Christopher Piltz
Ausgabe 4913 | 10.12.2013 | 06:00 9

Mit aufs Zimmer

Gekaufte Nähe Pflegebedürftige haben auch sexuelle Wünsche. Die Arbeit von Prostituierten in Heimen ist aber umstritten

Eines Tages rannte Klaus Becker* nur mit einer Unterhose bekleidet über den Gang. Verwirrt fragte er nach dem Ausgang. Wenige Wochen zuvor war der pensionierte Postbeamte in das Pflegeheim am Rand von Berlin gezogen, in ein Zimmer der geschlossenen Abteilung, Zugang nur mit Zahlencode. Der neue Alltag verwirrte den dementen Mann zusätzlich. Er konnte nicht mehr sagen, an welchem Ort er war, welchen Tag, welches Jahr man schrieb. Manchmal glaubte er, alles sei nur ein Kuraufenthalt. Seine Koffer waren immer gepackt, bereit für die Heimreise.

Doch dann trat eine Frau in Beckers Leben, die er heute nur „die andere Frau“ nennt. Eine dominante Erscheinung, 51 Jahre alt, kurzes Haar, herbe Gesichtszüge. Sie zog erst ihn aus, dann sich selbst, dabei sprach sie sanft auf ihn ein und streichelte ihn, bis er zum Orgasmus kam.

Die Frau heißt Stephanie Klee. Sie ist eine Hure, wie sie selbst sagt. Becker ist nicht der einzige Pflegebedürftige ihrer Kunden. Zehn weitere werden regelmäßig von ihr in Pflegeheimen besucht, einige sind zerstreut, andere bettlägerig. Nach Schätzungen des „Berufsverbandes erotische und sexuelle Dienstleistungen“ sind etwa zehn Kolleginnen deutschlandweit in ähnlicher Mission unterwegs.

Die Frauen kommen nicht nur für Sex, nicht „für den schnellen Fick“, wie Klee es formuliert. Sie nehmen zwischen 90 und 150 Euro die Stunde, dafür gibt es Zuneigung, Massagen und Streicheleinheiten. Und sie hören den Erzählungen über den Weltkrieg zu, über Fußballvereine und Kameradschaft. Damit stillen sie ein menschliches Grundbedürfnis: den Wunsch nach Aufmerksamkeit. Später telefonieren sie mit Angehörigen oder Pflegern, „die Nachbesprechung ist wichtig“, sagt Klee.

Nach dem Gesetz gelten diese Frauen als Prostituierte, doch sie selbst nennen sich Sexualbegleiterinnen. Bei Menschen wie Klaus Becker sorgen sie für den Höhepunkt im Zwei-Wochen-Rhythmus; bei Angehörigen, Pflegern und Heimleitern jedoch immer wieder für Streit.

Ein Pfleger kümmert sich

Konrad Roth* hat miterlebt, wie vorschnell andere über Klee gerichtet haben. Heute grinst er, wenn er daran denkt, wie sehr sie Becker verändert hat. „Sie vollbringt wirklich Wunder.“ Roth ist Pfleger auf der Station von Becker, er hilft ihm beim Anziehen, geht mit ihm Einkaufen, räumt seinen Schrank auf. An einem Sommertag fragte er ihn beim Spazierengehen, ob er sich nicht eine Freundin kaufen wolle.

Roth kümmerte sich nicht das erste Mal um das Liebesleben eines Bewohners. Er arbeitet seit zwölf Jahren als Pfleger, hat etliche Bewohner kommen und sterben sehen. Wenn seine Patienten weiße Mäuse sehen, verjagt Roth diese. Wenn sie eine Lampe für eine Blume halten, bewundert er sie. Er arbeitet lieber mit schwer Dementen als mit anderen Senioren. „Die können sich einfach nicht verstellen“, sagt er. „Sie mögen etwas und zeigen es. Oder sie finden etwas scheiße, dann zeigen sie es auch.“ Demente verlören auch oft alle Hemmungen. Sie zeigten dann deutlich, dass sie ein sexuelles Bedürfnis verspürten.

