Schönes neues Geld

Interview In seinen Büchern warnt Norbert Häring vor der Abschaffung des Bargelds. Doch was spricht gerade in Zeiten der Pandemie eigentlich gegen neue Bezahlmodelle?
Schönes neues Geld

Illustration: der Freitag

An den Supermarktkassen sind sie seit dem Lockdown nicht zu übersehen, die Schilder mit der freundlichen Aufforderung, den Einkauf möglichst kontaktlos zu bezahlen. In der Bevölkerung stieß das bislang auf Verständnis. Dabei lieben die Deutschen eigentlich ihr Bargeld. So bringt die Corona-Krise ein Thema zurück in die Tagespolitik, an dem der Wirtschaftsjournalist Norbert Häring seit Jahren arbeitet.

der Freitag: Herr Häring, wann haben Sie zuletzt etwas mit Karte bezahlt?

Norbert Häring: Kürzlich beim Tanken, als im Portemonnaie das Bargeld knapp wurde. Gegen das Zahlen mit Karte habe ich auch nichts einzuwenden, das ist an sich eine praktische Sache. Mein Problem beginnt, wenn man uns dazu zwingen will und das Bezahlen mit Bargeld unattraktiv macht.

Wer will uns denn dazu zwingen?

Es gibt eine Better Than Cash Alliance, die weltweit das Bargeld durch digitale Bezahlverfahren ersetzen will. Die Allianz ist eine öffentlich-private Partnerschaft, die von den Regierungen der 20 größten Wirtschaftsnationen unterstützt wird. Die Mitglieder kommen vor allem aus den USA. Dazu zählen USAID, eine zum US-Außenministerium gehörende Entwicklungshilfeorganisation, die Kreditkartenanbieter Visa und Mastercard, Banken, der Microsoft-Gründer Bill Gates mit seiner Stiftung und das Omidyar-Network, das indirekt mit Paypal zusammenhängt, dem führenden Internetbezahldienst. Gemeinsam führt diese Allianz seit Jahren einen Krieg gegen das Bargeld.

„Krieg“? Was hat das Propagieren digitaler Bezahldienste mit Konflikten zu tun, die mit Waffengewalt ausgefochten werden?

Das Sprachbild stammt nicht von mir. Auf einer Konferenz zum Zahlungsverkehr im Jahr 2005 und danach immer wieder sprachen Vertreter von Mastercard und Visa davon, mit neuen Bezahldiensten in den „Krieg gegen das Bargeld“ zu ziehen. Erst seit 2011 hört man das Wort nicht mehr. Jetzt wird dieselbe Kampagne unter dem unverfänglich erscheinenden Wort „finanzielle Inklusion“ weitergeführt.

Was ist schlecht daran, Menschen finanziell zu inkludieren?

In der sinnvollen Version heißt finanzielle Inklusion, jene Menschen in den digitalen Geldverkehr einzubeziehen, die davon bislang ausgeschlossen sind. Ein Bericht von Weltbank, Gates-Stiftung und Besser-als-Bargeld-Allianz beklagt, dass über drei Viertel der Erwachsenen, die von weniger als zwei US-Dollar am Tag leben, kein Konto bei einer Finanzinstitution haben. Wenn man aber hinter die Kulissen blickt, wo die Kampagnenmitglieder unter sich sind und offen reden und schreiben, dann hört und liest man oft Sätze wie: „Der Feind ist das Bargeld.“ Dabei ist Bargeld gerade für die ganz Armen die mit Abstand praktischste und billigste Zahlungsmethode.

Zur Person

Norbert Häring, geb. 1963, ist promovierter Volkswirt und arbeitet als Wirtschaftsjournalist. Schönes neues Geld. PayPal, WeChat, Amazon Go – Uns droht eine totalitäre Weltwährung (256 S., 19,95 €) erschien im Campus Verlag

In Zeiten der Corona-Pandemie bitten auch in Deutschland fast alle Geschäfte und Restaurants ihre Kunden, möglichst bargeldlos zu zahlen. Wie finden Sie das?

