Achtermann
13.07.2017 | 13:36 80

Maischberger will Ditfurth aus Sendung werfen

Medien Man kann sich streiten, ob Talkshows politische Themen seriös an die Zuschauer herantragen können. Die Moderatorin sollte eigentlich moderieren: mäßigen, steuern, lenken

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Achtermann

Maischberger will Ditfurth aus Sendung werfen

Wer raus geht ...

Quelle: WDR

Die Sendung Maischberger (ARD), in der die prominentesten Politiker auftreten, gilt gemeinhin als journalistisches Format. Zur jüngsten Sendung Gewalt in Hamburg: Warum versagt der Staat? waren eingeladen der Stern-Journalist Hans-Ulrich Jörges, der Politiker der Linken Jan van Aken, der CDU-Politiker Wolfgang Bosbach, die Publizistin Jutta Ditfurth, der Hamburger CDU-Bürgerschaftsabgeordnete und Polizeifunktionär Joachim Lenders und die SPD-Familienministerin Katarina Barley.

Es kommt selten vor, dass ein Gast einer Talkshow die Runde verlässt, einfach geht. Die Mikrofonverkabelung aus dem Jackett nestelt und nicht mehr zu halten ist. Wolfgang Bosbach (CDU) hat sich diese Freiheit genommen. Er konnte die Mitdiskutantin Jutta Ditfurth nicht mehr ertragen. Er hatte die Schnauze voll: "Frau Ditfurth hat zum dritten oder vierten Mal Herr Lenders in geradezu unverschämter Weise angegangen. (...) Frau Ditfurth ist persönlich und von ihrem Verhalten - in Anführungszeichen - Argumentation unerträglich." Kurz zuvor hatte der Hamburger Bürgerschaftsabgeordnete und Polizeifunktionär Joachim Lenders (CDU) zu den Ausführungen Ditfurths, diverse Medien hätten darüber berichtet, dass Journalisten von der Polizei verprügelt worden seien, mit äußerster Erregung kommentiert: "Sie haben ja sowieso keine Ahnung! Es ist doch einfach Gesabbel, was Sie da machen! Einfach dummes Gesabbel!" (ab Minute 58)

Es ist wohl noch nie vorgekommen, dass die Gastgeberin einer Talkshow einen Gast rausschmeißen will. Maischberger an Ditfurth gerichtet: "Jetzt muss ich Sie tatsächlich auch bitten, die Sendung zu verlassen, dann haben wir wieder eine Parität hier." Also: Weil Wolfgang Bosbach aus freien Stücken die Talkrunde verlassen hat, soll Jutta Ditfurth durch einen zu erzwingenden Abgang Parität wieder herstellen. Man fragt sich: Welche Parität? Seit wann werden Talkrunden nach diesem Kriterium besetzt?

Erst kürzlich hat Marco Bülow (SPD-Bundestagsabgeordneter) eine Studie veröffentlicht, die sich mit der Besetzung und den Themen von Talkrunden im öffentlich-rechtlichen Rundfunk beschäftigt. Die Themenauswahl sei einseitig: "Wenn man die Bereiche Extremismus, Populismus, Terrorismus und Flüchtlinge zusammennimmt, hat dieser Komplex fast jede zweite Sendung bestimmt. Soziale Gerechtigkeit und Umweltthemen kamen dagegen so gut wie gar nicht vor - und das, obwohl in Paris erst ein Klimagipfel tagte." Dass in den Talkrunden meistens die selben Leute auftauchten, erklärte er damit, dass die Sender die Experten der Parteien ablehnten: "Wenn der Spitzenpolitiker absagt, den die Talkshow haben will, dann wird die Partei gar nicht berücksichtigt."

Das Paritätsargument Maischbergers ist getrost nicht allzu ernst zu nehmen, zumal Jutta Ditfurths Beiträge an der Sache orientiert waren. Der Moderatorin ist vermutlich bewusst geworden, dass in öffentlich-rechtlichen Fernsehdiskussionen, die christdemokratischen Teilnehmer nicht mit dezidiert linken Argumenten belästigt werden dürfen. Auch wenn sie gar nichts mit Gesabbel zu tun haben. Ditfurth ließ sich nicht rauswerfen. Maischberger stellte trotzdem ihre Parität her. Ditfurth kam einfach nicht mehr dran.

Da Jutta Ditfurth und Jan van Aken eine Woche lang in Hamburg mitten im Geschehen waren, sind ihre Argumente weitere Mosaiksteine der Aufklärung. In ihre Filterblase völlig eingeschlossen sind Wolfgang Bosbach und Joachim Lenders.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (80)

30sec 13.07.2017 | 14:30

Immerhin, Frau Maischberger sieht es ein:

"Ich möchte mich ausdrücklich bei Frau Ditfurth für den Versuch entschuldigen, sie aus der Sendung komplimentieren zu wollen. Das war eine unüberlegte Kurzschlussreaktion, getrieben von dem Wunsch, in der Sendung den Ausgleich der Seiten wiederherzustellen. Es war ein Fehler, den ich bedaure."

Jutta Ditfurth wird gleichwohl in absehbarer Zeit keine Einladung zu einer Talkshow erhalten, nehme ich an.

Achtermann 13.07.2017 | 14:59

Das ist anzuerkennen. - Gleichwohl kommt eine solche Reaktion auch aus einer inneren Haltung. Ich konnte nicht erkennen, dass Ditfurth aus der Rolle gefallen wäre. Sie bewahrte stets die Contenance. Man stelle sich nur mal vor, Jan van Aken hätte die Sendung verlassen. Ich vermute nicht, dass Frau Maischberger auf die Idee gekommen wäre, aus Paritätsgründen Herrn Bosbach aus der Sendung zu werfen. Das wäre innerhalb der Mainstreampresse zum Medienskandal stilisiert worden.

Als der Hamburger CDU-Mann Frau Ditfurths Argumente als "dummes Gesabbel" qualifizierte, griff Frau Maischberger nicht moderierend ein. Sie ließ diese Injurien im Raum stehen, statt diesen rechten Hardliner in die verbalen Schranken zu weisen.

