Festivaltagebuch - Tag 2. Ein Abend im FaF

Eindrücke "Ich brauche keine Millionen – Ich brauch‘ nur Kurzfilme zum Glück!" Ortwin Bader-Iskraut hat den Festivaldonnerstag im Filmtheater am Friedrichshain verbracht
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Regisseur Fabian Möhrke (Millionen) mit Team
Regisseur Fabian Möhrke (Millionen) mit Team

Bild: Christine Kisorsy

Was würden Sie machen, wenn sie viel Geld im Lotto gewonnen haben?
Auf diese Frage werden sicherlich viele Menschen eine konkrete Antwort geben. Doch wirklich in die Situation hinein fühlen können sich wohl die wenigsten. Das Langfilmdebüt von Fabian Möhrke (Regiestudent der HFF „Konrad Wolf in Potsdam-Babelsberg) geht dieser spannenden Frage auf den Grund und bietet nach Filmende reichlich Anlass für Diskussionen.
Enddreißiger Thorsten ist ein jung gebliebener, aber dennoch ein wenig spießiger Durchschnittsdeutscher, der es sich mit Frau und pubertierendem Sohn am Rande von Berlin gemütlich gemacht hat. Er ist mit seinem Leben zufrieden so wie es ist und spielt wohl eher aus einer Mischung aus Gruppenzwang und Langeweile gemeinsam mit seinen Bürokollegen regelmäßig Lotto. So trifft ihn die Nachricht, dass er auf einen Schlag satte 22 Millionen Euro gewonnen hat, wie ein Schock und bringt ihn als allererstes mit einer Alkoholvergiftung in die Notaufnahme. Nach und nach gerät das idyllische Familienleben aus den Fugen und der Zuschauer wird mit der Wahrheit konfrontiert, dass Geld eben nicht nur nicht glücklich macht, sondern sogar einiges Unheil anrichten kann.
Was zunächst recht düster klingt, wird jedoch immer wieder von einigen herrlich komischen Situationen aufgelockert, die zum großen Teil der Improvisationsfreude der sehr authentischen Darsteller zu verdanken sind, u.a. Andreas Döhler, Carola Sigg, Levin Henning und Peter Trabner (der zurzeit beim Festival zweimal Improvisationstraining für Filmschaffende und Schauspielkollegen und –Kolleginnen unterrichtet). Der sehr trockene Humor passt zum Gesamtton des Films, der auch durch den sehr sparsamen Einsatz von Filmmusik einen kammerspielartigen Charakter bekommt.

Die Kamera konzentriert sich während des gesamten Filmes auf dem Protagonisten, dessen Wandlung vom etwas kindischen, rundum zufriedenen, hin zum überforderten und verzweifelten Mann eindrucksvoll wiedergegeben wird. In der letzten Szene des Films zeigt die filmische Metapher des Kletterns auf einen Baum noch einmal, wie hilflos Torsten ist, wenn er "ganz oben" angekommen ist – und wie tief man fallen kann. Ein unauffälliges und dennoch eindrucksvolles Werk und eine gelungene Eröffnung des Wettbewerbs des „new berlin film awards“.


Quer durch den Garten: Kurzfilmprogramm 1

Zu späterer Stunde begrüßte Festivalleiter Hajo Schäfer den noch gut besuchten Kinosaal im Filmtheater am Friedrichshain zur ersten Runde des Kurzfilmwettbewerbs: „Jeder Film steht für sich, da kann sich auch ruhig etwas reiben“ – unter diesem Motto stellte Hajo Schäfer die sehr heterogene Sammlung von insgesamt sechs Kurzfilmen aus den unterschiedlichsten Genres vor. Gleich zu Beginn stellte er klar, dass er kein Freund von thematischen Eingrenzungen sei und so erwarteten die Zuschauer zwei sehr abwechslungsreiche Stunden.

