Andrea Wierich
11.01.2014 | 12:38 10

Die Wirkungsmacht der Klobürste

Hamburg Die Polizei hat Teile der Innenstadt zum Gefahrengebiet mit eingeschränkten Grundrechten erklärt. Nun kämpfen die Bürger dagegen - mit einer Klobürste

Die Wirkungsmacht der Klobürste

Foto: Screenshot, Youtube

Der Protest gegen die Proklamation des Gefahrengebiets in der Hamburger Innenstadt bedient sich zunehmend und erfolgreich satirischer Mittel. Im Internet findet sich eine Fotomontage, die das Gefahrengebiet als Gesellschaftsspiel für die ganze Familie präsentiert – da kann es auch mal Puff machen und dann gibt es ein großes Hallo und viel Spaß. Ebenfalls kursiert eine „Bonuskarte Gefahrengebiet“, die in Anlehnung an handelsübliche Sammelkarten ein Grundgesetz gratis bei der zehnten Polizeikontrolle verspricht. Auch im realen Leben wird der Protest immer humorvoller: am Donnerstagabend fand die erste Kissenschlacht statt, weitere sind geplant, zu denen über 1.000 Teilnehmer erwartet werden.

Zur unangefochtenen Ikone des Kampfs um die Stadt entwickelt sich jedoch ein unverdächtiger Gebrauchsgegenstand: die Klobürste. Jedem von klein auf vertraut, entfaltet sie nun politische Wirkungsmacht und wird zum Symbol der subversiven Avantgarde. Wer hätte geahnt, welches Potential in diesem Feger steckt!

Die Erfolgsgeschichte begann am Dienstagabend. Um die polizeiliche Drohkulisse ad absurdum zu führen, kamen einige Hamburger auf die Idee, Dinge wie einen Rucksack voll schmutziger Wäsche, Plastiktütchen mit getrockneter Petersilie oder Gurken mit Zündschnur beim Abendspaziergang durchs Gefahrengebiet mit sich zu führen. Das ARD-Nachtmagazin zeigte denn auch prompt eine Polizeikontrolle im Gefahrengebiet, bei der ein Polizist einem jungen Mann eine Klobürste aus dem Hosenbund zog. Das Video löste einen allgemeinen Lachanfall bei Facebook und Twitter aus.

Seitdem toben sich Hamburgs kreative Köpfe an ihren Bildbearbeitungsprogrammen aus: Je nach persönlichem Geschmack kann man sich Bilder von Meister Yoda, Harry Potter, Mel Gibson oder dem kleinen Maulwurf bewaffnet mit der Klobürste auf dem Weg durchs Gefahrengebiet ansehen. Sowohl in die Flagge von Altona als auch in das Wappen von St. Pauli ist die Bürste bereits integriert worden, eine Fülle weiterer Bilder kursieren im Netz.

Doch auch im realen Leben scheint der Siegeszug unaufhaltsam. In manch einem Supermarkt der Hamburger Innenstadt waren Klobürsten zeitweise ausverkauft; kreativer Protest läuft in der Hansestadt nur noch unter dem Label „Brushmob“. „Klo-Klo-Klobürsteneinsatz“ wird von den Protestierenden skandiert, die inzwischen nur noch von der „Klolizei“ sprechen. Das Tragen der Bürste in der Öffentlichkeit ist zu einer Form des zivilen Ungehorsams geworden.

Es scheint, als wäre der Hamburger Polizeisprecher der einzige, der darauf mit bitterem Ernst reagiert. Er spricht in der ARD in dröger Beamtenmanier von der Gefahr für Leib und Leben, die in der Innenstadt bestehe, und angesichts derer sich das Lachen verbiete.

Geht's noch? Von einer ernstzunehmenden Gefahr für Leib und Leben sind in Hamburg ausschließlich die Lampedusa-Flüchtlinge bedroht, und zwar durch die Staatsgewalt – ausgerechnet die vermeintlich so gefährliche Bevölkerung von St. Pauli schützt sie.

Die Fronten haben sich in den letzten Wochen verhärtet. Umso mehr ist der Siegeszug der Klobürste zu begrüßen. Der Protest zeigt seine Souveränität in der Fähigkeit, zu spotten und ironische Distanz zu gewinnen. Auf die Einschränkung demokratischer Grundrechte reagiert die Linke mit Hohngelächter.

