Verstehen und Kochen fängt immer wieder bei Null an

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Warum man beim Verstehen und Kochen immer wieder bei Null anfangen muss

Vorweg. Zu diesem Beitrag angeregt, wurde ich durch eine Rezension, die Magnus Klaue über ein Suhrkamp Buch zur „Gastrosophie“ schrieb. - Dazu eine Bemerkung: Rezensionen wirken oftmals ohne soliden Boden, wenn sie auf längere Zitate verzichten, ohne längere Inhaltsangaben auskommen müssen und sich sogar eine Charakterisierung der Hauptanliegen der besprochenen Autoren weitestgehend sparen. Woran es liegt, dass sich heute kaum noch eine Zeitungsredaktion traut, einmal vom New Yorker, vom Times Literary Supplement oder von einigen wenigen italienischen und französischen Publikationen abgesehen, die eine stärkere Anreicherung des Diskurses noch unbedingt wollen, auch wenn es ökonomisch eher ineffizient ist, also eine Rezension mit Zitaten und Zusammenfassungen zu drucken, mit denen der jeweilige Autor zumindest nachweisen kann, dass er mehr als den Klappentext und die Verlagswerbung las, weiß ich auch nicht so genau zu sagen (www.freitag.de/kultur/0952-gastrosophie-magnus-klaue-essen-rezepte-erlebnis-gastronomie-mahlzeit ) .

Mache ich es mir sehr einfach, dann ist daran das Lese- und vor allem das Seherpublikum schuld, das entweder immer schon Alles weiß, es sogar viel besser weiß, oder aber, es gar nicht mehr besser, sondern nur noch ungefähr, wissen will. D.h., das Publikum neigt dazu, eine dezidierte Meinung zu bejahen oder zu bestreiten, die Empirie dahinter allerdings, erscheint in einer Welt voller Fakten und Daten, eher belanglos und zweitrangig.

So, das war das Ende der Vorbemerkung, und schon bin ich bei meinem Thema, denn es ist eng mit Magnus Klaues Rezensionsthema und mit den dazu bereits eingestellten Kommentaren verknüpft. Daher geht auch mein Dank an die bisher dort schreibenden und sicherlich auch real kochenden Herren und an den Rezensenten. Damen werden sich sicher auch noch zu Wort melden.

Warum die Menschheit zwar mehr Kochbücher und mehr Kochsendungen produziert, als je zuvor in der Geschichte, aber trotzdem Schuldgefühle und eingestandenes Unwissen aus jedem neuen Beitrag zum Thema hervorlugen

Frühere Leben, ich meine die unserer Vorfahren, waren durch Einförmigkeiten und Gleichheiten in den Lebensstilen und sozialen Mustern in der je eigenen Lebenswelt bestimmt. Nur selten überschritt ein Mensch freiwillig die Grenzen seiner Erziehung, seiner Kultur, seiner sozialen Herkunft. Das ist schon einige Zeit nicht mehr so, vor allem, weil es diese sehr starren und irgendwie sozial verbindlichen Lebenswelten nur noch an den äußeren Rändern unserer westlichen Gesellschaften gibt. Dort, wo die Armut herrscht und dort, wo der Reichtum sich ein eigenes Gehege schaffte oder gerade dabei ist, dies zu tun.

Wir dazwischen, hegen den starken Wunsch, nicht mehr nur zu essen, was auf den Tisch kommt, sondern lesen und schreiben uns satt, übersättigen uns mit der Vorstellung von möglichst vielen Ess- und Lebenswelten, die nur medial wirklich existieren. In der Wirklichkeit gehen wir fünfmal die Woche in eine Kantine und es ist uns egal, sowohl quantitativ, als auch qualitativ. In der Wirklichkeit haben wir an das tägliche Essen in etwa so hohe Ansprüche, wie an unsere demokratischen Institutionen und an unsere Presse. Es sind keine hohen Ansprüche mehr. Dafür nehmen wir mit einem gehörigen Schuss Unterhaltung vorlieb.

Es gibt auch noch einige hochspezialisierte Gehege, z.B. die der politischen Think tanks, Internistenkongresse, der Umkreis des Kernforschungszentrums Jülich, das Large Hadron Collider Project, die CIA oder das FBI.... Solche sozialen Institutionen ließen sich bisher einigermaßen sicher in ihren Strukturen durch teilnehmende Beobachtung, „dichte Beschreibung“ oder Mitagieren und Reagieren, erforschen und beschreiben. - Die Wissenschaftler versuchen es nun sogar mit den sozialen Netzwerken ( www.freitag.de/alltag/0952-guardian-interview-netz-anthropologie ) . - Das tun Anthropologen und Sozialforscher anderer Provenienz schon so lange es ihre Wissenschaften gibt, das tun wir beständig in unseren, als eng empfundenen, aber kaum als durch uns gestaltbar betrachteten, realen Alltags-Lebensräumen. - Das ist doch seltsam, wir akzeptieren Alles wie es ist!

