Stadt als Soziales Kunstwerk

Spreeufer Am Rand des Flusses, der Berlin durchschneidet, wird nicht nur gebaut und demonstriert. Nebenbei wird die Zukunft der Gesellschaft verhandelt

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Er freue sich auf die Diskussion,mit dieser ambivalenten Provokation schloss der Projektentwickler Maik Uwe Hinkel die Projektvorstellung vor Teilnehmern und Zuhörern des Forums StadtSpree am 30.01.2013.

Eine Visualisierung seines Wohnturms illustriert Zeitungsberichte über das Forum, drei Wochen bleibt es noch ruhig, aber in den letzten Tagen schlägt die erwartete Diskussion publizistische Wellen von der Spree bis in die Vereinigten Staaten.... erst kürzlich hat sich ein berühmter Rettungsschwimmer dort zu Wort gemeldet: Where do I sign? How can you tear down the wall that signifies freedom, perserverance and the sacrifice of human life, twittert der singende Mime David Hasselhoff. Bei der Vorbereitung sind mehrere Segmente des längsten noch erhaltenen Abschnitts der Berliner Mauer zu versetzen, die in aller Welt als East Side Gallery bekannt ist.

Kaum ein Immobilienprojekt in der Hauptstadt erfuhr in den letzten Jahren so viel mediale Aufmerksamkeit, von 36 Wohnungen sind 20 bereits verkauft. Hinkel hat es eilig, die Baugenehmigung gilt nur noch wenige Wochen, und gerne würde man das unschuldige Lächeln des Immobilientycoons aus Plauen sehen, wenn er beim Tagesspiegel über das Telefon um Verständnis bittet: Ich kann den Familien jetzt doch nicht erklären, die sollen stattdessen nach Köpenick oder in die Rummelsburger Bucht ziehen.

Die Baugenehmigung wurde erteilt, lange bevor der Bezirk anfing, die Uferstreifen hinter der East Side Gallery als Grünfläche zu entwickeln, danach wurde die Genehmigung verlängert, so oft es eben ging. Jetzt, im März 2013 ist der letzte Moment, Kasse zu machen. Eine weitere Ausdehnung der Gültigkeitsdauer dieser steinalten Baugenehmigung ist nicht mehr möglich, einen neuen Antrag für einen Wohnturm an der Spree werden die Behörden voraussichtlich nicht bewilligen. Erst vor wenigen Monaten übernahm Hinkels Gesellschaft livingbauhaus das Ufergrundstück mit allen Genehmigungen. Wer den diskussionsfreudigen Spekulanten jetzt am Bauen hindert, läuft Gefahr, schadenersatzpflichtig zu werden. Angeblich sind ja 20 Wohnungen verkauft.... für acht- bis neuntausend Euro pro Quadratmeter an „Familien“. Das Grundstück nebenan ist ebenfalls noch in privater Hand und gehört einem israelischen Eigentümer, wie man hört, der ebenfalls justament jetzt bauen will.

Das Wissen um die beiden delikaten Vorgänge dümpelt übrigens seit Jahren in den Tiefen der zuständigen Bezirksverwaltung von Friedrichshain-Kreuzberg wie eine heimtückische Treibmine: nicht dran denken, nicht dran rühren, dann vergessen die Investoren vielleicht, dass ihre Frist abläuft, mag man gehofft haben. Im Herbst 2012 fragte der Bezirk beim Berliner Senat an, ob der Liegenschaftsfond ein Ausweichgrundstück zur Verfügung stellen kann, um die geplante Vervollständigung der Grünfläche an der Spree zu ermöglichen. Aufgrund des unterkühlten Verhältnisses zum ungeliebten Bezirk sah der Finanzsenator keine Notwendigkeit, der Anfrage nachzugehen. Heute im März 2013 möchte Herr Hinkel kein Ausweichgrundstück mehr, er richtet eine Baustelle ein...... es wird jeden Tag teurer, den Uferstreifen durchgehend als Park für die Öffentlichkeit zu gewinnen. Wird irgendwann eine hohe Ausgleichszahlung auf die Konten von livingbauhaus fließen?