Die Sexualität alter Menschen und vor allem Pflegebedürftiger wird häufig verdrängt. Klee und Roth wollen dies ändern. Doch der Weg dahin ist schwierig. „Wer will schon wissen, ob seine eigenen Eltern noch Sex haben?“, fragt Klee. „Keiner.“ Und Konrad Roth ist sich aus seiner Erfahrung sicher: „Egal, wie stark jemand geistig abbaut, der Sexualtrieb bleibt.“

Sexualwissenschaftler bekräftigen seit Längerem, dass das Bedürfnis nach Nähe und Sexualität sich bis ins ganz hohe Alter zieht. Die Beratungsstelle Pro Familia hat eine Broschüre zu diesem Thema veröffentlicht, 36 Seiten über Orgasmusstörungen, Erektionshilfen und lesbische Neigungen. Da viele Heimbewohner ohne Partner leben und sich einsam fühlen, suchte Roth vor acht Jahren das erste Mal nach Prostituierten. Sie sollten mit einem Bewohner des Pflegeheims schlafen, der seine Sexualität nicht ausleben konnte und deshalb aggressiv wurde. Roth blätterte sich zwei Wochen durch Boulevardzeitungen. Er markierte dutzende Annoncen, rief in Clubs an, fragte bei Erotik-Pensionen nach. Am Ende hatte er ein einziges Bordell auf der Liste, dreißig Minuten Autofahrt entfernt. Roth sträubte sich. Nein, nicht mit einem Unberechenbaren durch die ganze Stadt. Nicht für Sex.

Schwierige Suche

Also zog er durch die Bordelle der angrenzenden Stadtteile. In einem Altbau klingelte er in der vierten Etage, „Annas Oase“. Kalter Zigarettengeruch schlug ihm entgegen. Eine Frau empfing ihn, zwei breitschultrige Männer musterten ihn vom Tresen aus. Bitte, nimm Platz, warte kurz, wir zeigen dir unsere Mädels. Nach und nach traten Frauen in das Zimmer, posierten im Halbkreis vor ihm. Zwanghaft lächelnde Gesichter, die Körper in knappem Zwirn. Sie verstrubbelten Roths Haar, streichelten ihn. „Aber keine hat geglaubt, dass ich stellvertretend für einen älteren Herrn suche.“

Dann, Mundpropaganda unter Kollegen, hörte Roth von Stephanie Klee. Sie hatte ihren ersten bezahlten Sex mit einem fremden Mann kurz nach dem Abitur. Später, als Verwaltungswirtin in Nürnberg, mietet sie sich zwischendurch in Bordellen ein. Heute ist sie Prostituierte, Sozialarbeiterin und Mediatorin. Seit 2010 besucht sie Kunden in Pflegeeinrichtungen. Eine Kollegin hatte sie darauf gebracht; sie erzählte von einem alten Herren, der sich nicht mehr waschen ließ, der biss und kniff. Die Pfleger weigerten sich, alleine das Zimmer zu betreten. Klee sagte: „Kein Problem, ich bin bereit, mit dem Personal zu reden und meine Dienste anzubieten. Ich kann einen Ausgleich schaffen.“

Klee trägt viel Grün, grünes Oberteil, grünen Mantel, grüne Armbanduhr. In einem Berliner Café erzählt sie, dass sie sich von jenem Tag an, als ihre Kollegin sie ansprach, für die sexuelle Selbstbestimmung von Senioren engagiert. Es ist ihre zweite große Mission. Schon Anfang der Nullerjahre stritt sie für die Rechte der Prostituierten. Sie sprach damals im Bundestag, reiste zu Hurenkongressen. Nun also die Senioren. Mitte Oktober veranstaltete sie im Roten Rathaus in Berlin eine Fachtagung mit dem Titel Sexualität in Einrichtungen. Knapp 100 Leute kamen, Sexualbegleiter, Psychologen, Sozialarbeiter, Pflegekräfte. Klee ist noch heute von der Resonanz begeistert: „Schließlich hat jeder ein Recht auf Sex.“

