„Du darfst komplett anders sein!“

Punk Der Dokumentarfilm „Auswärtsspiel - Die Toten Hosen in Ost-Berlin“ erzählt von einem Geheimkonzert damaliger West- und Ostpunks. Das ist auch ein Stück gleichwertige deutsch-deutsche Geschichte
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Die Toten Hosen taumeln „ohne Masterplan“ durch die 80er Jahre und politisieren sich zunehmend bewusst. Dabei landen sie nicht nur (wie hier auf dem Bild) in Kreuzberg, sondern auch in Ostberlin
Die Toten Hosen taumeln „ohne Masterplan“ durch die 80er Jahre und politisieren sich zunehmend bewusst. Dabei landen sie nicht nur (wie hier auf dem Bild) in Kreuzberg, sondern auch in Ostberlin

Foto: Imagi/BRIGANI-ART

Zum 40-jährigen Bandjubiläum haben „Die Toten Hosen“ mit einem dreiteiligen Dokumentarfilm des Regisseurs Martin Groß sich selbst und vielen anderen ein Geschenk mit Größe gemacht. Was für Campino (*1962), Breiti (*1964), Andi (*1962) und Kuddel (*1964) ein Jahr nach Band-Gründung mit einer Reise begann, die sie in einer „Mischung aus Angst, Abenteuerlust und dem Spüren einer revolutionären Kraft“ antraten, ist vier Jahrzehnte später noch immer ein politisches Statement. Es überraschte die Rebellen von damals in seiner überdauernden Wirkkraft vielleicht selbst.

Konzerte in der DDR 1983 und 1988

1983 gaben „Die Toten Hosen“ zusammen mit der DDR-Punkband „Planlos“ ein konspirativ organisiertes Konzert in Ost-Berlin. Eingefädelt hatte es Mark Reeder, ein Musikmanager aus Manchester, der die DDR und ihre Musik des Undergrounds für sich entdeckt hatte. Fast 40 Jahre später wird Hosen-Sänger Campino über dieses Konzert sagen, dass es „ein magischer Nachmittag“ gewesen sei und bis heute zu den „tiefsten Momenten“ gehöre, die sie als Menschen erlebt hätten.

Als "Die Toten Hosen" 1988 mit der Vorgruppe „Die Vision“ aus Ost-Berlin in Pankow auftraten, hatte die Stasi ihre Freunde von „Planlos“ längst auseinander getrieben. Sänger Michael „Pankow“ Boehlke (*1964) war zur Armee eingezogen und durch die perfide staatliche Einwirkung der Band entfremdet worden. Schlagzeuger Bernd Michael Lade (*1964) und Gitarrist Michael Kobs (*1963) gründeten 1985 mit anderen Musikern, die wie sie bei der legendären Blues- und Rockmesse der ostberliner Erlöserkirche aufgetreten waren, die Band „Cadavre Exquis“.

Die Wiederbegegnung der einstigen Ost- und Westpunks mehr als 30 Jahre nach dem Mauerfall ist keine Geschichte von dumpf inszeniertem Pathos, sondern unterhaltsam, laut und tiefgründig zugleich. Die Düsseldorfer Musik-Ikonen zeigen ein sichtbar reflektiertes Interesse an den oftmals komplizierteren Lebenswegen ihrer im Geiste Verbündeten. Und die Machart des Films erlaubt es, dass gerade auch später Geborene Teilperspektiven politischer Prozesse in Ostdeutschland verstehen.

Freund und Feind des Punks: DDR-Kirche und Stasi

Von der Reise und dem ersten Konzert der Toten Hosen in Ost-Berlin sollte aus Sicherheitsgründen niemand Fotos machen. Man gab sich bei Einreise unauffällig. Allen war klar, dass die Ost-Punks deutlich mehr riskieren würden als die Jungs vom Rhein. Im Film erzählen zahlreiche Animationen und eindrückliche Soundeffekte wichtige Szenen dieser Zeit nach.

Mit Silke Klug und Maik Reichenbach alias „Cat“ und „Ratte“ kommen Zeitzeug*innen des legendären 83er Auftritts zu Wort. Frech, spektakulär, super gut aussehend seien die Hosen gewesen, erinnert sich „Cat“. Und deren Signal war: „Wir sind einer von euch und ihr seid einer von uns.“ Später wird der ehemalige Ost-Punk Geralf Pochop Andi und Kuddel davon berichten, wie er ihre Lieder sang, als er nach einem Konzert der Toten Hosen im tschechoslowakischen Pilsen von ostdeutschen Sicherheitsbehörden in Isolationshaft genommen wurde.

Freund und Feind der Punkbewegung rücken im Film schließlich mit dem damaligen ostberliner Sozialdiakon Stefan Müller und dem ehemaligen Stasi-Offizier Jürgen Breski ins Bild. Wie ein wichtiges historisches Zwischenfazit wirkt das im zweiten Teil der Doku platzierte Gespräch zwischen Breski und Campino, die sich an einem Tisch gegenübersitzen. Campino stellt die Fragen, die viele haben dürften. Breski beantwortet sie irritierend offen wie verbaut – schmerzhaft unfähig, sich selbst als handelnden Menschen zu sehen. Es bleibt schwer, sich zu erklären, warum die Stasi den Punk so sehr fürchtete.

Die Utopie in einem Lied

Der Autor und Regisseur Martin Groß hat seine sehenswerte Dokumentation mit einem glaubwürdigen Spannungsbogen versehen. In passender Dosis skizziert er die Empörung und Euphorie der Anfänge des deutschen Punk. Und zeigt, wie die Hosen „ohne Masterplan“ durch die 80er Jahre taumeln und sich zunehmend bewusst politisieren. Während auf der anderen Seite der deutschen Mauer einer Band mit gleichem künstlerischen Potential jede Chance verwehrt blieb, jemals bekannt zu werden.

Es ist genau dieser tragische Kontrast, den die Toten Hosen fast demütig für die Länge eines Liedes auflösen und in eine Utopie verwandeln können. Am Ende des Dreiteilers sind sie bei einem Unplugged-Konzert in der Pankower Hoffnungskirche zu sehen. Sie spielen ein Lied ihrer Freunde von Planlos, weil sie „etwas zurückgeben wollen“. Pankow, Lade und Kobs sitzen sichtbar geflasht in der ersten Reihe auf der Kirchenbank.

Ihr Song „Überall wohin´s dich führt“ avanciert auf eigenwillig leise Art zum Soundtrack dieser Doku. Denn nun scheint sich ein Kreis zu schließen. Der Anfang war ein Poster der „Sex Pistols“, das der Planlos-Sänger in der im Osten verbotenen Bravo auf dem Schulhof entdeckt hatte. „Alles, was in mir war“, hatte Pankow zu Beginn der Doku seine Entdeckung beschrieben, „konnte ich mit einem Mal ausdrücken.“ Er habe keine Ahnung von Punk gehabt, kannte die Musik nicht und hätte mit einem Mal gesehen: „Du kannst und darfst komplett anders sein!“ Mit dem von Campino gesungenen Planlos-Lied sind Statement und Selbstverständnis überraschend gleich.

Auswärtsspiel - Die Toten Hosen in Ost-Berlin Martin Groß Buch und Regie ARD Mediathek, 2022

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