Bravo enfants de la Patrie

Marche républicaine Der 11.01.2015 wird im Gedächtnis bleiben. Als Gedenk- und Trauertag, aber ebenso als Tag der Selbstversicherung einer Bürgernation, deren Vertrauen zuletzt schwand

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Kolumnist und Notarzt Patrick Pelloux mit anderen Mitgliedern von Charlie Hebdo am Sonntag auf dem "Marche Republicaine" in Paris
Kolumnist und Notarzt Patrick Pelloux mit anderen Mitgliedern von Charlie Hebdo am Sonntag auf dem "Marche Republicaine" in Paris

Foto: MARTIN BUREAU/AFP/Getty Images

Bravo enfants de la Patrie!

Das war eine großartige Demonstration der Republik, trotz des traurigen Anlasses. Mir jedenfalls gefiel, was ich sah, hörte und las.

Bravo, Franzosen! Nun heißt es weitermarschieren, um aus dem gerechten und richtigen Gefühl der Citoyens und Citoyennes eine bessere Politik erwachsen zu lassen, um eine, sich gegenseitig mehr annehmende Gesellschaft auch zu verwirklichen und jene, die sich immer nur mit Worten abgespeist fühlen, aufzunehmen.

Die Eule der Minerva flog am Sonntag über Paris und ganz Frankreich. Der Tag wurde historisch. Nur selten schenkt die Göttin der Geschichte, nach solchem Unglück, einen so heilsamen Segen der Erkenntnis, für ein ganzes Volk. Aus diesem guten Geist etwas zu machen, wird nun die Aufgabe aller sein, die den klugen Mythenvogel sahen.

Es waren viele, nicht nur in Frankreich, die da mithörten, hinsahen und ablasen, was auf den Schildern stand, was überall gesungen wurde und wer da nebeneinander und miteinander ging.

Besonders auch in jenen Ländern, in denen täglich Menschen mit mörderischer Gewalt von ihren lange schon verbürgten Rechten abgebracht und abgehalten werden, kommt diese Botschaft an, denn die Post ist heute millisekundenschnell und praktisch überall empfangbar. Sie lässt hoffen, es mögen ausreichend viele sich an den guten Geist des 11. Januar 2015 erinnern und daran arbeiten, ihm im eigenen Tagwerk einen Platz zu schaffen.

Es hat bestimmt Auswirkungen, da, wo noch viel mehr und ebenso sinnlos und brutal, täglich gemordet wird, da, wo die Meinungsfreiheit noch nicht herrscht, wenn ein Volk von Bürgern, endlich wieder ein Beispiel gibt, wie es anders und besser sein soll.

Gelingt das, ist es das bestmögliche Andenken an Stéphane Charbonnier (Charb), Jean Cabut (Cabu), Bernard Verlhac (Tignous), Philippe Honoré (Honoré ) George Wolinski (Wolinski ), Michel Renaud, Elsa Cayat, Bernard Maris, Mustapha Ourrad, Frédéric Boisseau, Franck Brinsolaro, Ahmed Merabet, Clarissa Jean-Philippe, Yohan Cohen, Yohav Hattab, Philippe Braham, François-Michel Saada.

Die Hoffnung keimt, dass zum Beispiel auch die Reaktion der Bürger Mexikos, auf den Banden- und Staatsterror in ihrem Land, mehr Aufmerksamkeit erlangt und eine bessere Politik bringt. Die Möglichkeit existiert nun wieder, eine erstrebenswerte Realität aus der Utopie zu schaffen. Jedenfalls war der Wille der Franzosen klar erkennbar, einer solchen Utopie, zu ihrer Verwandlung in Realitäten, wieder Raum zu geben.

Über Demonstrationen und eine endlich wache Öffentlichkeit, kann mehr erreicht werden, als nur ein paar schöne Einheitsbilder zu produzieren. Das ist die Botschaft der Pariser und Franzosen, vom 11.01.2015.

Es ist nun lange schon Montag und ab jetzt muss es auch wieder Kritik an den großen Gefühlen für eine gute Sache geben, die sich nicht einschüchtern lässt. Diese ewige, nervige und alles komplizierter machende Kritik, die zu unserer Gattung dazugehört, wie zum Beispiel der Käsfuß, die Allesfresser-Klappe, die abstehenden Ohren und wackelnden Hintern, die uns besser macht, sie lebe. Marchons, marchons!

Die ganz einfachen Botschaften, die so leicht aus dem Gedanken erwachsen, es müsse irgendwie Ruhe, Ordnung und Einförmigkeit auf dieser Welt, durch ultimative Taten und Gewalt herbeigeführt werden, sind allesamt und erneut widerlegt. Die Franzosen zumindest, glauben nicht mehrheitlich an die einfachen Lösungen. Das lässt für uns alle hoffen.

Der Marche républicaine, ist eigentlich ein Unding, wie es sein längerer und älterer, noch viel intellektuellerer Titel "Marche des idées républicaines" ausdrückt.

Es ist die Eigenart des Mutterlandes der Demokratie und Republik, dass seine allgemeinen und abstakten Ideen ins Laufen geraten, gar marschieren. Die kriegerische Marseillaise ist damit angefüllt.

Die Große Revolution aus der sie stammt, war eine, die durch Märsche initiiert und erhalten wurde. Das geht in der Geschichte Frankreichs dann immer so weiter. 1830 und 1848, 1871, besonders wieder während der Affäre Dreyfus. "La verité et en marche et rien ne l´arrêtera.", schrieb Émile Zola, 1897, als Motto in seinen ersten Appell- Artikel "La vérité en marche".

Uns mag das immer noch fremd sein, dass Ideen und nicht etwa Macht und Gewalt, wie sie z.B. die Heere der napoleonischen Kriege oder die Knobelbecher des zweiten Weltkriegs sie transportierten, sich ganz materiell bewegen. Aber für Franzosen ist der Gehalt dieser Vorstellung, wie man jetzt sehen konnte, immer noch leicht verständlich.

Republikanismus und Demokratie sind abstrakt und trotzdem brauchen sie Symbole, die es eben nicht sind. Marchons!

Christoph Leusch

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