Ich fand das in der Anfangszeit verständlich, weil ich annahm, dass manche der Kassiererinnen und Kassierer sich vor Ansteckung durch Bargeld fürchteten. Allerdings war es in Deutschland für mich trotzdem nie ein Problem, bar zu bezahlen, und ich habe kaum eine Spur von Unwillen bei denen bemerkt, die das Geld entgegennahmen. Das ist auch vernünftig, denn inzwischen ist klar, dass Bargeld in dieser Hinsicht nicht gefährlicher ist als zum Beispiel PIN-Pads zur Geheimzahleingabe oder andere viel berührte Oberflächen, sondern eher weniger. Erst im Juli hat die Bank für Internationalen Zahlungsverkehr das bestätigt, was die Bundesbank schon vorher gesagt hat.

Sehen Sie Anzeichen, dass Abschaffungsbefürworter die Corona-Krise für ihre Zwecke nutzen?

Eine ganze Reihe von Banken hat aus Anlass der Pandemie auf ihren Webseiten und mit Mailing-Aktionen für das bargeldlose Bezahlen geworben. Die Pressestelle der Besser-als-Bargeld-Allianz in Washington scheint Überstunden zu machen für die Produktion von Jubelmeldungen über die Folgen der Corona-Krise für den Zahlungsverkehr. Mit ihren Alliierten bei den internationalen Organisationen sorgt sie dafür, dass in vielen Entwicklungsländern Corona-Unterstützungszahlungen für die Armen nur bargeldlos verteilt werden. So zwingt man die Menschen in den digitalen Zahlungsverkehr hinein.

In Deutschland ist diese Gefahr dagegen sehr gering. Weder von der Bundesregierung noch in den anderen Parteien hat man bisher gehört, dass sie dem Bargeld an den Kragen wollen. Im Gegenteil.

Man weiß, dass die Bürger hierzulande am Bargeld hängen. Deshalb hält man sich an die Strategie, die ein Ökonom des Internationalen Währungsfonds in einem Arbeitspapier skizziert hat. Man wählt indirekt wirkende Maßnahmen, wie die Abschaffung großer Geldscheine oder Obergrenzen für Bargeldzahlungen, damit die Bargeldverdrängung als ungeplanter Nebeneffekt anderweitig motivierter Maßnahmen erscheint. Aber man hat sich im Bundestag nicht gescheut, eine Art Forschungsprojekt zur „Welt ohne Bargeld“ aufzusetzen und damit eine IT-Lobbyvereinigung zu beauftragen. Am 18. Juni fand dazu eine als „Fachgespräch“ getarnte Werbeveranstaltung für die Förderung des digitalen Zahlungsverkehrs im Bundestag statt.

Wie wirken sich diese Bestrebungen auf unseren Alltag aus?

In immer mehr Restaurants oder Geschäften konnte man schon vor Corona nur mit Karte zahlen. Die werden zum Teil von Kreditkartenfirmen dafür gesponsert. Das dient der Gewöhnung. Besonders deutlich wird diese Strategie im Bankgeschäft. In vielen Filialen kann man praktisch keine Barüberweisung mehr durchführen. Geldautomaten werden abgebaut. Es gibt Gebühren auf Barabhebungen. Händlern wird gesetzlich verboten, Gebühren für Kreditkartenzahlungen an ihre Kunden weiterzugeben, sodass Barzahler mit für diese Gebühren bezahlen.

In Ihrem Buch „Schönes neues Geld“ beschreiben Sie, wie der indische Ministerpräsident Modi am 8. November 2016 die beiden größten Geldscheine zu 500 und 1.000 Rupien (sieben und 14 Euro), und damit 85 Prozent des Bargelds, für ungültig erklärte.

In Indien haben wenige Menschen Bezahlkarten, nur die Hälfte der Bevölkerung hat ein Bankkonto. 95 Prozent aller Zahlungen in Indien liefen in bar. Urplötzlich gab es quasi kein Bargeld mehr. Kleinhändler oder Rikschafahrer konnten nichts mehr verdienen. Tagelang standen die Menschen bei den Banken in Warteschlangen. Sie mussten ihr Bargeld auf ein Konto einzahlen, sonst wäre es verfallen. Besonders schlimm traf es jene, die ganz am Rand der Gesellschaft stehen. Also Wanderarbeiter, die nicht über die nötigen sozialen Beziehungen verfügten, um ohne Geld über die Runden zu kommen.