Den Anfang machte „The Silence Between Two Songs", ein sehr einfühlsames Portrait über ein nach Berlin eingewandertes Geschwisterpaar aus Portugal. Einige autobiographische Parallelen der Protagonistin Laura zur ebenfalls portugiesisch-stämmigen Regisseurin wurden im Nachgespräch deutlich. Gleich zu Beginn, wenn die – erwachsene – Laura zu ihrem großen Bruder ins Bett kriecht, weil sie nicht schlafen kann, wird dem Berliner Zuschauer verdeutlicht, dass das Leben in einer fremden Großstadt sehr fordern kann. Der geschwisterliche Tanz zum Schluss, nachdem klar ist, dass sich die Wege trennen werden, ist ein herzzerreißendes Statement zur geschwisterlichen Zuneigung. Ein sehr nachdenklich stimmendes Werk über das Verlorenheitsgefühl in einer fremden Umgebung und die Bedeutung einer familiären Bindung.

Es folgte „Tears", eine Hommage an die bekannte Hollywoodikone aus vergangenen Zeiten, Bessie Love. Ein stimmungsvolles Szenenbild und eine fantastische Ausstattung ließen das sehr geringe Produktionsbudget kaum erahnen. Zudem gelang es dem Soundtrack, trotz sparsamer Instrumentierung Hollywoodfeeling aufkommen zu lassen. Die englischsprachige Umsetzung mit deutschen Schauspielern könnte man sicherlich diskutieren, dennoch weckte auch dies Assoziationen des goldenen Filmzeitalters in Amerika.

Direkt im Anschluss kam die Premiere von „Schwarzer Freitag", einer komplett in Schwarzweiß produzierten, wunderbar überdrehten Komödie über das Prinzip Galgenhumor. Hier wurde über alles gelacht, egal ob schlechte Nachrichten oder wirklich lebensbedrohliche Situationen. Konsequenterweise wurde dann auch zum Schluss in Anwesenheit der Protagonisten einfach ein Haus gesprengt. Der Dreiminüter wurde vom Publikum mit herzhaften Lachern und sympathiebekundendem Applaus bedacht.

Der nächste Film, „Les fidélités" war ein Film über ein gerade aus Berlin nach Paris emigriertes Mutter-Tochter-Gespann. Den Zuschauer erwartete ein sehr stilles Portrait, welches von seiner besonderen Authentizität lebte. Der halbdokumentarische Film entwickelte seine ganz eigene Dynamik durch die Tatsache, dass die beiden Protagonistinnen auch im wahren Leben verwandt sind. Ein sehr schönes Debüt für die junge Darstellerin, der man ihre Rolle hundertprozentig abnahm.

Es folgte mit „Circuit" der wohl am meisten bejubelte Film des Abends. Die Regiearbeit von Robert Gwisdek (Schauspieler in „3 Zimmer, Küche, Bad“), vielen wohl auch bekannt als Hip-Hop-Künstler Käpt'n Peng, war im Grunde eine Visualisierung der philosophischen Frage, was ein Mann macht, der in einem Raum gefangen ist. Ein Elektriker, der einen Raum zur linken Seite verlässt und damit gleichzeitig zur rechten wieder betritt? Klingt inhaltlich nicht besonders aufregend, war es aber. Ein sehr einfaches Grundkonzept, dass durch viele absurde Ideen für Überraschungen sorgte und viele Lacher provozierte. Man ist gespannt auf die nächsten Projekte des Künstlers, die ja bekanntlich nicht nur filmische Arbeiten betreffen.

Hier hätte man durchaus den Höhepunkt des Abends erreicht, doch noch stand ein Kurzfilm aus: Den Schlusspunkt setzte nämlich die experimentelle Produktion „Ich habe geträumt, dass Berlin brennt". Visueller Höhepunkt war eine sehr aufwendige Kranfahrt der Kamera, die von vielen Seiten gelobt wurde. Was jedoch den Inhalt des Filmes anging, so konnte auch der Regisseur Bastian Gascho nicht viel zur Aufklärung beitragen. Die eher detailarme Beschreibung des Entstehungsprozesses des Filmes („Ich hab das so geschrieben, und dann hat sich das irgendwie noch mal geändert") wirkte dennoch sympathisch und macht neugierig auf weitere Ideen von Gascho.

Insgesamt ein sehr abwechslungsreicher Abend, der Lust auf die nächsten Kurzfilmblöcke macht.

Von Ortwin Bader-Iskraut / im Rahmen des Studiengangs Journalistik an der Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation – MHMK, Standort Berlin.
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

achtung berlin

Der achtung berlin - new berlin film award ist ein Filmfestival, das sich mit Leib und Seele dem Hauptstadtkino verschrieben hat. 9.-16. April 2014
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