Wenn ein Werbespot Realitäten schafft

#Rio2016 Südsudan tritt zum ersten Mal bei den Olympischen Spielen an. Für den Sprinter Mangar Makur Chuot endete die Nominierung bitter
Christine Käppeler | Ausgabe 32/2016
Wenn ein Werbespot Realitäten schafft
Mangar Makur Chuot

Foto: Ben Doherty/ Guardian News & Media

Als 1988 die Olympischen Sommerspiele in Seoul stattfanden, war ich neun und ein fantasievolles Kind. Jedes Provinzbad, in dem ich mit meinem Schwimmverein Bahnen zog, wurde damals für mich zur olympischen Wettkampfstätte. Diese Strahlkraft haben die Spiele für mich lange schon verloren, aber ich erinnerte mich jetzt daran, als ich einen Spot mit der südsudanesischen Sprinterin Margret Rumat Rumar Hassan sah. Es ist ein Werbeclip von Samsung, Hauptsponsor in Rio. Wir sehen die Leichtathletin in den Katakomben eines Stadions, vor ihrem inneren Auge taucht ein Mädchen auf, das sie vor einer Wand mit Zeitungsartikeln anfeuert. „Local Girl Dreams of Rio“ steht als Schlagzeile über einem Foto der Sprinterin. Wir sehen dann Schüler in einer Dorfschule, Männer in einer Dorfkneipe, staubige Straßen und immer mehr Menschen, die Margret Rumat Rumar Hassan anfeuern, sie steigen in Busse und auf Motorräder, manche rennen nur ein Stück mit, ein paar steigen dann in ein Flugzeug. Als Hassan aus den Katakomben ins Stadion tritt, steht das Mädchen natürlich unter den Fans auf den Rängen.

„For those who defy barriers“ lautet der Slogan des Sponsors – für alle, die sich über Hindernisse hinwegsetzen. Man kann das zynisch finden, 60.000 Menschen sind Anfang August wieder binnen drei Wochen aus dem Südsudan geflohen, und natürlich stehen keine Flugzeuge für sie bereit. Laut Berichten des UNHCR wurden viele mit Waffengewalt daran gehindert, auch nur ins Nachbarland Uganda zu gelangen. Aber es ist nicht die Aufgabe von Werbespots, die Realität abzubilden.

Das eigentliche Problem dieses Spots ist ein anderes: Er hat Realitäten geschaffen. Recherchen des Guardian zufolge liegt es auch an diesem Clip, dass Hassan überhaupt für Südsudan in Rio antritt. Der nationale Leichtathletikverband hatte sie nicht nominiert. Ausgewählt worden war der Sprinter Mangar Makur Chuot. Chuots Vater, der sich für die Unabhängigkeit des Südsudan einsetzte, wurde ermordet, als er vier Jahre alt war. Mangar wuchs in einem kenianischen Flüchtlingslager auf, 2005 erhielt er Asyl in Australien. In Perth befand ein Leichtathletikcoach, er laufe „wie eine Gazelle auf Amphetamin“. Chuot, der die doppelte Staatsbürgerschaft besitzt, wollte sich 2012 für das australische Olympiateam qualifizieren. Er wurde überfallen, die Einbrecher, Sudanesen, prügelten gezielt auf seine Beine ein. Seine Achillessehne riss, er fiel monatelang aus. 2014 wurde er australischer Meister über 200 Meter.

Im Dezember 2015 eröffnete ihm der südsudanesische Leichtathletikverband, dass er in Rio das Land vertreten wird, für das sich sein Vater eingesetzt hatte. In dem Brief standen sogar schon die genauen Wettkampfzeiten. Das Nationale Olympische Komitee entschied acht Tage vor Beginn der Spiele anders. Sein Generalsekretär räumte im Radio ein, dass Margret Rumat Rumar Hassans Werbedeal mit ausschlaggebend für ihre Nominierung war.

Mangar Makur Chuots komplizierte und tragische Geschichte lässt sich schwer auf 1:43 Werbeminuten verdichten. Noch weniger sponsorentauglich ist ihre traurige Pointe: Was die Schläger 2012 nicht erreichten, ist nun vollbracht. Chuot verkündete vergangenen Freitag seinen endgültigen Abschied vom Sport. Das Nationale Olympische Komitee bot ihm an, als Gast nach Rio zu reisen. Wie peinlich das ist, versteht nun wirklich jedes Kind.

Der Sprinter im Porträt: freitag.de/chuot

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06:00 11.08.2016
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