asansörpress35
16.10.2013 | 18:33 6

Der Protest des Wiener Billeteurs an der Burg

Outsourcing Ökonomische "Zwänge" im Namen der neoliberalen Ideologie betreffen längst viele Bereiche. Auch das Wiener Burgtheater. Ein mutiger Billeteur wagte den Protest

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied asansörpress35

Der Protest des Wiener Billeteurs an der Burg

Tut nur so romantisch: das Burgtheater in Wien

Foto: Cha già José/ Flickr (CC)

Millionen Menschen sind allein hierzulande während des zunehmenden Wirtschaftens im Sinne der neoliberalen Ideologie mehr oder weniger die Räder gekommen. Niedriglöhner, Prekarisierte schlagen sich mehr schlecht als recht durch ihr Leben. Besser einen Arbeitsplatz als arbeitslos, tönt seit gut zwei Jahrzehnten die herrschende Politik. Sie plappert damit nach was Industrie-, Wirtschafts- und Arbeitgebervereinigungen ihnen als unabdingbare Notwendigkeit förmlich eingetrichterten.

Fragwürdig: "Sozial ist, was Arbeit schafft"

Sozial sei, was Arbeit schafft, bekommen diejenigen vorwurfsvoll zu hören die meinen, man müsse von dieser Arbeit auch noch vernünftig leben können. "Sozial ist, was Arbeit schafft", diesen Slogan postulierten die neoliberalen Strategen der im Jahre 2000 vom deutschen Arbeitgeberverband Gesamtmetall gegründeten Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM). Der Spruch erinnert fatal an den Slogan "Sozial ist, wer Arbeit schafft" des Vorsitzenden der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP), Alfred Hugenberg (1985 - 1951), der Adolf Hitlers Machtübernahme durch die Bildung einer gemeinsamen Regierung ermöglichte.

Alles muss sich rechnen

Die neoliberale Ideologie erklärt qua ihres Handelns den Homo oeconomicus zu einer ihrer unabdingbaren Grundlagen. Alles muss sich rechnen. Immer mehr auch der Mensch selbst. Dieser muss dann rechnen, dass er irgendwie zurechtkommt. Diese Ideologie schafft im Bunde mit ihr willfährig beispringenden Politikern in der Praxis Zwänge, die vermeintlich Privatisierungen von einst staatlichen und öffentlichen Aufgaben zu unabdingbaren Notwendigkeiten erklärt. Einrichtungen kommen so unter Handlungsdruck. Ansonsten winken ihnen Budgetkürzungen. So kam auch das Outsourcing in Mode. Wurde hier da gar zu einer Art neuer Pest. Leistungen, die früher eine öffentliche Einrichtung selbstverständlich selbst erbrachte, werden ausgeschrieben und Private verhökert, die den billigsten Preis versprechen.

Betroffen sind auch Theater

Längst sind auch Theater davon betroffen. Wie in diesem Falle die Bundestheater in Österreich. Darunter sogar das legendäre Wiener Burgtheater. Anläßlich dessen 125-jährigem Jubiläum fand am 12. Oktober 2013 in dem altehrwürdigen Hause ein Bundestheaterkongress statt. Mutig zu nennen ist, dass dort während einer Pause der Billeteur (Platzanweiser) Christian Diaz die Bühne betrat, um eine Protestrede in Sachen Outsourcing zu halten (Videomitschnitt). Wie auch seine Kollegen selbst davon betroffen, übte er darin Kritik, dass die Wiener Bundestheater den gesamten Publikumsdienst bereits 1996 an einen fragwürdigen Sicherheitsdienstleister vergeben hat. Seine Träume vom Theater, so Diaz, sähen anders aus. Hier ein Ausschnitt dieser Rede:

(...) Ich bin einer von ca. 400 ArbeitnehmerInnen, die in den Wiener Bundestheatern als Publikumsdienst arbeiten. Als erste sichtbare Repräsentanten der Häuser tragen wir essenziell zur Inszenierung des Gesamtkunstwerks Theater bei. Gegenüber den Besucherinnen und Besuchern inszenieren wir das, was architektonisch österreichisches Nationaltheater, österreichische Hochkultur zu sein behauptet.

Auch wir sind Performer des Burgtheaters.

"Von welchem Theater träumen wir?" ist das Thema des Kongresses zu dem Sie heute hierher gekommen sind. "Von welchem Theater träumen wir?", das fragte ich mich auch, als ich mir vor einigen Monaten bewusst wurde, dass ich in Wirklichkeit nicht für das Burgtheater arbeite.