Die Bürste bietet sich nicht nur aufgrund der starken Ausdruckskraft fäkal assoziierter Gegenstände an, sondern auch, weil sie für all das steht, was St. Pauli und das Schanzenviertel ausmacht: sie ist unverträglich, dreckig und widerborstig. Im positivsten Sinn. Es könnte kein besseres Symbol dafür geben, dass Hamburgs Polizei mit dem Gefahrengebiet ins Klo gegriffen hat. Die Klobürste entwickelt sich zum Zepter des demokratischen Souveräns.

Kommentare (10)

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Ehemaliger Nutzer 11.01.2014 | 12:59

So lustig die Idee mit Klobürste auch ist, wäre es nicht Zeit, das unsägliche Gesetz, dass die Exekutive in Willkür ermächtigt, Teile der Verfassung auszuhebeln, dort zu Fall zubringen, wo die Menschen sitzen, die dazu berechtigt und in der Lage sind? Der Polizeisprecher lacht sich doch vermutlich in seinem Büro über die Naivität der Demonstranten krumm und scheckig.

AGD 64 11.01.2014 | 23:23

Ich glaube keinesfalls , dass sich irgendjemand bei der Polizei in Hamburg ins Fäustchen lacht. Ich denke die merken jetzt wie sehr sie ins Klo gegriffen haben mit dieser absurden " Gefahrengebiet" Politik. Inzwischen sind es ja nur noch "Gefahreninseln" . Man könnte sich eigentlich ausschütten vor Lachen , wenn es nicht so ernst wäre . Die einzige "Gefahreninsel" die ich erkennen kann liegt rund um das Rathaus von Olaf Scholz . Wahrscheinlich bekommen auch so manche SPD Mitgleder inzwischen Weinkrämpfe , wenn sie das schwindene Renomee und die schwindene Zustimmung der Hamburger zu ihrer Partei betrachten . Letztendlich einfach ein Armutszeugnis !

Fro 12.01.2014 | 01:14

Ja, die Klobürste ist subversiv - ist systemfeindlich. Davor müssen die Politikbestimmer und ihre freiwilligen Dienstleister Angst haben. Und wenn demnächst die Bürger der Gefahrenzone massenhaft Klospülkästen umhertragen, wird sich Panik bei ihnen breit machen...

Demnächst Verkauf von Klobürsten und Klospülkästen nur nach Vorlage und Registrierung des Personalausweises? Olaf Scholz und seinen polizeilichen Beratern wäre auch das zuzutrauen...

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Ehemaliger Nutzer 15.01.2014 | 08:44

äähm sagen - wir voreilig.

Hamburgs alleinregierende SPD hat die Reaktion auf das Gefahrengebiet völlig unterschätzt. Es ist nicht das erste Mal, dass sie im Umgang mit sozialen Konflikten mit dem Fingerspitzengefühl eines Polizeiknüppels handelt. Sowohl bei der Debatte über die Flüchtlinge aus Lampedusa, die bei der Kirche Schutz suchten, als auch bei der Räumung der einsturzgefährdeten Esso-Häuser zog die SPD Ordnungsmaßnahmen dem Dialog vor.

Hamburgs linke Szene fühlt sich unterdessen als Gewinnerin des Ausnahmezustands. Nach den Ausschreitungen bei der Demonstration zum Erhalt der besetzten Roten Flora war der Unmut der Bevölkerung gegen den unpolitischen Krawall zunächst groß. Als dann das Gefahrengebiet eingeführt wurde, konnten sich die Aktivisten als Opfer des Überwachungsstaats inszenieren. Diese Rolle ist bequem und hinderlich für eine Selbstkritik: Die Demonstration war kontraproduktiv für die politischen Inhalte. Statt über Flüchtlingspolitik und teure Mieten diskutiert Hamburg über Straßenschlachten und Polizeistaat. Dabei gibt es bis in die bürgerlichen Elbvororte hinein Unterstützung für die Forderungen der Protestler. Die sollten sie nicht verspielen.

http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2014-01/gefahrengebiet-hamburg-kommentar

ps. meine "grüsse" im anderen blog galten der "spd" ... da sie sich ja mit ihrer meinung nicht "verorten" ... aber doch diese positionen besetzen ...

diesmal nur an sie: grüsse ***