagt Illouz doch nicht. Sie sagt, so eine fest zementierte Rollenverteilung wie beim SM bietet eine Sicherheit in der Rollenidentität, die die Paare zunnehmend verloren haben. Damit erklärt sie den Erfolg des Buchs.

Ich habs nicht gelesen, deshalb kann ich darauf nicht eingehen. Aber die These, dass  festgelegte Rollen Sicherheit geben, ist doch sehr wahrscheinlich. Ich glaube mehr noch, dass es bei SM vor  allem um Überwindung von Distanz geht, also dass Nähe durch Schmerz und Initimität geschaffen wird, ohne dass tatsächliche authentische Nähe da ist, ohne dass die Paare zur Nähe in der Lage sind. Ich sehe die Überforderung moderner Paare eher in der Unfähigkeit zur Nähe, die sich nun auf alle Bereiche bezieht. Man muss für eine Beziehung dem ganzen Menschen nahe sein, nachdem wir keine getrennten weiblichen und männlichen Lebensbereiche mehr haben. Es wird nicht in Rauchsalons unter Männern politisiert und in Nähzirkeln Kindererziehhung besprochen, die Frau ist nicht mehr vorwiegend im Haus, der Mann vorwiegend außer Haus.

Jetzt ist eine unvereinbare politische Einstellung ein Beziehungsproblem ebenso wie unterschiedliche Ansichten zur Kindererziehung. Das ließe sich beliebig mit den Arbeits- und Freizeitwelten fortsetzen.

Also SM ist eine Möglichkeit zur Intimität, ohne sich als Mensch (in all seinen Ausprägungen, Meinungen, Gewohnheiten usw.) annehmen zu müssen. Insofern würde ich Illouz widersprechen, dass die Attraktion an SM eine klassische Liebesgeschichte ist, weil ich denke SM ist vor allem für die Leute anziehend, die sich mit Liebe und Nähe schwertun.

blue61 31.07.2013 | 23:34

Mir klingt dieser "Erfolg" nicht so sehr nach einer Antwort auf die Frage "wie sind die Frauen/Männer/Menschen von heute?" als vielmehr als Audruck des Zeitgeist, also als Antwort auf: "was halten Frauen/Männer/Menschen für angesagt?". Das beides muss nicht viel miteinander zu tun haben.

Vor allem muss man den Ursprungsort USA im Kopf behalten, wenn man über die dort ausgedrückten Bedürfnisse nachdenkt. Die US-Gesellschaft produziert bekanntermassen erheblich mehr verklemmte Gemüter als Europa. Ein land, in dem das Kettensägenmassaker als jugendfrei gilt, ein einziges öffentich sichtbares Schamhaar aber zur nationalen Krise führt ist nach europäischen Maßstäben wohl weder emanzipiert noch überhaupt erwachsen.

Auf der Grundlage der in den "Kiss"-Filmen und der "Purity"-Bewegung gezeigten Entwicklung ist die Shades-Reihe doch nichts weiter als eine logische Fortsetzung. Autor und Verlag haben vermutlich den US-Markt gut analysiert. Dass sie auch international so erfolgreich wurden dürfte aber auch für sie eine Überraschung sein. Für Europäer sind die Verkaufszahlen mehr ein Indikator für die Invasivität der US-Kultur. Ob aber dabei die Franzosen nach der kulturellen Abschottung besser abschneiden als die Deutschen? Man darf in die Kristallkuge schauen.