Beängstigende Spannweite

Programmparteitag AfD-Mitglied Jörg Meuthen ist gefährlich – er arbeitet für den Schulterschluss zwischen dem „einfachen Mann“ und dem Bürgertum bei den Rechtspopulisten
Christian Füller | Ausgabe 18/2016 16
Beängstigende Spannweite
AfD-Mitglied Jörg Meuthen auf dem Parteitag

Foto: Christian Thiel/imago

Als die AfD vergangenes Jahr ihren Erfinder Bernd Lucke abwählte, überraschte eine Personalie: Jörg Meuthen. Was wollte der nette Herr weiter in einer AfD, wo sie doch so scharf nach rechts abbog? Meuthen gehörte zu Luckes wirtschaftsliberaler Professorenriege – aber er blieb auch unter Petry. Beim Stürzungsparteitag wählten ihn die Delegierten als liberales, nicht-nationales, als braves und nichtssagendes Feigenblatt.

Der Programmparteitag am Wochenende nun erlebte Meuthen plötzlich als intelligenten Einpeitscher. Was der Volkswirt ablieferte, war nicht die Rede eines Ersatzmannes, sondern die entscheidende, die Delegierten mitreißende Ansage, wer die AfD ist und was sie will.

„Wir wollen weg vom links-rot-grün verseuchten 68er Deutschland“, sagte Meuthen. Der Saal tobte da bereits, aber Meuthen legte nach: „weg vom leicht versifften 68er-Deutschland“. Damit nun riss der vermeintlich langweilige baden-württembergische Landesvorsitzende seine Partei endgültig mit. Selbst die rechtsextremen AfDler johlten.

Jörg Meuthen ist mit seiner Rede etwas Erstaunliches gelungen – und etwas Gefährliches. Die AfD als eine Partei zu präsentieren, die sich zusammenhängend und vernünftig artikulieren kann – und gleichzeitig den rechten Kameraden zu versichern, dass auch sie dazugehören. Als Meuthen den Namen des Justizministers Heiko Maas erwähnte, kochte die Parteivolksseele hoch. In einem Punkt müsse er Maas Recht geben, beruhigte Meuthen sie perfide: „Ja, das Parteiprogramm ist ein Fahrplan in ein anderes Deutschland.“

Meuthen und seiner AfD gelingt gerade leider etwas, was der Linken und der SPD fast völlig abhanden zu kommen scheint: Sie schafft den Schulterschluss zwischen dem „einfachen Mann“ und dem Bürgertum. Die Spannweite ist beängstigend groß. Die AfD integriert den Arbeitslosen und den Arbeitnehmer, der Angst um seinen Job hat, genau wie die Herren der Mittelschicht, mal tragen sie Zwillich-Sakkos wie der Ex-CDU-Mann Alexander Gauland oder sie arbeiten in Kanzleien, Büros, Agenturen – und fühlen sich zurückgesetzt. Es ist jeweils die mokante bis hassbereite Variante, die angry white men, die Wutbürger und Maas-Pöbler, für die AfD der willkommene Resonanzkörper ist, um ihren Aufschrei zu verstärken. Hier herrscht eine gefühlte Einmütigkeit gegen „die da oben“. Nach Lucke war die Partei fast weg vom Fenster, im Moment ist sie ein Magnet für Protest, Ungerechtigkeit, Benachteiligung, egal ob in realer oder gefühlter Ausprägung.

Man hätte der AfD gewünscht, dass sie ihre Parteivorsitzende Frauke Petry absetzt und Rechtsausleger wie Björn Höcke den Laden übernehmen. Dann hätte die so genannte Alternative schnell das Zeitliche gesegnet. Stattdessen ist etwas anderes geschehen. Petry wurde gestützt, nicht gestürzt, und die Rechten um André Poggenburg haben Kreide gefressen. „Alle prophezeien den Rechtsruck, aber es gibt ihn nicht“, sagte der 23-Prozent-Mann aus Sachsen-Anhalt. Er tat dies mit feinem Lächeln – in der Jungen Freiheit, einer rechtsintellektuellen Wochenzeitung, die im AfD-Fahrwasser kräftig zulegt. Das politische Momentum geht von der AfD aus. Ein Umfrage zeigt die Partei in Mecklenburg-Vorpommern aus dem Stand bei 18 Prozent – erneut vor der Linken. Und mit Jörg Meuthen hat sie nun einen Sprechfähigen, einen deutschen Geert Wilders, der vom Bürger bis zum Pöbler alle Rollen beherrscht.

06:00 04.05.2016
Geschrieben von

Christian Füller

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Christian Füller

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