Stille, die schreit

Bachmannpreis Die Bachmannpreisträgerin von 2018 Tanja Maljartschuk eröffnet den Literaturwettbewerb. Ihre Rede über das verlorene Vertrauen in die Sprache ist große Literatur

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Tanja Maljartschuk gewann den Bachmannpreis 2018. Dieses Jahr kam sie für die Eröffnungsrede des Literaturpreises erneut nach Klagenfurt
Tanja Maljartschuk gewann den Bachmannpreis 2018. Dieses Jahr kam sie für die Eröffnungsrede des Literaturpreises erneut nach Klagenfurt

Foto: ORF/Johannes Puch

Mit der Bachmannpreisträgerin des Jahres 2018 stand eine verbittert und ängstlich wirkende Rednerin am Pult, die ihr Publikum in nachdenkliche Stille versetzte. Eine Stille, die schreit.

„Im Jahr 2023 fürchtet sich eine Autorin vor der Sprache. Warum sucht man nicht nach dem Knopf, der die gewaltauslösende Maschinerie in und zwischen uns ausschalten könnte? Vielleicht würden wir gar keine Gedichte mehr brauchen, hätten wir den Weg gefunden, eine Welt ohne Gewalt zu erschaffen.“

Der Bachmannwettbewerb: vom 28. Juni bis 2. Juli organisieren 3Sat und der ORF die 47. Tage der deutschsprachigen Literatur. Zwölf Schriftsteller*innen sind in diesem Jahr für den Bachmannpreis nominiert. Studierende der Angewandten Kulturwissenschaften des Instituts für Kulturanalyse an der Alpe-Adria-Universität Klagenfurt berichten hier über den Lesewettbewerb. Das Blockseminar „Einführung in den Literaturbetrieb“ (Dozent: Karsten Krampitz) verwandelt sich für ein paar Tage in ein Blog-Seminar.

So ruft die sich sprachlos nennende Rednerin mit voller Kraft und aller ihr zur Verfügung stehenden Wörter gegen Krieg und Gewalt zwischen den Menschen auf. Immer wieder ruft sie Ingeborg Bachmann an: „Ich möchte, dass sie verlieren, sämtliche Sorten von Umbringern, Auslöschern und Gaunern, und dass der Tag endlich komme, wo … Ach, Ingeborg, du weißt, was ich meine.“

Tanja Maljartschuks Rede ist große Literatur

Tanja Maljartschuk betrachtet sich selbst als „eine gebrochene Autorin, eine ehemalige Autorin, eine Autorin, die ihr Vertrauen in die Literatur und – schlimmer noch – in die Sprache verloren hat.“ Ihre Rede aber ist große Literatur, große Geschichte.

„Schnee im Kopf“ wollte Tanja Maljartschuk ihren Roman über das verschwundene Schtetl in ihrem ukrainischen Heimatdorf nennen, das jüdische Ghetto, das die „Sicherheitspolizei“ 1942 in Brandgesetzt hat; über Tausend jüdische Menschen wurden ermordet. Das Feuer brannte acht Stunden. Im Februar letzten Jahres, als der russische Angriffskrieg auf die Ukraine begann, verlor die Schriftstellerin ihre Sprache. Ihr Romanprojekt hat Tanja Maljartschuk mittlerweile als für „immer unvollendet“ erklärt. Uns bleibt die Hoffnung, dass sie das Buch doch noch veröffentlicht und dass, wie die Rednerin in den Worten Ingeborg Bachmanns resümiert, ein Tag komme, an dem die Hände der Menschen‚ „begabt sein werden für die Liebe und […] für die Güte“. Ein Tag, der den Menschen verheiße, „sie werden vom Schmutz befreit sein und von jeder Last, sie werden sich in die Lüfte heben, sie werden unter die Wasser gehen, […] sie werden frei sein, es werden alle Menschen frei sein, auch von der Freiheit, die sie gemeint haben.“

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Anneliese Spöck | Blogseminar

Studierende des Instituts für Kulturanalyse an der Alpe-Adria-Universität Klagenfurt berichten hier über den Bachmannpreis

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