1996 nämlich gliederte die Bundestheater Holding den gesamten Publikumsdienst der Wiener Bundestheater aus, an den größten Sicherheitsdienstleister der Welt. Wir performen also das Burgtheater, sind aber eigentlich Security Angestellte.

Unser Arbeitgeber heißt G4S. Das steht für Group 4 Securior. G4S ist ein dänisch britisches Securityunternehmen mit Hauptsitz in Großbritannien. Es ist mit mehr als 600.000 Mitarbeitern, der größte Arbeitgeber an der Englischen Börse. Es agiert in mehr als 120 Ländern auf der Welt. G4S Österreich hat ca 3.000 MitarbeiterInnen und ist in
Österreich einer der Marktführer in Outsourcing und Security-Solutions. Das Dienstleistungsportfolio des Unternehmens ist sehr umfangreich. Hier eine kleine Zusammenfassung:

G4S ist spezialisiert auf Outsourcing Solutions. Das heißt, es profitiert von der Übernahme ehemals öffentlicher oder korporativer Dienst. (...)

Übrigens - wie im Videomitschnitt zu sehen - konnte Christian Diaz seine Protestrede nicht in Gänze halten. Die Kuratorin des Kongresses, Karin Bergmann, unterbrach Diaz. Die hier nur auszugsweise wiedergebene Rede ist via nachtkritik.de in voller Länge nachzulesen. Das Portal gibt auch folgende Stellungnahme der Burgtheater-Direktion wieder:

Die Direktion des Burgtheaters hat Sympathien mit allen, die in den globalisierten Märkten Gerechtigkeit suchen. Es ist uns bewusst, dass mit dem Besuch einer Tankstelle oder eines Oberbekleidungsgeschäftes der aufgeklärte Bürger in ständigen Gewissenskonflikt gerät. Nach unseren Recherchen wurden die Geschäftsgebaren der Sicherheitsfirma in Österreich immer wieder als gesetzeskonform überprüft.

Die diensthabenden Kollegen des Billeteurs haben sich nicht mit seiner Aussage solidarisiert.

Zum letzten Satz der Direktion: Man kann sich wohl denken, weshalb. Ob Christian Diaz noch als Billeteur arbeitet ist nicht bekannt.

"Ökonomische Zwänge"Ironie des Schicksals: Gerade das Burgtheater, das eine berühmte Spielstätte ist und auf seiner Bühne nicht selten Gesellschaftskritik in Form von kritischen Theaterinszenierungen geboten wird ist offenbar schon seit Jahren ebenfalls gezwungen sich eines neoliberalen Instruments, einer Outsourcing von Serviceleistungen zu bedienen. Die Kuratorin begründete das, als sie sich anschickte Billeteur Diaz von der Bühne zu komplementieren, mit "ökonomischen Zwängen".

Eine Frage sei zum Schluss erlaubt: Wohin werden uns diese vorgeblichen (gemachten) Zwänge unsere Gesellschaften wohl noch führen?

Artikel in anderen Medien dazu:

Berliner Zeitung

Der Standard

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Kommentare (6)

smeyer59 17.10.2013 | 22:37

Sehr geehrter Verfasser des Artikels "Der Protest des Wiener Billeteurs an der Burg", ich gebe Ihnen vollkommen Recht, die Übertragung des Prinzips der ökonomischen Zwänge auf kulturelle Einrichtungen kritisch zu hinterfragen. Wo gibt es denn noch die Märkte, auf denen Unternehmen der vollkommenen Konkurrenz ausgesetzt sind? Viele Märkte sind von Oligopolen durchsetzt, die ihre Marktmacht auch auf die Politik überwälzen,insb. durch Zusicherung von Subentionen oder staatlichen Aufträgen etc.. Warum ist Kultur weniger wert als z.B. Banken? Müssen Banken sich nicht auch dem ökonomischen Prinzip unterziehen, wirtschaftlich zu arbeiten? Gibt es den Homo Oeconomicus, der der neoliberalen Sichtweise zugrundeliegt überhaupt? Den rationalen Nutzenentscheider? Kahneman hat herausgefunden, dass Menschen kurzfristigen Verlust mehr fürchten als längerfristigen Gewinn. Dadurch wird einerseits klar, dass der Entscheider auch emotionale Elemente neben rationalen in sich trägt und zum anderen, dass es sich bei dem Prinzip des ökonomischen Entscheiden auch um Haltungs- und Wertfragen handelt, die eng verbunden sind mit unserer Gewichtung von quantitativen Entscheidungskonstellationen. Der Soziologe Borudieu hat nicht von ungefähr eine Unterscheidung von kulturellem und ökonomischen Kapital als Abgrenzungsmerkmal zwischen Ökonomie und Gesellschaft vorgenommen. Mittlerweile wissen wir aber, dass die Sphären Gesellschaft und Ökonomie aufzuheben drohen durch die völlige Vereinnahmung der Ökonomisierung unserer Gesellschaft unter gleichzeitiger Reduzierung der Ökonomie auf Zahlen stattfindet. Dass Ökonomie auf Bedürfnissen von Menschen beruht, die eine Gesellschaft ausrpägen, und damit auch kulturelle Bedürfnisse ausgeblendet werden, wird dadurch völlig ausgeblendt.

