Wenn ich nicht kann, soll ein Küken arbeiten

Hegelplatz 1 Journalisten stehen entspannte Zeiten bevor, wenn Algorithmen die Texte schreiben – oder Tiere
Christine Käppeler | Ausgabe 10/2019 6

Vielleicht haben Sie schon von Pigcasso gehört, dem Schwein aus Südafrika, das malt. Pigcasso arbeitet vor einer Staffelei, es kann mit dem Maul einen Pinsel greifen und bringt mit Drehbewegungen des Schädels Linien auf die Leinwand. Danach signiert es die Bilder mit einem Rüsselabdruck. Aktuell hat Pigcasso knapp 13.000 Follower auf Instagram und eine Ausstellung vor einem Einkaufszentrum in Kapstadt.

Der National Geographic stellte direkt mal wieder die Frage, ob Tiere so kreativ wie Menschen sind. Pigcasso liefere „saustarke Argumente“ dafür. Monopol-Autorin Saskia Trebing ächzte hingegen über die Hartnäckigkeit, mit der jeder – Schwein, Schimpanse, Sechsjähriger –, der einen Pinsel führen kann, als neuer Picasso gefeiert wird. Sie warte lieber auf den ersten Hai Weiwei. Ich vermute, er wird mit seiner Finne großformatige Skulpturen aus Plastikmüll bauen, die eine erbitterte Feuilletondebatte nach sich ziehen, ob Hai Weiweis Werke als eigenständige künstlerische Position betrachtet werden müssen oder doch menschengemacht sind.

Kürzlich haben wir in einem Quiz in unserer Jubiläumsausgabe allerlei Wissen über die Freitag-Redaktion abgefragt. Eine besonders schöne Frage fiel dabei unter den Tisch: Welches Tier hat Jakob Augstein noch nie mit in die Freitag-Redaktion gebracht: a) Hund, b) Katze oder c) Küken? Keine Katze, lautet die richtige Antwort. Von dem Küken hat er ein Foto gepostet, wie es auf seinem Schreibtisch neben der Tastatur sitzt. Ich würde nicht ausschließen, dass es die eine oder andere Kolumne verfasst hat.

Die wahre Konkurrenz für uns Journalisten lauert woanders. Mitte Februar hat das Non-Profit-Unternehmen OpenAI, das unter anderem von dem Telsa-Milliardär Elon Musk unterstützt wird, verkündet, es habe eine künstliche Intelligenz entwickelt, die so gut darin sei, journalistische und belletristische Texte zu schreiben, dass sie als potenzielle Gefahr einzustufen sei – nicht für die schreibende Zunft, sondern die gesamte Menschheit, denn sie könnte sich als die perfekte Fake-News-Schleuder erweisen. Ihre Macher haben deshalb entschieden, GPT2 vorerst unter Verschluss zu halten, allerdings nicht ohne das groß anzukündigen. Was in etwa so sicher klingt, wie auf einer abgelegenen Insel militärisch nutzbare Kampfdinosaurier zu entwickeln (siehe Jurassic World II). Der Programmcode soll freigegeben werden, wenn ausdiskutiert ist, wie mit diesen publizistischen Möglichkeiten verantwortungsvoll umgegangen werden kann. Ich hoffe ja, ich kann GPT2 dann als Urlaubsvertretung für diese Kolumne einstellen. Bis dahin werden Bewerbungen von Küken bei gleicher Qualifikation bevorzugt.

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06:00 31.03.2019
Geschrieben von

Ausgabe 28/2020

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