Klimakrise, AfD und das Elend neuer Medien

Klimakrise Der Hass auf junge Klimaaktivisten ist nur der erste Schritt zur Legitimierung der rechten Parallelwelt. Die USA zeigen uns wie weit es gehen kann
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Klimakrise, AfD und das Elend neuer Medien
In den USA sieht man, worauf es hinausläuft. Donald Trump lügt tagtäglich und unzweideutig, aber seine loyale Basis ficht das nicht an. Im Gegenteil

Foto: Scott Eisen/Getty Images

„Fridays for Hubraum“ heißt also die wenig kreative Antwort auf die FFF-Bewegung. Der Gründer, Autotuner Chris Grau, wollte das offenbar als semi-ironische Antwort auf „Fridays for Future“ verstanden wissen.

Mithin wissen wir aber inzwischen, dass seine Zielgruppe eher nicht aus Menschen besteht, die subtileren Spielarten des Humors zugeneigt sind. Es mag gemein klingen, ist aber eine nüchterne Bestandsaufnahme: Wer meint, dass die Forderungen der Klimaaktivisten zu weit gehen leidet entweder unter intellektueller Faulheit und hat sich nie die Mühe gemacht den Ernst der Lage zu erfassen oder ist schlichtweg geistig nicht dazu imstande.

Es kam wie es kommen musste: Die Gruppe war nach wenigen Tagen geschlossen – Grund war die massenhafte Äußerung von Morddrohungen und Vergewaltigungsphantasien gegenüber einer 16-jährigen. Das ist leider erstmal nicht bemerkenswert. Nicht erst seit dem Künast-Prozess und dem Skandalurteil von Berlin wissen wir, dass da am rechten Rand etwas brodelt, das sich deutlich außerhalb der Schranken moderner Zivilisation bewegt.

Bemerkenswert, aber leider eben sowenig überraschend, ist das was die AfD dazu zu sagen hatte. An diesem Freitag bezeichnete Jörg Meuthen die neue Gruppierung als „logische und vernünftige Reaktion gegen den ideologischen Irrsinn der Ökoaktivisten“.

Man möchte meinen, dass die stillschweigende Inkaufnahme von Gewaltphantasien gegen ein Kind ein neuer Tiefpunkt des politischen Diskurses wäre, aber rufen wir uns in Erinnerung, dass Vertreter dieser Partei bereits zum Erschießen von Flüchtlingen zwecks Verhinderung des Grenzübertrittes aufgerufen und den Holocaust relativiert haben. Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert. Passend dazu hat die AfD-Fraktion im Bundestag ein Filmprojekt angekündigt, was sich kritisch mit dem „Ökowahn und den Lobbyisten, die dahinterstecken“ auseinandersetzt.

Der Wert der Unternehmen, die mit fossilen Brennstoffen ihr Geld verdienen, übersteigt mit mehr als USD 4,5 Billionen den Wert ähnlicher Unternehmen, die in den Erneuerbaren aktiv sind, um den Faktor drei. Alleine in den ersten 16 Jahren des 21. Jahrhunderts und das nur in den USA gab die Fossilbrennstoff-Industrie nahezu zwei Milliarden Dollar für Lobbying aus, um den Kampf gegen die Klimakrise zu unterbinden.

Soweit die Realität. Darum geht es der AfD aber nun mal nicht – sie schafft einfach ihre eigene. Es kommt einem das geflügelte Wort der „alternativen Fakten“ in den Sinn, geprägt von Trump-Beraterin Kellyanne Conway. Hiermit sind wir schon näher an den Wünschen der AfD: Während die Situation in den USA für Donald Trump langsam unerträglich wird, hat der Siegeszug der Alternativrealitäten in Europa gerade erst begonnen.

Erspart blieben uns Verschnitte von Fox News und Roger Ailes – Öffentlich-Rechtlicher Rundfunkfinanzierung sei Dank. Das Internet allerdings hat gerade erst angefangen unser Verständnis von Medien zu verändern. Es verblüfft mich dabei immer wieder, dass die Häupter demokratischer Nationen nicht kopfstehen angesichts der Tatsache, dass unser relativ engmaschig kontrolliertes Mediensystem innerhalb weniger Jahre durch eine Mischung aus Anarchie und Algorithmen ersetzt wurde.

Kontrolle ist wichtig. Nicht auf inhaltlicher Ebene – hier liegt der wichtige Unterschied zwischen öffentlichen Medien und Staatsmedien – aber doch hinsichtlich Aspekten wie Wahrheit und Verantwortlichkeit. Eine Zeitung, einen bekannten Journalisten kann man für Lügen und Falschinformationen zur Rechenschaft ziehen, weil der Urheber bekannt ist. Den Urheber eines tausendfach geteilten gewaltverherrlichenden Memes allerdings kaum. Gleiches gilt für die fadenscheinigen neuen rechten Outlets, die auch im deutschsprachigen Raum vermehrt sprießen und nur noch gelegentlich in der Realität vorbeischauen.

In den USA sehen wir wie das enden kann: Donald Trump lügt inzwischen tagtäglich nachweislich und unzweideutig, aber seine loyale Basis ficht das nicht an, sie steht zu ihm. Nicht weil sie Lügen befürworten, sondern weil sie sich in eine andere Realität verabschiedet haben in der alles, was nicht passt, nunmal passend gemacht wird. Währenddessen schlägt jeder außerhalb der rechten Blase die Hände über dem Kopf zusammen, aber das dringt schon nicht mehr durch.

Die USA lehren uns auch, dass dies – selbst unter Zuhilfenahme des Fernsehens – nicht für eine Mehrheit reicht. Aber während das Wahlsystem der USA es Donald Trump ermöglicht hat mit einer Minderheit der Stimmen zu gewinnen, so wird es unser System der AfD ermöglichen mit einer Minderheit an Realitätsverweigerern den politischen Diskurs auszubremsen und zu verunstalten. Machen wir uns nichts vor: Wir haben schon jetzt den Planeten verspielt, den wir bisher kannten. Wir brauchen keine alten, wütenden Männer, die dem zur Hilfe eilenden Feuerwehrmann nun auch noch ein Bein stellen.

16:59 04.10.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Charles Marlow

Politik- und Nahostwissenschaftler. Außerdem Gelegenheitspolemiker.
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