Achtermann 13.07.2017 | 15:12

Sicher, das stimmt. Man guckt Fernsehen jedoch auf mehreren Ebenen. Eine Talkshow ist nicht zwingend ein Informationskanal. Man beobachtet den Verlauf und das Ziel der Sendung. Man wird bestätigt, dass Experten in Wirklichkeit Lobbyisten sind (etwa Raffelhüschen, der öfter auftaucht). Oder man bemerkt, dass ein Moderator, etwa Plasberg, einen Politiker, in diesem Fall Christian Lindner, auf Händen trägt. Vielleicht sucht man auch die Bestätigung für die Einschätzung der Rolle des öffentl.-rechtl. Rundfunks.

wwalkie 13.07.2017 | 17:26

Eine bemerkenswerte Sendung. Die Aggression der üblichen Eingeladenennahme nahm mit deren Erkenntnis oder dem Gefühl zu, dass die in Dutzenden von Talkshows erlernten Tricks, die Diskurshoheit zu gewinnen, nicht mehr fruchteten. Van Aken ließ sich nicht mit sekundären Fragen aus dem Ruder bringen, und Jutta Ditfurth besann sich, motiviert durch den trostlos verbohrten Vertreter von Sicherheit und Ordnung neben ihr, der alten 68er Methoden des Stichelns und Provozierens, die schon Strauß und einen gewissen Bangemann die Nerven verlieren ließen.

Resultat: Bosbach zeigte, wie dünn die joviale rheinich-demokratische Haut sein kann, und Maischberger zeigte, was die herrschenden Medien unter "Parität" und freier Diskussion verstehen. Das ist doch auch etwas.

denkzone8 13.07.2017 | 18:44

das ereignis ist vielfach interpretierbar. davon eine:

das format-füllende moderatoren-genie s.m.

das es vermag, gesellschaftliche konflikte

in sende-zeit zu bannen,

vor dem zu-schauer sattsam-bekannte und gewagte meinungen zur sprache zu bringen,

die trotzdem meist innerhalb des ör-spektrums liegen,

hat als ör-dompteuse gepatzt.

der gebräunte tiger b. verließ die manege,

mutti-haftes zureden heilte nichts.

die vierte (mediale) gewalt, die den gesellschaftlichen

zusammenhalt unterhaltend garantiert: hat versagt.

das wohl-geübte rollen-spiel: gespräche unter gut-willigen demokraten machen spannungen erträglich,

ist nicht von einem freakigen vogel gesprengt worden,

sondern von einem herrn aus der mitte.

für manche das signal: zumutungen vom extremen rande

muß man nicht aushalten: wir können auch anders.

für integrations-störer ist auf der gefährder-bank ein platz frei.

koslowski 13.07.2017 | 18:57

Wer Ditfurth einlädt, erwartet von ihr, dass sie provoziert. Diese Rolle hat sie mit alternativen Fakten, rhetorischen Fouls und mimischer Herablassung sehr gut erfüllt. Dass Maischberger sie nach Bosbachs Abgang aufforderte zu gehen, zeigt, dass sie das dramaturgische Konzept ihrer eigenen Sendung (maximale öffentliche Aufmerksamkeit durch Inszenierung von Krawall) nicht verstanden hat. Sehr gut van Aken: Endlich ein talkshowtauglicher Linker, der in der Lage ist, durch gutes Benehmen, Sachverstand und schlüssiges Argumentieren die politische Konkurrenz ins Schwitzen zu bringen.

Achtermann 13.07.2017 | 20:31

Wer Ditfurth einlädt, erwartet von ihr, dass sie provoziert. Diese Rolle hat sie mit alternativen Fakten, rhetorischen Fouls und mimischer Herablassung sehr gut erfüllt.

Das ist mir gar nicht aufgefallen mit den rhetorischen Fouls. Ein gestandener Politiker der CDU lässt sich doch nicht durch Mimik seines Gegenübers aus der Bahn werfen. Und, davon gehe ich aus, mit den alternativen Fakten meinst du tatsächlich Fakten, die von Bosbach und Lenders gerne unter dem Tisch gehalten worden wären.

anne mohnen 14.07.2017 | 09:48

Die Sendung war aktuell der Tiefpunkt von Talk, Talk, Talk.

Bosbach legte es sofort auf Randale mit Ditfurth an. Die Gründe, schien mir, lagen auf rein persönlicher Ebene. Bosbach hatte mit Ditfurth ein Hühnchen zu rupfen. Wer weiß, welche Rechnung da noch offen war. Passierte es in einer Maischberger-Sendung oder anderswo, wo Bosbach unterwegs ist. Jedenfalls machte sich dieser ‚rasende ReporterTalker‘, dessen Nervenkostüm blanker zu liegen scheint als sein dauergebräunter Teint scheinen lässt, mit seinem Auftritt zum "Hans Würstchen" und nicht zum Anwärter der Sache. Ditfurth, man mag von ihr halten, was man will, wird bei der ARD unter der Sendung noch als „ehemalige Grünen-Chefin“ geführt. Das war sie zu keinem Zeitpunkt. Jedenfalls ist sie seit 1991 ergo seit 26 Jahren kein Parteimitglied der Grünen mehr. Warum also dieser Hinweis?

Nee, ich bin nicht „für Ditfurth“. Aber Journalismus selbst auf unterem Niveau, also mit den richtigen Feindbildern, geht anders. Bei „Maischberger“ jedenfalls heißt es Wahlkampfhilfe der Übelsorte.

Wie so oft bei ‚Maiberger‘, gab es Zaungäste: diesmal der Bundestagsabgeordnete Jan van Aken, Die Linke sowie Bundesfamilienministerin Katarina Barley, SPD. Die durften zwischendrin auch etwas sagen, wobei sie ständig von der mit Kuli auf intellektuell mimenden Sandra Maischberger unterbrochen wurden. Nerven hat bei Maischberger Methode. Die Matadore sollten sein: Stern-Kolumnist Hans-Ulrich Jörges, Hauptkommisar und CDU Mitglied Joachim Lenders und eben jener, diesmal als Serienheld mit theatralischem Abgang in Erscheinung tretend, CDU-Innenpolitiker Wolfgang Bosbach. Eben diese Matadore bekamen überreichlich Redezeit und konnten ihre Sicht der Dinge ausbreiten, Redundanz incl.

Hauptsache kein großes Reden über 76 Tsd friedlich Demonstrierende und ihre Inhalte.

seriousguy47 14.07.2017 | 13:38

Interessante Einschätzung: Die argumentativ starken Linken als reine rote Kulisse für die offensichtlich uninformierten bzw. desinformierenden Rechten.

Und dann beweist die Linke auch noch Rückgrat, während der nicht so recht zum Zuge kommende rechte Phrasendrescher (innerlich) heulend das Spielfeld verlässt und prompt Muttis wohlwollende Aufmerksamkeit (und Strafbereitschaft) erlangt.

