Männer geben Tipps für das gute Leben

Motivation Speaker und Macher: In der deutschen Podcastlandschaft haben neoliberale Selbstoptimierer Konjunktur
Ausgabe 02/2021
Schlechte Gewohnheiten und Faulheit machen dick, doof und unglücklich, sagt so mancher Podcaster. Ob die tägliche Yoga-Routine hingegen so viel glücklicher macht, bleibt unklar
Schlechte Gewohnheiten und Faulheit machen dick, doof und unglücklich, sagt so mancher Podcaster. Ob die tägliche Yoga-Routine hingegen so viel glücklicher macht, bleibt unklar

Foto: Daily Express/Hulton Archive/Getty Images

Neues Jahr, Zeit der guten Vorsätze, wer noch keinen hat, kann sich schnell noch einen zulegen. Falls Sie noch auf der Suche sein sollten: Schauen Sie sich mal in der deutschsprachigen Podcast-Landschaft um. Denn hier wird jede*r Selbstoptimierer*in fündig, hier tummeln sich die Yogis, Personal Trainer, Speaker und Macher – und ja, meist verteilen hier die Männer die Tipps für das gute Leben.

Neulich habe ich mich also auf die Suche begeben, rein in diese ganz eigene Welt, die sich da in den Podcast-Kategorien von „Karriere“ bis „Fitness und Gesundheit“ auftut. Da ist zum Beispiel der Podcast einfach produktiv, der mit dem Versprechen wirbt: „Ich helfe dir und deinem Team, mehr zu erreichen.“ Hier lernt man Dinge über Zeitmanagement oder wie man Sport in seinen Alltag integrieren kann – beziehungsweise eben auch nicht. Zu sehr stressen soll man sich nämlich auch nicht, denn: „Noch mehr Druck braucht niemand – außer du machst Espresso.“

Allein, richtig einlassen kann ich mich darauf nicht, denn schon wird mir der nächste Podcast für das bessere Ich vorgeschlagen. Denn wenn mir einfach produktiv gefällt, könnte mich zum Beispiel auch Erschaffe die beste Version von dir interessieren. Was hier Sache ist, erfahre ich schon nach wenigen Sekunden: Der Host, ein „Speaker für Gesundheit und Performance“, erklärt, es soll ein Podcast für Menschen sein, „die etwas aus sich und ihrem Leben machen wollen“. Klingt gut, aber auch etwas vage. Konkrete Ziele sind besser – könnte man sicher auch in einigen dieser Podcasts hören.

Ich werde zum Glück fündig: Fitness mit M.A.R.K – Nackt Gut Aussehen. Na also, das ist konkret. Geschenkt wird uns der Astralleib allerdings nicht. M.A.R.K., das heißt mentales Training, ausgewogene Ernährung, richtiges Krafttraining und Kardiotraining. Das klingt nach Arbeit, das treibt einem auch zu Hause den traurigen Geruch des Fitnessstudios in die Nase.

Ich suche lieber weiter und stolpere noch über Die Kunst, dein Ding zu machen, nach eigenen Angaben mit über 16 Millionen Downloads (Stand Februar 2020) der meistgehörte „Erfolgs-Podcast“ – anscheinend ein Genre für sich. Reinhören schaffe ich nicht, keine Zeit, ich bin jetzt ein Getriebener. Irgendwann lande ich beim YogaEasy-Podcast. Dort heißt es zur Begrüßung von Folge 81: „Schlechte Gewohnheiten, Suchtverhalten, negative Gedanken machen nicht nur dick und doof, sondern auch unglücklich. Herzlich willkommen zum YogaEasy-Podcast.“ Motivierend.

Prompt komme ich auf schlechte Gedanken: Ich sehe mich selbst, wie ich jogge, einkaufe, zur Arbeit fahre – immer Podcasts im Ohr –, am besten noch in doppelter Geschwindigkeit, um mir noch mehr Erfolgstipps reinpfeifen zu können. Ein produktiver, effizienter, zielstrebiger Adonis, geboren aus einer eigentümlichen Welt – irgendwo im nebulösen Grenzbereich zwischen Influencertum, Marie Kondo und Motivationsseminaren. Diese Vorstellung macht mich tatsächlich unglücklich. Diese sich stets ähnelnden Erzählungen von Erfolg, des Besserstellens im ewigen Wettbewerb, diese Suche nach dem Ankommen, die offensichtlich die Nachfrage für derlei Formate schafft: denn die sind bei Apple-Podcasts sehr gut bewertet, oftmals von Tausenden Hörer*innen.

Die Podcast-Szene ist für mich nach wie vor ein Experimentierfeld für interessante journalistische Formate, für neue Formen des Erzählens. Natürlich ist auf dem Experimentierfeld per Definition Platz für alle. Und das ist auch gut so. Doch was, wenn auch der Podcast auf diese Weise immer mehr in die neoliberale Welt einverleibt wird? Ich hoffe, der Platz für das Unkonventionelle bleibt noch lange erhalten. Das werde ich mir weiterhin mit Genuss anhören. Ganz in Ruhe – und einen Espresso dabei trinken.

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