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Ehemaliger Nutzer 18.10.2013 | 10:37

Die diensthabenden Kollegen des Billeteurs haben sich nicht mit seiner Aussage solidarisiert.

Das ist eigentlich der wichtigste Satz. Er zeigt sehr gut das Klima der Angst, das unter den Angestellten herrscht, denn sie wissen, dass sie austauschbar sind, sollten sie unbequem werden. Und es zeigt, dass die Direktion diesen für sie bequemen Zustand bereitwillig hinnimmt, obwohl sie gleichzeitig von „aufgeklärten Bürgern“ mit „Gewissenskonflikten“ schwafelt. Mit ihrer Stellungnahme klingt sie wie Josef Hader mit seinem „Humanismus“: „schon schauen was geht, aber nicht ganz so“. Traurig ist das.

Oberham 18.10.2013 | 12:10

Theater ist heute zu 95% Kulturindustrie, war wohl auch immer schon zu 95% Kulturindustrie - nur - heute leben wir offener, bewußter und erlebbarer, als Teil einer komplettindustriealisierten Lebenszeit, das Maschinenmenschenleben voll, ganz und vermeintlich frei!

Es ist sowas von naiv zu glauben, es gäbe auch nur einen Lebensbereich innerhalb der Gesellschaft, der nicht voll und ganz dem Dienst am Moloch gewidment wäre.

In diesem Millieu inert zu sein, ist die einzige Möglichkeit wirklich frei zu sein!

Der platzanweisende, putzende, schauspielende, verwaltende oder schreibende Mensch ist im Bereich der Kulturindustrie nur dann, ein Teil dieser Industrie, so er zur Kenntnis genommen wird, von einer zahlenden Gilde - einer Gilde, die eben zahlt, da sie unterhalten werden möchte.

Wer sich dagegen auflehnt, der ist schlicht ein defektes Teil - Diaz ist defekt - somit wird er entweder repariert - oder ausgetauscht!

Wie ich hier täglich immer wieder - als fleischgewordene Gebetsmühle - wiederhole - nur wer sich freiwillig aus dieser Gesellschaft zurückzieht, kann etwas verändern - wer glaubt im Prozess etwas zum Besseren bewegen zu können, der überschätz sich maßlos - kein Rad wird sich in dieser Maschine drehen, das nicht genau so dreht wie es soll!

Man kann davon ausgehen, dass, sofern Herr Diaz künftig die Arbeit weiter für seinen Hungerlohn verrichtet, er weiter Plätze auf der Burg anweisen wird dürfen - ja - dieser Auftritt war sogar nützlich, er beweist, man kann sein Wort erheben.

Selbst dieses Getippe von mir hier, es ist noch ein Kleks von Dummheit, wohl Eitelkeit, da ich nach einem Augenpaar giere, das meine Litanei lesen möge - hätte es irgend eine Wirkung in dem Sinne, wie ich ihn mir erträumte, würde es unmöglich hier aufscheinen - es würde sofort getilgt (daher schon oft der Wunsch - ich möge hier verbannt werden....).

Nein, es bleibt wirklich nur - selbst zu leben und den anderen Menschen milde und ohne Hass - zuzusehen - sie können ja nichts dafür - der konditionierte Geist, er ist schlicht verloren - die Vernunft ist zwar noch lebendig, nur - leider - die Gitter sind zu stark, hinter denen ihr sanftes Licht durch die Augen schimmert.

Menschsein ist nicht minder fremdbestimmt, den Mastviehsein - ja - wohl nicht minder simpel, den ein Sandkorn zu sein, das der Wind bewegt und zu Staub zerreibt.

Dabei könnte der Mensch - glaube ich - frei sein!