So pflegen muttersohnige Prinzenrollen Geschwisterchen aus Opfern in Täter zu verwandeln.

Eigentlich die Selbstentlarvung einer rechten Polit-Petze, aber in Zeiten des Trump muss man davon ausgehen, dass die Petze sehr viele "Mütterchen" im Wahlvolk für sich und seinen nicht minder hinter.....Kumpel gewonnen hat.

strupp 14.07.2017 | 14:04

Achtermann

Es ist ein angenehmer Moment, wenn die Fassade des Gutbürgerlichen fällt. Beide CDU-Diskutanten, die sich sicher zu den Zivilisierten zählen, sind aus der Rolle gefallen: Bosbach als Diskussionsverweigerer, Lenders als primitiver Beleidiger.

Kann Ihrem Beitrag nur zustimmen. Bosbach und Lenders verstehen sich im Bedienen dumpf-biederer Mehrheitsmeinungen. Diese Art Charakter kann nicht zuhören, geschweige denn versucht er zu differenzieren. Für Bosbach & Co sind die Dinge nicht so wie sie sind, sondern so, was sich aus ihnen machen lässt. Das passt immer in vorgefertigte konservative Denkschachteln. Die mehrheitlich-öffentliche Meinung verlangt nach einfachen Erklärungsmustern...die Guten hier, die Bösen da. Diese selbstgefällige und anmaßende Art passt sich den Allgemeinplätzen an. Dahinter steckt der Machtanspruch der Besserwisserei und des politischen Kalküls.

Fro 14.07.2017 | 14:18

Starker Auftritt von Frau Ditfurth.
Ihr anschließender treffender Kommentar zur Sache:

„Frau Maischberger war ja ganz auf Seiten Herrn Bosbachs, der mit dieser weltfremden Mimosenhaftigkeit keine Kneipendiskussion überstehen würde. Ich habe es als Versuch von ihr verstanden, mich für meine linke oppositionelle Meinung zu bestrafen.“ Maischberger hat sich dafür inzwischen per Facebook entschuldigt.“
Das ging ihr aber nicht weit genug: „Sie müsste sich auch dafür entschuldigen, dass ich dann kein Wort mehr sagen durfte.“

seriousguy47 14.07.2017 | 14:46

Ich stelle dazu dann noch dieses:

seriousguy47 14.07.2017 | 14:43 @Rufus T. Firefly

Als Politgreis hierzu:

Scholz wiederholt als Farce, was der damalige RB Albertz nach dem Tod von Benno Ohnesorg 1967 in Berlin als Tragödie praktizierte:

Die entscheidende Bewährungsprobe für den Regierenden Bürgermeister aber kam mit den Tumulten um den Schahbesuch am 2. Juni. Albertz war nicht Herr der Lage. Er billigte den brutalen Polizeieinsatz und zeigte Unverständnis für die rebellierenden Studenten.“

http://www.zeit.de/1967/39/heinrich-albertz-trat-zurueck/komplettansicht

Anders aber als er Mann ohne Eigenschaften in Hamburg hatte Albertz Persönlichkeit und Charakter, entschuldigte sich, trat zurück und sagte später rückblickend sehr zutreffend:

„Ich war am schwächsten, als ich am härtesten war“

http://www.tagesspiegel.de/berlin/anti-schah-proteste-am-2-juni-1967-berlin-braucht-einen-platz-fuer-benno-ohnesorg/19764534.html

Scholz hat das offenbar noch nicht gemerkt. Und noch anderes könnte er aus dem Fall Ohnesorg lernen:

Gegenüber seinem Freund Bauchwitz, dem Stasi-Friseur, erging sich [ der damalige Einsatzleiter der Polizei] Starke gern in drastischen Kommentaren über seine Arbeit, die Polizei und die Berliner Politiker. Der Regierende Bürgermeister Albertz war für ihn "das größte Schwein, dass ich kenne", weil er der Polizei in den Rücken falle, und die US-Alliierten seien auch nur noch "schlapp". Kurras' Vorgesetzter war ein großer Freund von Zucht und Ordnung, der meinte, dass endlich mal "einer aufräumen" müsste. Die Studenten würden sich noch wundern, "was ihnen blüht", denn "die Zeit der weichen Welle wäre endgültig vorbei."

Und dann notierte die Stasi noch eine Aussage von Einsatzleiter Starke, die ein erschreckendes Licht auf die Mentalität in seiner Truppe und die politischen Kräfte der Stadt wirft: "Die Lage der Polizei gegenüber den Studenten und anderen Aufrührern hätte sich soweit verhärtet, dass er von den verantwortlichen Männern des Senats die Erlaubnis bekommen hätte, bei großen Ausschreitungen von Demonstranten, die Leib und Leben von Polizeibeamten bedrohten, 'Schießbefehl' zu erteilen."

http://www.spiegel.de/einestages/fall-kurras-a-947505.html

Die Erfahrungen von damals gehören sozusagen zur westdeutschen linken DNA. Auch dies:

Der Prozess gegen Kurras endete mit dessen Freispruch, wobei entscheidende Beweisstücke und Zeugenaussagen unberücksichtigt blieben. Obwohl das Revisionsverfahren die Falschaussagen von Kurras erwies, blieb er straffrei. Nachermittlungen seit 2009 erwiesen Vertuschungsversuche der Todesursache, Absprachen zwischen Polizei und Verteidigern von Kurras sowie Falschaussagen seiner Kollegen und Vorgesetzten im damaligen Prozess gegen ihn. Diese Vergehen sind bis heute nicht aufgearbeitet.“

https://de.wikipedia.org/wiki/Benno_Ohnesorg

https://www.welt.de/kultur/history/article13830824/Polizisten-schuetzten-aus-Kumpanei-Ohnesorg-Moerder.html

http://www.isioma.net/sds090516.html

Der von einem MfS-Spitzel in Polizeidiensten begangene und von Nazi-Seilschaften (?) vertuschte Mord wurde medial so nach und nach ans Licht gebracht, aber scheinbar nie innerhalb der betroffenen Strukturen aufgearbeitet - was am Fall des NSU überdeutlich geworden ist.

