Variationen im Raum

Ostharz: Raumprogramm in Pflicht und Kür - ein Roman in Fragmenten
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Warum hat Bauprojekt Quedlinburg den Auftrag zur Sanierung und Erweiterung einer Oberschule im Nachbarlandkreis Wernigerode bekommen...? Frau Bramm, die Amtsleiterin lacht: Wir haben leistungsfähige Büros im Landkreis Wernigerode.... Die Landkreise müssen ihre Verwaltung sparsamer organisieren, Wernigerode, Quedlinburg und Halberstadt werden in zwei Jahren eine Fusion eingehen, das wissen Sie ja..... und da dachten wir uns, es wird Zeit, dass wir ein Büro aus dem Nachbarlandkreis kennen lernen, wir nehmen die Fusion vorweg...

Aber auch das Team hat ihr gefallen, soviel konnte man bereits bei der ersten Vorstellung erkennen, der leitende Architekt Obermeyer hat Erfahrung mit Schulen, im Neubau wie in der Sanierung, und der junge Architekt Ronny Kaske gefiel ihr auch, er ist keine dreißig Jahre alt.... aber die Entscheidung traf die Amtsleiterin vielleicht erst, als der Geschäftsführer ihre Frage nach Varianten beantwortet hatte: Nein Frau Bramm, wenn Sie drei Entwurfsvarianten zum Raumprogramm sehen möchten, so berechnen wir den Entwurf nicht mehrfach, das gibt die Honorarordnung gar nicht her....

Als der Geschäftsführer jetzt das Angebot bringt, fragt Frau Bramm noch einmal nach.... sie möchte, dass die Erarbeitung von Entwurfsvarianten mit dem Vertrag schriftlich vereinbart wird.

Im Büro in Quedlinburg breiten sich unterdessen Verzweiflung und Angst unter der Belegschaft aus, die ersten Kollegen haben das Alte Wasserwerk in Augenschein genommen: Es ist doch viel zu klein!.... Ein einziger Raum, ich werde jetzt schon krank.... Da hört man jedes Telefonat mit!.... Ob welche von uns gekündigt werden?...

Maik Peters hat ein Aufmaß der Halle gemacht, gemauerte Wände von knapp vier Metern Länge teilen den Raum zwischen den breiten Fenstern, sodass Bereiche für drei bis vier Arbeitstische entstehen, rechts und links vom Mittelgang, ...wie Kojen für ein kleines Team! denkt der junge Architekt....und Ronny Kaske übelegt, wo man den Plotter und den Server am günstigsten aufstellt.... außer der Halle geören noch ein Besprechungsraum und eine Küche zur Mietfläche, außerdem ein hoher Archivraum im Untergeschoss.

Das Telefon klingelt, Herr Stallmeister ruft bei Kristin Radomsky an, etwas ungläubig, ärgerlich auch: Bei mir liegt die Kündigung für unsere Räume in Quedlinburg auf dem Tisch.... was ist denn los bei Bauprojekt? Kann Ihr Chef nicht mehr zahlen?

Stallmeisters Stimme ist so vertraut, besonders dieser spitze, etwas näselnde Ton, mit dem er gern redet, aber sie hat ihn nie gemocht, den Herrn Stallmeister, den Geschäftsführer des Frantz-Konzerns, für einen Moment schwankt sie, das Konto ist so tief im Minus.... aber dann sagt sie mit fester Stimme: Nein, nein, es ist alles in Ordnung, Herr Stallmeister, Sie werden die nächste Miete noch bekommen!

Richten Sie Ihrem Chef aus, er möchte mich bitte dringend anrufen! verlangt Stallmeister noch, bevor er auflegt. Jetzt erst spürt sie, wie der Druck aus der Brust langsam entweicht, sie atmet auf... und sie ahnt: wenn Dr. Frantz persönlich angerufen hätte, der frühere Eigentümer, mit seiner zahnreich lächelnden Stimme die richtigen Fragen gestellt hätte.... auf der Stelle hätte sie ihm am Telefon ihr übervolles Herz ausgeschüttet, auch wenn sie ihn und sich selbst dafür gehasst hätte....

Als der Geschäftsführer aus Wernigerode zurückkommt, setzt er sich gleich mit Herrn Obermeyer und Ronny Kaske zusammen. Wir haben zwei Wochen Zeit, sagt er, die Amtsleiterin möchte drei verschiedene Konzepte sehen, das Programm kennen Sie ja schon, der Freizeitbereich, vier Unterrichtsräume, die neue Küche und ein neuer Speisesaal müssen in der Erweiterung Platz finden, außerdem soll die Hausmeisterwohnung in Zukunft anders genutzt werden.... jeder von Ihnen beiden wird sich in den nächsten drei Tagen ein Konzept dafür überlegen, ich werde mir auch Gedanken machen....

Herr Obermeyer, der leitende Architekt, hat sich zurückgelehnt.... hält die Arme verschränkt, lächelt fein, nahezu unmerklich: Drei Varianten? Das haben wir ja noch nie gemacht.... hoffentlich kriegen wir das auch bezahlt....

Hier endet der 339. Eintrag: Dieser Blog mischt Fiktion und Realität. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind zufällig und in der historischen Überlieferung nicht verbürgt. Ich bin nur der Navigator, mein Name sei NEMO:

Ich schreibe um unser Leben. Bitte bleib dran.

Next

Back

Klick zum Gästebuch

Dieser Blog mischt Fiktion und Realität. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind zufällig und in der historischen Überlieferung nicht verbürgt. Ich bin nur der Navigator, mein Name sei NEMO:

Ich schreibe um unser Leben. Bitte bleib dran.

00:01 26.06.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

archinaut

Ein Blick weitet den Horizont: Dieser Blog zieht um die deutschen Häuser
archinaut

Kommentare 7

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar