Wie die Kultur an den Rand gedrängt wird

Suhrkamp Die Berichterstattung im Fall Suhrkamp legt eine Verschiebung in den Feuilletons offen: Es wird lieber über Dramen im Kulturbetrieb berichtet als über Kunst an sich
Wie die Kultur an den Rand gedrängt wird

Foto: Screenshot der Suhrkamp Facebook-Fanpage

Wer in diesen Tagen über Suhrkamp schreibt, tut gut daran, in der kleinen Edition Tiamat nachzuschauen – dort erscheint Guy Debords Sechziger-Jahre-Standardwerk Die Gesellschaft des Spektakels. Die Kunst, behauptet Debord, ist um ihr Alleinstellungsmerkmal, die Inszenierung, beraubt worden. Politik und Wirtschaft spielen heute besser Theater. Und durch Phänomene wie Facebook, die für Debord noch unvorstellbar waren, ist mittlerweile längst jeder zum Schauspieler geworden. In der Inszenierung unseres Alltags formulieren wir unsere Sehnsucht als Wirklichkeit und hoffen, dass die virtuelle Behauptung des Seins den realen Schein verdrängt.

Auf der Facebook-Seite des Suhrkamp-Verlages ist nichts über das Drama zu lesen, das derzeit in den Feuilletons gegeben wird. Nichts über Schutzschildverfahren, die Doppelrolle von Verleger-Witwe Ulla Unseld-Berkéwicz oder den Gesellschafter Hans Barlach, der eine Hälfte seiner Anteile noch gar nicht bezahlt hat. Nichts über Umzüge, unrentable Verlags-Satelliten und Lager mit unverkäuflichen Büchern. Wie zu Brechts Zeiten inszeniert sich der Verlag noch als Buchproduzent, lädt per Video zur Wohnzimmerlesung mit Annika Scheffel ein und feiert den Georg-Büchner-Preis für Sibylle Lewitscharoff.

Untergangs-Inszenierung in den Feuilletons

Aber welche Wirklichkeit ist denn nun wirklicher? Suhrkamps Facebook-Inszenierung, oder die Untergangs-Inszenierung des Verlags in den Zeitungen, die – wenn man den Texten glaubt – nicht nur das Ende des Wortes an sich darstellt, sondern – wenn man zwischen den Zeilen liest – auch den Abgesang der großen Feuilletons in einer Schlammschlacht mit sich selbst?

Früher war es Common Sense, dass Literatur, Bühnen und Kunsthallen unserer Wirklichkeit eine Wahrhaftigkeit gegenübergestellt haben, die zauberhafter, verträumter und tiefer war als Krieg und Frieden, Bulle und Bär. Deshalb wurde über sie berichtet.

Heute versprechen Politiker und Experten jeden Abend bei Jauch, Illner und Co. direkte und logische Antworten. Sie brauchen die Bühne nicht mehr, um Probleme zu lösen – sie haben Talkshows. Und die Denker von den Kulturseiten mischen kräftig mit und debattieren die symbolische Bedeutung der Krawattenfarbe Barack Obamas, geben Lösungen für den Nahost-Konflikt und den NSU-Prozess. Literaturkritiker werden zu Ökonomie-Experten, Kunstverständige zu Spekulationsberatern. Sie alle kommen längst ohne den alten, mühsamen Umweg über die Kultur aus, um unsere Wirklichkeit zu deuten.

Die Kunst als real-problematische Institution

Es ist da nur konsequent, dass die Kunst sich nun ebenfalls als real-problematische Institution neu erfindet. Über Opern wird berichtet, wenn sie geschlossen werden; über Bilder, wenn der Anlagemarkt platzt; über Verlage, wenn die Insolvenz droht. Deshalb ist der Fall Suhrkamp mehr als die Schieflage eines mittelständischen Betriebs. Er ist das Symbol unseres modernen Umgangs mit Kultur. Um im Feuilleton anzukommen, setzen Kulturschaffende nicht mehr auf die Kraft der Worte, der Musik oder der Bilder – sie müssen sich selbst als Drama inszenieren.

Die „Performance“ auf dem Börsenparkett ist dem Feuilleton längst lieber als die Inszenierung auf der Bühne. Shakespeare in der Realität ist besser als im Reclam-Heft. Das wahre Spektakel ist die Wirklichkeit, die wir dazu machen. Zum Glück gibt es noch die Facebook-Seite von Suhrkamp: ein echtes Kunstwerk in Zeiten allgemeiner Aufregung.

12:30 06.06.2013
Geschrieben von

Axel Brüggemann

Journalist und Autor in Wien und Bremen.
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