Es gibt für eine radikale Linke also bis zum Beweis des Gegenteils überhaupt keinen Anlass, sich vorschnell mit Polizei zu verbrüdern, selbst wenn man selbst Gewalt verurteilt. Und was Christian Füller im aktuellen FREITAG über einen verantwortlichen "Polizeiführer" in Hamburg berichtet, hätte, trifft es zu, höchste mediale Aufmerksamkeit verdient, weil es die hier gezogenen Parallelen zu damals noch einmal eindrucksvoll untermauert.

Herr Scholz wird entweder reifen oder ein Versager bleiben.

alpargatas 14.07.2017 | 16:02

Dass Jutta Ditfurth Bosbach aus der Sendung getrieben habe, ist eine Legende. Für mich ist Sandra maischberger für die Eskalation verantwortlich. Frau Maischberger war in der Sendung nicht nur parteiisch sondern auch offensichtlich in ihrer Rolle als Moderatorin überfordert. Ständige Unterbrechung der Diskutanten, mit dem Ziel, die komplexe und komplizerte Sachlage in vereinfachende und polarisierende soundbites zu überführen, eine offensichtliche Abneigung gegen Jutta Ditfurth, wo Maischberger auch dann nicht einschreitet, wenn ihre ruhig und differenziert vorgetragenen Beiträge als "Gesabbel" beschimpft werden. Mit dieser engen und einseitigen Agenda hat Maischerger die Stimmung in der Runde immer wieder angeheizt. Die politischen Themen des Gipfels, das Anliegen der zumeist friedlichen Demonstranten, und der politische Kontext der Gewalt hatten in der Runde keinen Platz.

Achtermann 14.07.2017 | 16:59

Auch mal interessant zu gucken, wie die rechte Presse diesen Vorgang verarbeitet. Focus hat dazu einen Medienwissenschaftler interviewt. Hier ein Auszug:

FOCUS Online: Sie hat sich anschließend ausdrücklich dafür entschuldigt, dass sie Jutta Ditfurth zum Verlassen der Runde aufgefordert hat. Was halten Sie davon?

Rota: Dies ist der Kotau vor einer sich völlig daneben benehmenden Ditfurth, die ihre Gastsituation missbraucht. Eine Entschuldigung bei Herrn Bosbach für den Auftritt von Frau Ditfurth wäre wohl besser angebracht gewesen. Insofern hat sie ihre Fehlinterpretation der Situation über die Sendung hinaus verdeutlicht.

Franco Rota, heute Professor, lernte Journalismus. Er arbeitete u.a. für die Bildzeitung, das Bayerische Fernsehen, die ARD Tagesschau und die Bunte.

koslowski 14.07.2017 | 18:29

Ja, Scholz sollte zurücktreten und die Verantwortung für politische Fehlentscheidungen und die Fehler der Polizeiführung übernehmen. Der Unterschied zum 2.Juni 1967 muss aber klar sein: Albertz‘ Polizei tötete einen unbewaffneten Demonstranten, in Hamburg wurden vor allem Polizisten Opfer von Gewalt. Der Einsatz der Polizei wird sicher Gegenstand von Ermittlungen durch Staatsanwälte und einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss sein.

miauxx 14.07.2017 | 19:05

"[...] in Hamburg wurden vor allem Polizisten Opfer von Gewalt."

Und danach sind dann die Kollegen, die "heldenhaften" (O. Scholz), halt auch etwas böse geworden. Ist ja verständlich, nicht wahr?

"Der Einsatz der Polizei wird sicher Gegenstand von Ermittlungen durch Staatsanwälte und einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss sein."

Vor den Staatsanwalt wird da mit Sicherheit gar nichts kommen. Das bleibt schön in der Polizei. Dass nun gegen 35 Beamte ermittelt werde, ist das Beruhigungspflaster angesichts untrüglicher Bilder, die durchs Netz fliegen. Wann hat man je einmal Polizisten wegen Körperverletzung im Amt vor dem Richter gesehen? Wie gesagt, Beruhigungspflaster, vorgetäuschter Aktionismus und schon bald hat es der Bürger eh wieder vergessen und keiner fragt mehr danach.

miauxx 14.07.2017 | 19:22

Ich weiß nicht, ob bei unseren "Talk, Talk, Talk"-Sendungen noch ein tieferer Punkt zu erreichen war, als der, auf dem sie ohnehin schon sind. Es genügt eigentlich schon die Auswahl der Studiogäste, die, im Schnitt, uninteressanter und unausgewogener nicht sein kann. Dazu scheinen einige aus der Politik- und Presselandschaft geradezu ein Abo auf Talkshows zu haben. Thema egal.

Dass der Bosbach-Abgang so ein Thema wurde, spricht ja auch geradezu für die Blutleere der Talkshows. Das Spektakulärste im vorliegenden Fall war ja gar nicht der Abgang Bosbachs (der nahezu geplant schien, dampfte er doch schon, gerade Platz genommen, bei der Vorstellung der Studiogäste, als noch keiner derer etwas gesagt hatte), sondern, dass Maischberger danach eine "Parität wiederherstellen" wollte.

Talkrunden im Ausland mögen zwar qualitativ nicht hochwertiger sein, aber es geht schon mal mehr zur Sache. Aber auch in D war da in den zurückliegenden Jahrzehnten schon einmal mehr los. Und heute gilt so ein müdes Ereignis wie der Bosbach-Abgang schon als "Eklat" ...

Achtermann 14.07.2017 | 20:09

Und heute gilt so ein müdes Ereignis wie der Bosbach-Abgang schon als "Eklat" ...

Der Eklat ist doch, dass die Moderatorin eine linke Gästin des Feldes verweisen wollte, um subjektive Parität - zwischen was auch immer - herzustellen. Auf so eine Idee muss man erst mal kommen! Dahinter kann doch nur ein krudes Verständnis von dem stecken, was Maischberger unter Diskussionskultur versteht. Immerhin hat sie schon 14 offizielle Auszeichnungen erhalten, darunter das Bundesverdienstkreuz am Bande und den Bayrischen Fernsehpreis.

Der Stern-Journalist Jörges berichtete, dass die Moderatorin während eines Einspielers Bosbach hinterhergelaufen sei, um ihn zur Umkehr zu bewegen. Dazu sei sogar die Aufzeichnung unterbrochen worden.

miauxx 15.07.2017 | 12:25

Ja. Sage ich ja auch, dass Maischbergers “Paritäts“-Idee das Bemerkenswerteste war. So kindergartenmäßig: Du, Jutta, hast den Wolfgang geärgert und stellst dich jetzt in die Ecke. Tatsächlich hat Ditfurth ja nichts getan, was die Idee Maischbergers rechtfertigte. Bosbach hätte Dirfurth auch demonstrativ ignorieren o.ä. können, was souveräner gewirkt hätte, als den demonstrativ Beleidigten zu geben. So, wie es lief, ist ja aber gerade ein Ausdruck überdisziplinierter Piefigkeit in solcherart Veranstaltungen hierzulande.