Die Kolleginnen von Pfleger Roth reagierten zunächst geschockt, als sie von den Besuchen der Prostituierten hörten. Sie fanden es ekelhaft, warfen Klee vor, sie würde Becker nur ausnutzen. Oft stören sich auch die Kinder der Betreuten an den Sexualbegleiterinnen. Angefragt von Pflegern oder Betreuern, lehnen sie die Dienste häufig entschieden ab. „Sie übertragen ihre Moralvorstellungen auf andere“, sagt Roth. „Sie kommen oft nicht damit klar, dass ihre eigenen Eltern noch ein Sexualleben haben“, sagt Klee. „Oder sie denken an ihr Erbe.“ Eine Stunde mit Klee kostet 150 Euro. Für viele ein Luxus am Lebensabend.

Das Kuratorium Deutsche Altershilfe, ein Verein, der die Selbstbestimmung im Alter stärken will, betont, wie wichtig Sexualität bis zum letzten Tag sei. Aber Sexualbegleiterinnen? Sie seien in Einzelfällen durchaus sinnvoll. Doch lieber sollten die Bewohner einen anderen Senioren finden, für Liebe, Nähe und Sex.

Klee und Becker treffen sich inzwischen alle zwei Wochen. Für Becker ist sie seine Geliebte. Er spaziert mit ihr stolz durch das Heim, stellt sie anderen Mitbewohnern vor. Bei ihrem letzten Besuch begrüßte er sie mit Handkuss. Willkommen, meine Liebe. In Hemd und Anzughose führte er sie zum Oktoberfest der Einrichtung. Sie aßen Kuchen, tanzten zu Schlagern, schunkelten und lachten. Irgendwann verschwanden sie für eine Stunde aufs Zimmer.

Beckers Koffer sind mittlerweile ausgepackt, die Hemden und Hosen liegen im Schrank. Manchmal, nach ihrer gemeinsamen Stunde, sucht Klee ihm ein schickes Hemd aus, hilft ihm beim Anziehen, und beide gehen noch einen Kaffee trinken. Pfleger Roth nennt das „Einsatznachbereitung“. Klee sagt, sie genieße einfach die Zeit mit dem alten Herrn.

* Namen von der Redaktion geändert

 

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 49/13.

Kommentare (9)

Lethe 10.12.2013 | 10:33

Eher sinnvoll ... aber mit einer gehörigen Portion Probleme.

Die Sorgen des liebenden Nachwuchses ums Erbe können dabei getrost unter der Kategorie "schäbig" laufen, werden im Konfliktfall aber trotzdem zu einer Quelle erheblicher Ärgernis.

Andere Fragen betreffen den Status der Prostituierten: ist sich der Patient dessen bewusst, dass er Nähe und Sex für Geld erhält? Wenn ja, kein Problem. Was passiert, wenn die Prostituierte nicht mehr zur Verfügung steht, sei es, dass sie in eine andere Stadt zieht oder "in Rente" geht?

Nicht zuletzt ein Problem der Anzahl: 10 Prostituierte deutschlandweit, die sich auf eine derartige soziale Dimension ihrer Arbeit einlassen. Selbst wenn man noch ein paar nicht Erfasste dazu nimmt, dürfte das nicht annähernd reichen. Ist also, wie Rechercheuse schon andeutet, ein Service und Glücksfall für Semi-Privilegierte (die reich genug sind, um es sich leisten zu können, aber nicht reich genug, um zuhause in ihrem Alterswohnsitz die Dienste normaler Prostituierten in Anspruch nehmen zu können), und damit beißt sich die altruistische Dimension selbst in den Allerwertesten.

Und zuguterletzt natürlich die Moral. Hier, an den Grenzen der Aufklärung und oft genug jenseits davon, kommt - vor allem in Tateinheit mit Sorge ums Erbe - der missgünstige Mief zum Tragen, der in viel zu vielen Psychen gepflegt wird.

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Ehemaliger Nutzer 10.12.2013 | 13:23

Ist also, wie Rechercheuse schon andeutet, ein Service und Glücksfall für Semi-Privilegierte...

Sex auf Krankenschein!

