Populismus: @braun88 schimpft, @linke_zecke blökt zurück

Literatur Doron Rabinovicis neuer Roman „Die Einstellung“ ist mehr als eine doppelbödige Satire über Medien und Politik
Nach der Präsidentschaftswahl in Frankreich im April: Die Franzosen schließen auf eigene Weise mit einem energetischen Wahlkampf ab
Nach der Präsidentschaftswahl in Frankreich im April: Die Franzosen schließen auf eigene Weise mit einem energetischen Wahlkampf ab

Foto: Jeff J Mitchell/Getty Images

Es geht mal wieder hoch her im Netz: @braun88 schimpft: „Lügenpresse!“, @linke_zecke blökt: „rechte hater wieder blindlings unterwegs. Trollt euch, ihr Nazis.“ Und während @rosa_luxusberg klarstellt: „Ich sehe hier keinen Popp vor dem Fass, sondern nur zwei Fässer. Eines voll Bier und eines voller Scheiße“, erscheint @hassenrass das genau richtig: „Cooles Bild. Popp ist der Mann, den wir brauchen.“ Gemeint ist hier Ulli Popp, die Ikone der Rechtspopulisten, dessen grimassierende Gesichtszüge bei einem Fassanstich und noch dazu mitten im Wahlkampf von dem Fotografen August Becker eingefangen werden. Endlich hat er damit jene Aufnahme erstellt, die die geheime, dämonische Seite des Politikers entlarvt und sich im Nachrichtenmagazin Forum prominent platzieren lässt. Besagtes Foto macht natürlich die Runde und erhitzt die Gemüter. Dies sollte dem Starfotografen eigentlich recht sein, hätte er nur nicht in einer schwachen Minute dem Demagogen das Foto für eine stattliche Summe überlassen. Dadurch vermag er zwar die Studiengebühren seines Sohnes zu zahlen, seine Ehre ist jedoch vorerst dahin.

Was nach einem guten Tatort-Plot klingt, ist es auch, und wie sonntags im TV gibt es auch hier deutliche Anspielungen auf reale Vorkommnisse. Die Einstellung, der neue Roman des in Wien lebenden Doron Rabinovici, ist aber noch mehr, nämlich eine Karikatur im umfassenden Sinne. Sie liest sich auf lokaler Ebene als Posse über Aufstieg und Fall eines Heinz-Christian Strache, auf globaler hingegen als Groteske über das erfolgreiche Charisma von Agitatoren vom Schlage Trump, Erdoğan oder Orbán oder der französischen Präsidentschaftskandidatin Marine Le Pen, die bekanntlich nur knapp dem demokratischen Amtsinhaber Macron unterlag. Auch sie besitzt ein diabolisches Charisma, das dem der fiktiven Figur Popp in nichts nachsteht.

Zugegeben, typisch für das Genre der Satire ragt das aktuelle oder auch zeitlose Buch des 1961 in Tel Aviv geborenen Autors nicht gerade durch seine stilistische Finesse hervor. Vielmehr verfolgt der Schriftsteller ein analytisches Anliegen. Er will Mechanismen sezieren, die in verschiedenen Medien zum Erfolg unredlicher Politiker beitragen. Dazu greift er bewusst deren abgedroschene, aber gerade in manch journalistischen Kontexten gern wiederholten Reden auf: „Den Menschen hier ist der Islam fremd (…) Sie haben das Gefühl, in einem Boot zu sitzen. Hoher Wellengang und rundum lauter Fremde im Wasser, die gerettet werden wollen.“

Zur Katastrophensemantik gesellt sich die übliche Litanei über die Cancel Culture: „Wir sprechen nur aus, worüber der Mainstream nicht zu reden wagt.“ Indem Rabinovici all diese hohlen Phrasen aufeinanderklatschen lässt, sie überspitzt und wenig erleuchteten Figuren in den Mund legt, entwirft er ein unterhaltsames Zerrbild der Mediengesellschaft, die an eine „Waschmaschine im Schleudergang“ erinnert. Nur wird – um im Bild zu bleiben – die schmutzige Wäsche hier nicht vorsortiert: Scheinbare Wirklichkeitsaussagen und Meinungen geraten durcheinander und verselbstständigen sich, bar jedweder Evidenz.

Frei von Zynismus

Bietet dieser Roman somit nur eine ironische Spiegelung der Oberfläche? Keineswegs, insbesondere die zentrale Metapher der Kamera verweist auf ein „Vor“ und ein „Hinter“ der Linse. Nachdem sie dem Fotografen Becker lange Zeit als Schutzschirm diente und eine Distanz zur Welt ermöglichte, überdenkt er jäh seine Haltung, verschafft doch erst sein Foto Popp einen ungewollten Aufmerksamkeitsschub. Becker muss erkennen, dass es „ohne Standpunkt keine Perspektive“ geben kann. Damit zeigt diese Figur, die Rabinovici psychologisch sukzessiv aufbaut, schlussendlich auch den Weg auf, der aus der Satire hinausführt. Sie repräsentiert zuletzt eine nachdenkliche Position inmitten eines boulevardisierten Polit- und Medienbetriebs, frei von Zynismus und Polemik. Rabinovicis auf den ersten Blick simple Erzählweise sollte man demnach nicht unterschätzen. Sie hat wie jeder gute Witz einen doppelten Boden.

Info

Die Einstellung Doron Rabinovici Suhrkamp 2022, 224 S., 24 €

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