30sec 15.07.2017 | 14:26

"Laut Polizeisprecher Vehren enthalten die Verletztenstatistiken außerdem auch einsatzbedingte Ausfälle, die nicht auf Gewalteinwirkung zurückgehen, etwa Dehydration, Kreislaufprobleme und weitere Erkrankungen. Auch die hohen Temperaturen während des Einsatzes hätten den Beamten zugesetzt und für Ausfälle gesorgt, die sich in der Statistik niedergeschlagen hätten.

"BuzzFeed" zufolge waren von den 476 verletzt gemeldeten Beamten 21 am Tag nach der Verletztenmeldung noch nicht wieder einsetzbar."

Das war nach den Legenden über verletzte Polizisten beim G8-Gipfel Heiligendamm 2007 nicht anders zu erwarten. Siehe ND: Die Mär der 433 verletzten Polizisten von G8 in Rostock.

Hunderte durch (selbstredend linke) Extremisten verletzte Polizisten werden stets bei allen Medien in fetten Überschriften herausgestellt, um ein paar Tage später dann in wenigen Medien einen Bruchteil zu bestätigen. Die Legende aber lebt weiter bis zur nächsten Großdemonstration, um dort wieder hervorgeholt zu werden. Ad infinitum.

Achtermann 15.07.2017 | 15:01

Ergänzend sei hinzugefügt, dass diese Zahl der angeblich oder tatsächlich verletzten Polizisten in den Verfassungsbericht aufgenommen wird. So steht im aktuellen, der kürzlich für 2016 veröffentlicht wurde, dass es 359 Körperverletzungen gegenüber der Polizei bzw. Sicherheitsbedienstete gegeben habe. Wie diese Zahlen zustande kommen, ist schwerlich objektiv nachprüfbar. Aber mit sochen Zahlen wird wieder Politik gemacht.

In der Kurzversion des Verf.-Berichts wird auf die Gefährlichkeit der autonomen Szene hingewiesen:

Hauptträger linksextremistischer Gewalt sind die Autonomen. Deren Anzahl hat weiter zugenommen. Gestiegen ist auch ihr Aktions- und Aggressionsniveau – dies zeigt sich insbesondere bei gewalttätigen Übergriffen auf tatsächliche oder vermeintliche Rechtsextremisten sowie bei Angriffen auf die Polizei. Autonome üben Gewalt als Straßenmilitanz und durch klandestine Aktionen aus (insbesondere Brandanschläge und Farbschmierereien), sie schrecken aber auch vor körperlichen Attacken nicht zurück und nehmen schwerste Verletzungen ihrer Opfer in Kauf.

30sec 15.07.2017 | 20:05

Besonders groteske Verbalverrenkungen führt die hessische Polizei vor, wenn ausgerechnet deren Vertreter, die sich durch den dokumentierten Pfeffersprayeinsatz gegen eine Demonstrantin hervortaten, in Hundertschaft-XL-Stärke durch eigene Gasschwaden verletzt wurden, dann aber später behaupteten, Demonstranten seien dafür verantwortlich.
Frankfurter Rundschau:
"Demonstrationsbeobachter waren hingegen davon ausgegangen, dass es sich in vielen Fällen um „friendly fire“ gehandelt hat. Dann hätten Beamte Reizgas in die Augen bekommen, das von Kollegen versprüht worden war. Tatsächlich sollen sich aber all diese Polizeibeamten die Atemwegsreizungen in der Nacht zum Sonntag bei der Räumung eines Platzes im Hamburger Schanzenviertel durch Pfefferspray von Gipfelgegnern zugezogen haben. Nun fragen sich Beobachter, wie Demonstranten ein solcher Großangriff mit Spray gelungen sein soll."

Anelim Aksnesej 16.07.2017 | 01:43

Danke für die Verlinkung und gerne gelesen.Wer wie die beiden Teilnehmer Bosbach und Lenders so schlicht redet mit dem ultimativen Bellreflex und so schön gegen die Wand läuft,der ist selber schuld,wenn er dann geht.Und dann kam doch noch das Totschlagargument Intellektuelle.Bosbach und Lenders denken und reden schwarz-weiß und das bleibt wohl so. Aken war so gelassen,daß die sich nur auf J.Ditfurth einschiessen konnten.

Achtermann 16.07.2017 | 08:49

Beachtenswert ist seine Aussage über das Gebaren Bosbachs:

Dass er sich unmittelbar nach den Krawallen in Hamburg auf n-tv derart in Rage redet, nur weil er von der Interviewerin nach einer möglichen falschen Polizeitaktik gefragt wird, spricht nicht eben für eine realitätsbezogene Wahrnehmung der Dinge. Vielmehr mag man hier dem eigenen Lager entsprechen und um Himmels willen nur nicht am Gewaltmonopolisten Polizei Zweifel anbringen.

Daraus lässt sich sein Diskussiosnansatz bei Maischberger ableiten: Keine abwägende Diskussionshaltung, sondern nur eines: Propaganda. Propaganda auch dann, wenn das ausführende Organ des Rechtsstaats, die Polizei, die Grundrechte der Bürgerinnen und Bürger mit Füßen tritt (im wahrsten Sinne des Wortes). Bedenklich ist, dass sich in den Medien Verteidiger Bosbachs finden lassen. Dazu gehört auch Maischberger, die ihn bekniete zu bleiben. Auch wenn es ihr als Inhaberin einer Produktionsfirma um die eigene Reputation gegangen sein mag, da im Augenblick von Bosbachs Abgang für sie zu befürchten war, dass es einen nicht gut steuerbaren medialen Nachklang geben werde.

Montaine Duvall 16.07.2017 | 16:37

Man muß mit Bosbach nicht übereinstimmen, aber für mich war er jemand dem man zuhören konnte, den man ernst nahm.

Im Gegensatz zu vielen in der Politik, die man mit Fleiß versucht zu überhören um keinen geistigen Schaden zu erleiden.

Man paßt sich geistigem Dünnpfiff zu schnell an. Da heißt es vorsichtig zu sein.

In dieser Sendung hat mich Bosbach enttäuscht. Hätte mehr von ihm erwartet.