Was waren die Gründe für Modis Entscheidung?

Die US-Investmentbank Morgan Stanley hat die Aktien aufgelistet, die von der vorübergehenden Abschaffung des Bargelds in Indien besonders profitiert haben dürften: Es waren die Papiere von Amazon, Visa und Mastercard. Modi war vorher von der US-Regierung erfolgreich gedrängt worden, sich der Besser-als-Bargeld-Allianz anzuschließen. Bill Gates, einer der Hauptakteure der Kampagne, war nach der sogenannten Demonetarisierung einer der ersten prominenten Gäste in Indien und wurde von der dortigen Regierung wie ein bedeutender Staatsgast empfangen. Diese und weitere Indizien deuten darauf hin, dass die Idee in den USA geboren wurde.

Sie nennen in Ihrem Buch auch Länder wie Nigeria, in denen private Zahlungsdienstleister die Personalausweise herausgeben. Wie ist so etwas möglich?

Die Regierungen von Entwicklungsländern bekommen von Organisationen wie der von Gates gegründeten Allianz und anderen Akteuren viel Geld und technische Unterstützung, um ihren Zahlungsverkehr digital zu modernisieren. Regierungsaufgaben werden darum immer öfter privaten Anbietern übertragen. Im Falle Nigerias ist es Mastercard. Sie haben nach eigenen Angaben mit der dortigen Regierung vereinbart, dass ihre Bezahlkarte für staatliche Zahlungen an Bürger verwendet wird und gleichzeitig als Ausweisdokument gilt. Vereinbarungen mit Regierungen, dass Unternehmen eine Zahlungsinfrastruktur aufbauen und im Gegenzug auf ihre Karten die Gehälter für Regierungsangestellte und Sozialleistungen bezahlt werden, gibt es inzwischen einige. Das ist ein Milliardengeschäft. Und man ahnt die Möglichkeiten zur Bevölkerungskontrolle, wenn Daten der Bürger in Datenbanken fließen, auf die die US-Dienste und die jeweiligen Regierungen direkten Zugriff haben.

Gibt es Industriestaaten, in denen Finanzdienstleister ähnliche Erfolge feiern?

In Australien führt man viele Arme schon heute am digitalen Gängelband. In einigen Regionen erhalten probehalber die Sozialhilfeempfänger 80 Prozent ihres Geldes auf eine Debitkarte eines Privatunternehmens, das daran über Gebühren gut verdient. Das Geld auf der Karte kann nicht für Alkohol, Glücksspiele oder Geschenkgutscheine ausgegeben werden. Online kann man nur bei von der Regierung genehmigten Händlern einkaufen. Bargeld abheben kann man gar nicht. Man nutzt die Schwächsten der Gesellschaft, die man als angeblich notorische Alkoholiker und Spieler stigmatisiert, für den Einstieg in die totale Bevölkerungskontrolle.

Es ist verführerisch einfach, mit Karte zu bezahlen, und in Deutschland gibt es relativ gute Gesetze. Warum hängen Sie trotzdem so an der Barzahlung?

Viele wissen nicht, was bei einer Kartenzahlung im Hintergrund passiert. Händler verfügen über einen Code, der einer Produktkategorie zugeordnet ist. Da gibt es etwa Kategorien für Medikamente, aus denen sich schließen lässt, wie krank oder gesund jemand wohl ist. Gleiches gilt für Schulden-, Ehe- und psychologische Beratung, für Partnervermittlung, Glücksspiele. Laut den von Edward Snowden 2013 veröffentlichten Geheimpapieren helfen dem US-Geheimdienst NSA praktisch alle großen amerikanischen IT-Konzerne und Banken bei der Überwachung des weltweiten Daten- und Zahlungsverkehrs. Von den Konzernen werden die Daten genutzt, um unsere Attraktivität als Kunden zu bewerten. Die Daten werden gespeichert und ausgewertet. Wenn wir alles digital bezahlen, können Geheimdienste und Regierungsstellen jahrzehntelang zurückverfolgen, wo wir wann waren und was wir getan und bezahlt haben.

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06:00 24.08.2020

Ausgabe 39/2020

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