Keine Ironie, nur provozierender Ernst. Psychische Probleme lassen sich oft durch Nähe zu Menschen lindern - ganz einfach: reden, berühren, (körperlich) lieben. Tiefer drin steckt im Menschen nichts: Egal, wie stark jemand geistig abbaut, der Sexualtrieb bleibt. Der Kuscheltrieb auch.

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Ehemaliger Nutzer 10.12.2013 | 13:32

Gern gelesen, danke!

Aber zwei wesenliche Perspektivwechsel fehlen:

1) Wie steht es um die Bedürfnisse weiblicher Patientinnen / Bewohnerinnen von Altersheimen? Werden auch bereits von männlichen Prostituierten solche Dienste angeboten?

2) Bietet Frau Klee ihre Dienste auch für Frauen an? Wie steht es also um die Bedürfnisse von Schwulen und Lesben?

Lethe 10.12.2013 | 14:00

Sex auf Krankenschein!

Eine naheliegende Lösung, die aber vermutlich nur die Hälfte des Problems abdeckt. Gerade weil der Kuscheltrieb bleibt und auch die Sehnsucht nach Geborgenheit in der Gegenwart eines anderen Menschen. Benötigt werden Prostituierte, die neben dem Job zumindest für die ein, zwei Stunden tatsächlich eine Beziehung eingehen wollen. Falsche Gefühle gibt es schon viele zu viele.

Eine alternative Vorgehensweise wäre z.B. die aktive Vermittlung und Unterstützung von Partnerschaften in Pflegeheimen; das wäre wohl auch im Sinne Ihrer berechtigten Frage nach der erotischen Unterstützung von Frauen und homosexuell orientierten Menschen.

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Ehemaliger Nutzer 10.12.2013 | 14:28

Benötigt werden Prostituierte, die neben dem Job zumindest für die ein, zwei Stunden tatsächlich eine Beziehung eingehen wollen.

Das ist für viele Kunden sicher sehr wichtig, ja. Für mich hier grundlegender sind aber die Wirkungen "mechanischer" Arbeit: Anfassen, Kuscheln, Sex - kurz: Körpern! Das allein lädt schon sehr die Batterie auf und tut der Seele gut - ganz automatisch. Provozierender: Gefühle braucht es da nicht zwingend...

Eine alternative Vorgehensweise wäre z.B. die aktive Vermittlung und Unterstützung von Partnerschaften in Pflegeheimen;

In der Tat, danke für den Vorschlag!

Lethe 10.12.2013 | 15:05

Provozierender: Gefühle braucht es da nicht zwingend...

das dürfte hochgradig von den Einzelnen abhängen^^ kuscheln ohne Geborgenheit, als mechanische Maßnahme ... und eine Partnermassage ist auch nicht ganz dasselbe wie die Massage durch einen Pysiotherapeuten ... Sex ohne Liebe ... nein^^ das ist alles nichts für mich^^

davon abgesehen, wenn es der Gefühle nicht zwingend bedarf, gibt es ja die "normalen" Prostituierten für die Mechanik

ackerhexe 10.12.2013 | 17:32

Christopher, ich habe Ihren Artikel gerne gelesen.

Ohne auf einzelne, folgende Statements direkt eingehen zu wollen ... ich bin examinierte Krankenschwester von Beruf, mit einer fundierten Fachweiterbildung Stomatherapie, Kontinenz- und Wundversorgung. Ein Großteil der zu versorgenden Patienten ist inkontinent. Die Herrlichkeiten dieser Welt genießen selbst in dieser unschönen Lage noch einen enormen Vorteil - ihre Anatomie. Sie können diskret, mittels Kondomurinalen und ober- oder unterschenkelfixierten Urinbeuteln versorgt werden und sind die damit die Windel los.

Das Anlegen selbiger Urinale ist eine äußerst intime Situation.

Näher darauf eingehen möchte ich an dieser Stelle nicht.

Aber allen Skeptikern sei gesagt - selbst diese rein pflegerische Mechanik entspannt einen Großteil der Betroffenen und erhellt anschließend nicht nur einen Tag.

Ich wünsche sämtlichen Bedürftigen eine "Frau Klee" ... oder wenigstens ungenierte Pflegekräfte.