Da ging es in den 60er und 70er anders zu. Sein Abgang hat etwas Mimosenhaftes. Und das im heutigen Politikbetrieb?

Achtermann 16.07.2017 | 17:19

Man muß mit Bosbach nicht übereinstimmen, aber für mich war er jemand dem man zuhören konnte, den man ernst nahm.

Immerhin gilt er als Rechtsaußen seiner Partei. Zu seinem eigenen Rückzug sagte er:

"In einigen wichtigen politischen Fragen kann ich die Haltung meiner Partei nicht mehr mit der Überzeugung vertreten, wie ich sie gerne vertreten würde - und wie ich sie auch vertreten müsste, falls ich noch einmal für die CDU für den Bundestag kandieren würde."

Montaine Duvall 16.07.2017 | 17:32

Auch wenn jemand eine konträre Auffassung hat kann ich ihm zuhören oder ihn ernst nehmen, wenn man sich mit ihm auf einem gewissen Niveau unterhalten kann oder er seine Meinung nachvollziehbar belegt. Das bedeutet nicht, daß man seine Argumente teilt.

Man kennt ja diverse Prominenz die kaum imstande ist einen sinnvollen Satz zu bilden oder Argumente zu präsentieren, die das Nachvollziehen wie es zu einer bestimmten Meinung gekommen ist möglich macht.

Ich glaube, daß Bosbach aufgrund eigener Überlegungen oder Erfahrungen zu seiner Meinung gekommen ist. Das ist schon mehr als bei vielen anderen.

Hier kann man dann auch argumentativ angreifen und sich mit seiner Sichtweise auseinandersetzen.

Achtermann 17.07.2017 | 13:31

Der Focus, versucht nun mit Hilfe des Mitdiskutanten und CDU-Mitglieds Joachim Lenders, Frau Ditfurth den Eklat, der von Bosbach und ihm selbst zu verantworten ist ("Sie haben ja sowieso keine Ahnung! Es ist doch einfach Gesabbel, was Sie da machen! Einfach dummes Gesabbel!"), in die Schuhe zu schieben. Es wird, wie das neudeutsch heißt, am Narrativ gearbeitet.

Lenders und der Focus gehen in dem Interview nicht auf die Inhalte, die Ditfurth dargelegt hat, ein. Es wird weiterhin nur Stimmung erzeugt: "Und die mitunter wirklich unerträglichen Einwürfe von Frau Ditfurth ließen schon eine gewisse Spannung und Hitzigkeit aufkommen." Welche das konkret sind, hätte man doch gerne gewusst. Kein Wunder, dass ein Leser dieses Interviews dann Ditfurths Diskussionsstil so kommentiert: "Das ist doch nicht das erste Mal , das (sic!) die ausrastet." Ausgerastet sind andere, nämlich Bosbach und der Interviewte himself.

blog1 17.07.2017 | 16:03

Was flällt mir dazu ein. Vielleicht der Refrain aus dem Song

"You say it best, when you say nothing at all"

https://www.youtube.com/watch?v=7xrxrEEGVdM

Endlich ist einmal etwas passiert in der Talk-Politshow. Bosbach verlässt die Bühne, weil u.a. die Gefahr droht, dass sein Herzschrittmacher seinen Geist aufgibt.

Frau Ditfurth bleibt demonstrativ sitzen, weil sie spürt, dass Frau Maischberger die Sendung nicht mehr im Griff hat.

Das in jeder Sendung obliatorisch auftretende Krokodil hat die Sendung gesprengt, weil plötzlich zwei Krokodile im Raum waren.

Natürlich kann man über den Sinn und Zweck solcher Sendungen streiten. Es geht dort stets um Selbstdarstellung und der Moderator wird an den Einschaltquoten gemessen.

Bosbach ist der Law&Order Mann der Union, der offensichtlich den Landtagswahlkampf in NRW zu Gunsten der CDU beinflusst hat.

Wenn jemand wie Bosbach auf eine linksintellektuelle und demontrationserfahrene Person wie Frau Ditfurth trifft, muss das Funken schlagen. Das hätte Frau Maischberger wissen müssen.

Aus meiner Sicht hat van Aken eine ganze gute Figur gemacht, weil er ruhig und sachlich seine Argumente vorgetragen hat.

Deshalb und nur deshalb treten dort Politiker auf, weil sie dem neutralen Zuschauer demonstrieren wollen, das sie ruhig und sachlich argumentieren können.

Derjenige Zuschauer, der eine verfestigte politsche Überzeugung hat, will nur seinen eigenen Echoraum bestätigt sehen, so wie er nur Blogs und Kommentare liest, die seine (vorgefasste) Meinung widerspiegeln. Alles andere sind fake news.

Achtermann 17.07.2017 | 16:52

Derjenige Zuschauer, der eine verfestigte politsche Überzeugung hat, will nur seinen eigenen Echoraum bestätigt sehen, so wie er nur Blogs und Kommentare liest, die seine (vorgefasste) Meinung widerspiegeln. Alles andere sind fake news.

Das kann so sein, muss aber nicht. Nach dieser Logik wäre der augeklärteste Zuschauer derjenige, dessen politische Anschauungen und Meinungen variieren. Variieren zwischen was? Den Parteien etwa, die sich nur in Nuancen unterscheiden? Also der sogenannte Wechselwähler, der sich oft erst in der Wahlkabine oder auf dem Weg zu ihr angeblich entscheiden soll. Dass dieser Typus alle Seiten prüft, ich meine damit nicht die Haarspaltereien, die die Mainstreamparteien produzieren, halte ich für eine gewagte These.

blog1 17.07.2017 | 17:34

in der Tat ein guter Beitrag eines Polizisten, der dabei war.

Ich möchte hier das Augenmerk auf die politsche Verantwortung richten.

Aus meiner Sicht hätte der G20-Gipfel niemals in Hamburg stattfinden dürfen. Wenn es stimmt, dass es vorab eine Lageeinschätzung des BKA und des LKA Hamburg gegeben hat, die klar zum Ausdruck gebracht hat, dass es zu massiven Übergriffen von gewaltbereiten Kriminellen kommen wird und demzufolge ein Schutz der Hamburger Normalbürger nicht gewährleistet werden kann, dann darf eine solche Veranstaltung dort nicht stattfinden.