Das rebellische, von Verdrängungsängsten und Mietsteigerungen schwer vernarbte Kreuzberger Herz der Empörung entzündet sich fast vorhersehbar am Bild der sozialen Arroganz, das die Visualisierung des Wohnturms vermittelt, und rasch findet sich ein Bündnis East Side Gallery retten! das Tausende zur Unterzeichnung einer Online-Petition und zu Demonstrationen vor Ort bewegt. Vertreter von Stadt und Bezirk sind gezwungen sich zu positionieren. Eine Pressekonferenz am Sonntag zeichnet ein differenziertes Bild der Absichten und Befindlichkeiten, worauf ein Artikel in der bewegungsfreundlichen taz säuerlich reagiert: Die East Side Gallery ist den Aktivisten von „Mediaspree versenken“ herzlich egal. Sie bedienen sich ihrer, um damit ganz andere Ziele durchzusetzen (Sebastian Heiser: Mauer in Geiselhaft)

Aber sind die Ziele der Aktivisten nicht legitim?

Die Menschenrechte kennen kein Recht auf Stadt. Und doch bietet die Stadt den wichtigsten Rahmen für die Verwirklichung unserer sozialen Realität, unserer Ideale und Hoffnungen. Und es ist legitim, dass Eingesessenen und Neuzuwanderer gerecht an dem teilhaben möchten, was den Reichtum einer Stadt ausmacht, am kulturellen und politischen Leben, aber auch an den Freiräumen, die Herz und Sinne öffnen: Spreeufer für alle.

Das ist die uralte Versprechung der Stadt. Wenn unsere Stadt diese nicht einhalten kann, wird sich die Stadtgesellschaft teilen - in Gewinner und Verlierer, in Vermögende und Bedürftige, in Mächtige und Ohnmächtige. Jede Stadt ist ein soziales Kunstwerk, das vom Ausgleich der Interessen lebt, zwischen ethnischen und religiösen Gruppen ebenso wie zwischen den sozialen Schichten.

Der Regierende Bürgermeister Berlins hat die causa inzwischen zur Chefsache erklärt. Jetzt wird es also richtig teuer, muss man unwillkürlich denken... vielleicht können sich die beiden versprengten Investoren an der Spree nun wirklich Hoffnungen auf hohe Ausgleichszahlungen machen?

Wenn das Husarenstück von Herrn Hinkel und seinem Nachbarn nicht gelingt, müssen sie weiterbauen (und mit Gewinn verkaufen oder vermieten), oder sie werden bald eine Bauruine am Spreestrand hinterlassen....

Am 18. März will sich das Forum StadtSpree wieder treffen.

Hier Link zur Petition

http://www.change.org/petitions/herr-wowereit-east-side-gallery-retten-keine-luxuswohnbebauung-auf-dem-ehemaligen-todesstreifen

Blick in die Presse

http://www.stadtentwicklung.berlin.de/staedtebau/foerderprogramme/stadtumbau/Aktuelles.3655+M51c778a1609.0.html

http://www.stadtspree.org/

http://www.tagesspiegel.de/berlin/ufergrundstuecke-forum-stadtspree-will-konflikte-versenken/7717136.html

http://www.sueddeutsche.de/panorama/promiblog-zu-david-hasselhoff-looking-for-east-side-gallery-1.1615833

http://www.taz.de/Protest-East-Side-Gallery/!112200/

https://www.taz.de/Desinformation/!112114/

http://www.tagesspiegel.de/berlin/east-side-gallery-ein-kulturkampf-ist-entbrannt/7876690.html

http://derstandard.at/1362107398710/Berliner-Mauer-bleibt-vorerst-stehen


Nachtrag zum 96. Eintrag vom 10.06.20120: Hinter uns liegen die Chronolysen (in vier Akten)... die Timeline im Blog archinaut: ist inzwischen justiert. Dieser Blog berichtet aus Deiner Welt. Ich bin nur der Navigator, mein Name sei NEMO:

Ich werde Euch nicht schonen. Öffne Deine Augen.

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archinaut

Ein Blick weitet den Horizont: Dieser Blog zieht um die deutschen Häuser
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