Vielleicht der Beginn von etwas Neuem

Oscars 2021 Nicht alles lief glatt, aber der gewandelte Ansatz der Academy könnte in die Geschichte eingehen
Vielleicht der Beginn von etwas Neuem
Regisseurin Chloé Zhao mit ihren beiden Oscars

Foto: Getty Images

Was wird aus der Kultur, wenn sie kein Publikum mehr hat? Das war von Beginn der Pandemie an eine der zentralen Fragen. Man hat seither gelernt, die „physischen“ von den „gestreamten“ Veranstaltungen zu unterscheiden, aber das Gefühl, damit statt Kaffee doch eher Muckefuck eingeschenkt zu bekommen, hat sich nach einem Jahr der Online-Festivals nur verstärkt. Die Oscar-Verleihung am vergangenen Sonntag war wahrscheinlich die aufwendigste Produktion dieser Covid-Ära und damit auf fast schmerzliche Weise bezeichnend. Kein Geringerer als Steven Soderbergh war als Ideengeber für die Gala herangezogen worden, und tatsächlich merkte man dem ganzen Abend an, dass die Veranstalter daran gefeilt hatten, ein Event zu kreieren, das nicht nur Ersatz ist, sondern den Geist der Zeit ausdrückt. Und genau das gelang – in voller, angemessener Zwiespältigkeit.

Einerseits war einiges wie immer: Es gab Abendroben zu bewundern, es wurden rührende Dankesreden gehalten, und insgesamt dauerte alles etwas zu lang. Andererseits wirkte selbst das Vertraute fremd. Statt im Dolby-Kino am Hollywood Boulevard fand die Veranstaltung im Gründerzeit-Bahnhofsgebäude der Union Station statt, wo man eine kleine Bühne und ein Zuschauer-Podest mit wenigen Tischen und weit verteilten Nischen gebaut hatte. Der Eindruck der Spärlichkeit war gewollt: Es sollte nicht etwa so aussehen, als setze man sich über Maßnahmen hinweg. Alle Anwesenden seien mehrfach getestet, versicherte Regina King, die den Reigen der Preis-Überreicher anführte. Zu Umarmungen, sonst Standard, kam es trotzdem eher selten. Statt auf Masse setzte man auf Intimität – das kam auch in den Ansprachen zu einzelnen Kandidaten zum Ausdruck, die diesmal sehr persönlich gehalten waren und zum Beispiel immer wieder die ersten prägenden Kino-Erlebnisse der Nominierten thematisierten. Ein schöner Einfall, um vom nachhaltigen Einfluss der Kinokultur zu erzählen.

Als Fernseh-Event musste das ein Reinfall werden – die Einschaltquoten gingen im Vergleich zum Vorjahr um 58 Prozent zurück. Mangels Publikumsmasse kam nie so richtig Stimmung auf, und im eigentlichen Sinn unterhaltend war einzig der Moment, in dem Glenn Close aufstand, um zu zeigen, dass sie die spezifischen „moves“ zum Song Da Butt beherrscht. Ihr eigenes, ansteckendes Gelächter dazu brachte das, was drumherum fehlte, noch einmal schärfer zu Bewusstsein. Als Launenkiller erwies sich auch der Einfall, die Reihenfolge der Vergabe zu ändern. So setzte nicht wie sonst der Oscar für den besten Film den Schlusspunkt, sondern der für den besten Schauspieler. Da aber Anthony Hopkins, geehrt für The Father, nicht anwesend war, endete die Veranstaltung mit Antiklimax.

Doch Stimmung und Unterhaltungswert sind nicht die einzigen Maßstäbe, an denen sich die Oscars messen. Mindestens so wichtig ist in den letzten Jahren die Signalkraft geworden, die Hollywood im Hinblick auf Repräsentation aussendet. Und hier enttäuschten diese 93. Oscars einmal nicht. Hauptpreisträger war mit Nomadland ein rarer Film von einer und über eine Frau; Regisseurin Chloé Zhao bekam zugleich als erste „Woman of Color“ den Regie-Oscar; in allen Kategorien waren PoC immerhin annähernd angemessen vertreten. Wenn sich das in den nächsten Jahren vor hoffentlich wieder großem Publikum wiederholt, wird dieser im Maßstab so viel kleinere, darin aber viel anrührendere Abend als Beginn von etwas Neuem in die Geschichte eingehen.

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06:00 29.04.2021
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