Die Ausschreitungen waren also vorhersehbar. Aus meiner Sicht liegt die politische Verantwortung in Berlin im Bundeskanzleramt und in Hamburg beim Regierenden Bürgermeister. Wenn die Profilneurose einzelner Pollitiker Vorrang vor dem Schutz des Normalbürgers hat, dann lässt dies tief blicken.

Dass in der Polizeitaktik und in der Anwendung polizeilicher Gewalt Fehler gemacht bzw. Grenzüberschreitungen getätigt wurden, ist zwar richtig und muss auch geahndet werden. Das Ganze wäre aber nicht passiert, wenn die Veranstaltung abgesagt worden wäre.

Noch etwas zu den Vorfällen auf einem Dach im Schanzenviertel. Wenn von dort aus Wurfgeschosse. zentnerschwere Steinplatten bzw. Stahlkugeln aus profesionellen Zwillen auf die Polizisten geworfen bzw. abgefeuert werden, dann erfüllt dies den Tatbestand des versuchten Mordes. In den USA und wohl auch woanders hätte dies unweigerlich den Schusswaffengebrauch zur Folge gehabt.

Das ist zum Glück nicht passiert. Beim nächsten Mal wird es aber passieren.

Auch lohnt ein Blick nach Bayern. Beim G7 Gipel wurde ein Ort gewählt, der relativ leicht abzuschirmen war. Es ist vergleichsweise wenig passiert. Dies beweist meine These, dass der Ort ein denkbar schlechter war.

blog1 18.07.2017 | 11:14

Ich möchte mir ungern das Wort im Munde umdrehen lassen. Ein aufgeklärter Zuschauer ist primar jemand, der sich verschiedene Meinungen anhört, abwägt und sich dann seine eigene Meinung bildet.

Ein festgefügtes, zumeist ideologisch geprägtes Weltbild trägt jedenfalls in den meisten Fällen nicht dazu bei, sich eine ausgewogene und damit alle Seiten berücksichtigende Meinung zu bilden.

Achtermann 18.07.2017 | 11:44

Das ist ein komplexes Thema, das zwischen Beliebigkeit und Klassenstandpunkt angesiedelt ist. Ich kann nicht nachvollziehen, dass weiter oben die Bloggerin Jana Fiedler schreibt:

Ich bin kein Freund der Union, aber Bosbach habe ich im Laufe der Jahre schätzen gelernt.

Du selbst bist der Auffassung "Bosbach ist der Law&Order Mann der Union." Diese Auffassung teile ich. Die Frankfurter Rundschau geht heute noch ein Stück weiter. In einer Kolumne schreibt Michael Herl über den CDU-Mann:

Der Mann war so entlarvend arm an Argumenten, dass ihn jede Mittelstufensprecherin eines x-beliebigen Gymnasiums mit wenigen Sätzen außer Gefecht gesetzt hätte.

Da frage ich mich, was in aller Welt mag an diesem Politiker schätzenswert sein? Aber vielleicht wägte Jana Fiedler intensiv ab, während Michael Herl einem ideologisch geprägten Weltbild nachhängt.

Nebenbei erfährt der Leser noch, dass Ditfurth zweite Wahl gewesen sei, da die ursprünglich angesprochene Erika Steinbach (kürzlich noch CDU) abgesagt hätte.

blog1 18.07.2017 | 15:30

zunächst einmal zu den Personen. Bosbach ist ein Schwätzer, der sich ja durch seine oppositionelle Haltung zu Merkel in der Finanzkrise einen "Namen" gemacht hat. Als Mitglied des Innenauschusses positioniert er sich als Law&Order Mann und das hat Laschet im Wahlkampf in NRW wohl geholfen. Da galt lange Zeit der Komparativ "lasch, lascher, Laschet"

J. Ditfurth ist aber auch mit Vorsicht zu genießen, weil sie zwar auch sachliche Argumente vorträgt, im Kern aber in der Sendung bei Maischberger ein allgemeines Polizeibashing betrieben hat. Gut, jetzt kann man sagen. Maischberger wusste, wen sie sich da einlädt.

Ditfurth ist zweifellos Bosbach intellektuell überlegen und das hat sie ihn auch spüren lassen. Deshalb verließ Bosbach die Runde, weil er sich argumentativ nicht mehr zu wehren wusste. Höchst amüsant fand ich die zuvor erfolgten mehrfachen Ankündigungen, die Sendung verlassen zu wollen, wenn das "unerträgliche Verhalten" von Frau Ditfurth nicht endlich aufhört.

Ich halte solche Talkrunden für überflüssig, weil es ja nicht um den Austausch von Argumenten geht, sondern primär um die Selbstdarstellung der Teilnehmer.

Wenn man sich allerdings ein Bild als neutraler Beobachter machen will, sind solche Runden aufschlussreich, weil sich ein Mensch nicht auf die Dauer verstellen kann. Früher oder später lässt sie/er die "Hosen runter".

Positiv aufgefallen ist mir generell Frau Wagenknecht, die sich praktisch immer unter Kontrolle hat, sachlich klar bleibt, sich nicht aus der Ruhe bringen lässt und damit ihre politischen Gegner zur Weißglut treibt.

Rüdiger Grothues 18.07.2017 | 23:21

"Nebenbei erfährt der Leser noch, dass Ditfurth zweite Wahl gewesen sei, da die ursprünglich angesprochene Erika Steinbach (kürzlich noch CDU) abgesagt hätte."

Das hat mich umgehauen.
Dein Beitrag stellt ja zurecht die seltsamen "Paritätsbemühungen" Maischbergers zur Diskussion, der zur Folge nach Bosbachs Abgang auch Jutta Ditfurth zu gehen habe.
Wie sieht es aber mit dem Proporz aus, wenn eigentlich Erika Steinbach als Teilnehmerin vorgesehen war? Eine leicht rechtslastige Disparität?
Da wirds echt schräg.
Aber letztlich dürfte ein gewisses Krawallpotenzial, verstanden als Gegensatz zu der Bemühung, eine Argumentation in Gang zu setzen, für Maischbergers Produktionsfirma im Vordergrund stehen.

denkzone8 19.07.2017 | 08:05

unversöhnlich-erscheinende gegnerschaft schockiert

vor dem schlafen-gehen.

ein allzu-fades bett-hupferl läßt den zuschauer

aber auch unbefriedigt den tag beenden.

maischbergers nette runde darf nicht zum kaffee-kränzchen werden. den sende-platz erhält sie nur, wenn sie zuschauer

in dosierter weise belebt.

mit ihrem kleinen krawall im maß-anzug

liegt sie wohl richtiger, als sie befürchtet.

bei einer produktions-firma

gehts immer auch um den erhalt von einkommens-plätzen.

