Was heißt schon „gut gealtert“?

Serie Über die „Friends“-Reunion: Wiedersehen in den Kulissen eines alten Lebens
Was heißt schon „gut gealtert“?
„Friends“-Besetzung von 1996 – na, kennen Sie alle noch beim Namen?

Foto: Mary Evans/IMAGO

Manche kennen den Effekt vielleicht aus dem eigenen Leben: Da betritt man das alte Schulgebäude, der Schritt verlangsamt sich wegen der gemischten Gefühle, für die die Umschreibung „bittersüß“ nicht profan genug wäre, und der Blick schweift suchend über die Gruppe der Alten, Dicken und Grauhaarigen, die sich hier offenbar zur gleichen Zeit für ihr Klassentreffen verabredet haben. Man geht weiter – und merkt plötzlich wie vom Blitz getroffen, dass die Alten, Dicken und Grauhaarigen keine Fremden, sondern die eigene Klasse sind.

Mit ihren zehn Jahren Laufzeit von 1994 bis 2004 begleitete die Sitcom Friends ein internationales Publikum länger als die meisten Sitznachbarn in der Schule; Sendewiederholungen weit über das Serienende hinaus hielten die sechs Figuren und ihr unrealistisch großes New Yorker Apartment bis heute im popkulturellen Gedächtnis wach. Auch wer für sich reklamiert, alles Wissen über Ross (David Schwimmer) und Rachel (Jennifer Aniston) nur gegen den eigenen Willen erworben zu haben, weiß, dass sie die klassische Variante einer „Will they, won’t they?“-Erzählung repräsentieren. Und wer sich einmal oder auch mehrfach im Leben dazu hat verführen lassen, sämtliche zehn Staffeln mit ihren insgesamt 236 Folgen zu schauen, wird erleben, dass alle Versuche, den großen und nachhaltigen Erfolg einer doch so willentlich oberflächlichen Sitcom zu erklären, zu kurz greifen. Immer wenn man den Finger drauflegen will – die Chemie zwischen den Schauspielern! Die spritzigen Dialoge! Der Mix aus Slapstick und Alltagsdrama! –, entgleitet einem das Phänomen auch schon wieder. In jeder Einzelkategorie gibt es bessere Beispiele – Seinfeld, Simpsons, Sex and the City –, aber als Gesamtpaket waren die Friends auf tröstliche Weise immer wieder aufs Neue gerade gut genug.

Eigentlich hätte das Friends-Klassentreffen, eine „Cast-Reunion“, wie sie das Fernsehen inzwischen zum eigenen Genre hat werden lassen, schon letztes Jahr im Frühling stattfinden sollen. Der Warner-Konzern wollte damit in den USA den Launch seines Streamingdienstes HBO Max befeuern. Dann kam Corona. Und was vor einem Jahr ein bloßer Marketing-Event mit Fanservice gewesen wäre – begleitet von einigen „think pieces“ darüber, wie unzeitgemäß gerade diese Sitcom heute scheint, wie wenig divers und so weiter –, das wurde im Kontext von Öffnung und Hoffnung auf das Pandemie-Ende plötzlich zu einer viel emotionaleren Angelegenheit.

Die sechs Schauspieler, die da einer nach dem anderen an das wiederaufgebaute Set ihrer alten Wirkungsstätte stolperten, die mit großen Augen die so ausgelösten Erinnerungen konfrontierten und sich mit tränenreichen Umarmungen begrüßten, während man im Hintergrund noch vereinzelt Crew-Leute mit Masken rumwerkeln sah – es war auf einmal eine Szene, wie sie sich so ähnlich gerade an vielen Orten ereignet: Freunde treffen sich an lange geschlossenen Orten, gleichsam in den Kulissen eines alten Lebens, wieder und reflektieren, was inzwischen aus ihnen wurde.

Das Ganze passte gefühlsmäßig so gut zur aktuellen Situation, dass die Einzelheiten dieses Reunion-Specials ziemlich gleichgültig wurden. Die Fans aus Indien, Ghana und Mexiko, die in sorgfältig vorproduzierten „Testimonials“ schilderten, wie viel ihnen die Serie bedeutet, waren allzu leicht als Imagepflege zu durchschauen, mit der man der Kritik am schlagenden Diversity-Mangel der Friends begegnen wollte. Wäre die entschuldigende Absicht etwas weniger durchsichtig gewesen, hätte man die Beschreibung der Friedensnobelpreisträgerin Malala Yousafzai durch eine Freundin als „Joey mit einer Spur von Phoebe“ vielleicht mehr genießen können.

Aber brauchte es Kit Harington alias Jon Snow aus Game of Thrones, um die große Kunst der „physical comedy“ in Friends zu deuten? Brauchte es David Beckham, der erzählt, was seine Lieblingsfolge ist? Selbst Lady Gaga erschien nie überflüssiger als bei dem Versuch, Phoebes berühmten Klampfgitarrenhit Smelly Cat zu intonieren. Lisa Kudrow, die mit fast unheimlicher Leichtigkeit in ihre alte Rolle schlüpfen kann, lächelte nur spitz dazu. Denn wie gesagt, das machte alles nichts. Weil da so viel Gefühl im Raum war, so viel echte Gegenwart. Egal wie alt wir inzwischen aussehen, man ist so froh, mal wieder für ein Stündchen zusammenzusitzen.

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06:00 06.06.2021
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Ausgabe 24/2021

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