Achtermann 19.07.2017 | 08:58

Dieses Thema hat Weiterungen. Dazu gibt es widersprüchliche Aussagen. Die FR-Kolumnist schreibt in besagtem Artikel: "

Zuerst war ich enttäuscht über die Absage von Edelflüchtling Erika Steinbach."

Steinbach sagt, sie sei ausgeladen worden. Über Twitter publizierte sie:

"Zwei extreme Linke morgen bei Maischberger. Unter Vorwand des Themenwechsels wurde ich gestern ausgeladen."

Maischbergers Redaktion behauptet, Steinbachs Nichtteilnahme hinge mit einem Themenwechsel zusammen. Zunächst sollte die Sendung "CDU und ihre konservativen Werte" heißen. Man sei kurzfristig umgeschwenkt.

Achtermann 19.07.2017 | 09:05

Wenn ich das beantworten könnte. Der ausgebrochene Disput um die Besetzung der Runde und den vorzeitigen Abgang des CDUlers zeigt, dass es sehr wichtig scheint, wer in einer Talkrunde sitzen kann und wer nicht. Natürlich kann man das Fernsehen links oder rechts liegen lassen und sagen, das interessiert mich nicht. Nicht zu bestreiten dürfte sein, dass das TV einen großen Einfluss auf die Meinung der Bevölkerung hat, wenn nicht sogar den größten von allen Medien. Dass man sich damit beschäftigen sollte, wenn man die Meinungsbildung in der Gesellschaft verstehen will, liegt also nahe.

Achtermann 19.07.2017 | 09:19

bei einer produktions-firma

gehts immer auch um den erhalt von einkommens-plätzen

So ist es. Deshalb ist es aus der Sicht der Betreiber der Produktonsfirma notwendig, möglichst viele Zuschauer an die Glotze zu kriegen. Ein Faktor ist sicherlich die Prominenz der Teilnehmer. Ein weiterer Aspekt dürfte die politische Zusammensetzung sein: (vermeintlich) links, (vermeintlich) Mitte und rechts, damit den Zuschauerinnen und -schauern eine Identifikationsfigur präsentiert werden kann. Wer dann noch pointiert emotional redet wie Bosbach - auch wenn's stussig ist -, steigert seine Einladungsquote, da er potenziell zum Fortbestand des Produkts Talkshow beiträgt.

Sikkimoto 19.07.2017 | 12:24

Das stimmt. Wer zb Wahlkamfleiter ist oder Generalsekretär sollte sich mit so etwas befassen. Die Talkshows haben schon Relevanz für die öffentliche Meinung. Aber kaum als "Meinungsbildung", sondern als Meinungserhalt. Die Talkshows haben den Zweck, die herrschende politische Ideologie in den Köpfen zu zementieren und keinen anderen. Von daher gibt es da für progressive Kräfte wenig zu gewinnen. Der Nutzen, bei dem Spiel mitzumachen beschränkt sich meiner Meinung nach darauf, dann und wann konservative/neoliberale Lebenslügen ins Licht zerren zu können und die Konsumenten einmal kurz aus der Komfortzone zu holen. Den Anteil derer, bei denen dadurch ein Anstoß für weitergehende Gedanken gelegt wird schätze ich aber nicht sehr hoch.

Einen nennenswerten Informationsgehalt bezüglich aktuell wichtigen politischen Themen gibt es idR nicht. Als Medienkonsument lasse ich deshalb die Finger von diesen Produkten.

Ich erinnere mich dunkel an Zeiten, als ich politisch noch inkonsequenter war. Ich habe da auch Talkshows konsumiert, mich aufgeregt, usw. Ist vielleicht eine gängige Etappe auf dem Weg der Radikalisierung. Eine gedankliche Hürde, die überwunden werden muss um mit der herrschenden Ideologie vollständig zu brechen. Ist das so wäre es für progressive Kräfte wichtig, diese Hürden zu senken. Analysen, wie sie sie geleistet haben wären dann ein wichtiger Anfang. Freilich nur, um danach weiterzugehen. Die Fragestellung müsste lauten: wie gestalten Teilnehmer eine Diskussionsrunde so, dass sie als Manipulationsversuch erkannt wird. Quasi Teilnahme mit Ziel einer Abkehr des Zuschauers.

w.endemann 19.07.2017 | 14:13

Mal wieder reingeschaut in den Thread. Köstlich der Zacher und köstlich sein Interviewer. Das Irritierende und Fesselnde bei Zacher ist, man weiß nie, ob er es ernst meint. In den Filmen spielt er keine Rollen, sondern immer sich selbst, aber vielleicht spielt er auch nur die Rolle Zacher. Und vielleicht war das Nichtinterview von Anfang bis Ende inszeniert. Dann hätte es ein paar kleinere Schwächen, wahrscheinlicher war es improvisiert und so ein kleines Meisterstück.

Da fällt mir noch ein, es gibt ja (wie sich kabarettistisch bemühende Politiker – auf den schwachen Inszenierungsversuch Bosbachs wurde schon hingewiesen) zahlreiche Politiker imitierende Kabarettisten, die auch mal ein Interview mit sich selbst oder ein Rollenspiel vorführen. Im Zeitalter der Postfaktizität ist es doch naheliegend, immer öfter perfekt geschminkte Doubles der üblichen Polittalks aufeinander losgehen zu lassen, gut inszeniert oder gut improvisiert, dh zum Verwechseln ähnlich und doch radikalisiert als die höhere Wahrheit der künstlerischen Lüge. So könnte das Fernsehen, das Medium unserer Spaßkultur, subversiv werden, wenn die Dekonstruktion des Politischen den hohlen Manipulationsbetrieb sichtbar macht und eine ernsthafte Suche nach dem Politischen nach sich zieht.

Rüdiger Grothues 20.07.2017 | 10:56

"Hallo! Ooooolaf! Ist jemand daheim in Deinem Gehirnkasterl?" Michael Herl (hier)

Ist ja tatsächlich was los in der Causa Erika Steinbach.
Ich gehöre auch zu den seltsamen Wesen, die weiterhin die FR lesen (siehe dazu auch hier), und natürlich auch die Kolumnen von Michael Herl. Am besten sind immer die empörten Reaktionen, wenn Herl mal wieder über Gott und die Welt herzieht, vor allem über Gott.
Mal so off topic gesprochen.