Heute wären selbst die besten und feinsinnigsten Feldforscher, wären selbst Künstler und Intellektuellen ohne Bindung an eine strenge, damit zwar wissenschaftlich aussagefähige, aber eben unendlich voraussetzungsreiche Methode, wohl viel zu vorsichtig und zu distanziert, um solchen Vorhaben noch zu trauen. - Die medialen Konsumentenwelten setzen längst mehr auf ein starkes Unterhaltungsmoment, bei dem nicht die Nähe zur Abbildung der Realität eine Qualität darstellt, sondern die Meinung zu einem Akt in dieser Realität, die absolute Hauptrolle spielt. Das könnte man als den „Jeans-Faktor“ der Cyberkultur des voll entwickelten Individualismus bezeichnen, so wie es die 2003 verstorbene Theologin Dorothee Sölle einst, in einer berühmt gewordenen Text -Anthologie aus dem Hause Suhrkamp, bereits als leisen Zweifel am Individualismus der Befreiung aus den Zwängen der langen 50er und 60er Jahre des letzten Jahrhunderts formulierte („Du sollst keine andere Jeans neben mir haben“, in: Habermas, Jürgen (Hg.), Stichworte zur >>Geistigen Situation der Zeit<<, Bd. 2, es- Suhrkamp, Bd.1000,F.a.M. 1979, S.541-553). Das ist ein allgemeines, so genannt stellvertretendes, uneigentliches Meinen, letztlich eine reine Unterhaltungs- und Anregungsfunktion, wie ein Kinobesuch, eine Talk-Show, ein Krimi vor dem Schlafengehen für die „Mimi“.

Neben vielen anderen, sozial auffälligen und bemerkenswerten Motiven und beobachtbarem Verhalten, hat sich aber eine Tatsache besonders stark in den Vordergrund geschoben. Wir bleiben, außer für den ganz allgemeinen täglichen individuellen Lebensvollzug, meist Laien und Unwissende im Umgang mit Informationen oder Sachverhalten, tun jedoch beständig so, und müssen beständig so auftreten, als seien wir zumindest „Kenner“, in manchen Fällen, sogar „Experten“. Das wird gesellschaftlich erwartet. Besonders viele mediale und alltägliche Experten gibt es für das Autofahren, den Fußball, die Politik, soweit sie medial „auf dem Schirm“ ist und selbstverständlich für das Kochen und die Musik.

Ein Lebensbereich widersetzt sich hartnäckig jeglicher Art des Expertentums. Das ist die liebende Beziehung, in dem sogar unsere ganzen Kultur- und Kunstprodukte die sich mit diesem Thema beschäftigen, eher große Unsicherheit ausstrahlen und meist ein Scheitern beschreiben. Nur bei Rosamunde Pilcher wartet am Ende fast immer ein Nirwana-ähnliches, Happy end. - Kein Wort an dieser Stelle dazu.

Ein „leuchtendes Vorbild“, besser sollte ich sagen, ein Abgrund der Dunkelheit, sind die medialen Auftritte medial Prominenter, die, sagen wir zum Spaße einmal, einen wichtigen Unterwasserkrimi schrieben und nun zum Thema Ozeane und Schwarmintelligenz als auskunftsfreudige und eloquente Gesprächspartner dienen, die über Pilgerwege ziehen und schon als Experten für die stille Einkehr und Besinnung funktionieren, oder qua neuntwichtigster Kolumne des Landes, plötzlich als Experten von Auslegung bis Auslegware auftreten, ja, dazu regelrecht eingeladen werden. Schauspieler, die, nachdem sie Mutter oder Vater spielten, oder den verlorenen Sohn, oder die gefallene Tochter gaben, nun zu Experten für dissoziale Jugendliche, alkoholisierte Kinder, geschlagene und geprügelte Familienmitglieder und, je nach Filmrolle, zu Tierschützern und medialen Hilfssozialarbeitern mutieren.

Das Kochen ist also so ein Bereich, wie das Kinder kriegen, die Scheidung, der Tod, die Gewalt gegen Menschen und Sachen, Krankheiten aller Art und die ewige Frage nach der rechten Ökonomie und nach der Totalität dieser Ökonomie.

Einerseits herrscht großes Misstrauen, denn kaum Einer oder Eine kann noch kochen. Allenfalls gesteht man Kenntnisse dazu noch jenen zu, die Thilo Sarrazin jüngst als „Unproduktive“ verunglimpfte, oder, es wird nur noch jenen Kreisen zugetraut und zugeschaut, die über einen hohen Grad an freiem Zeitmanagement und dazu noch über ausreichende Kapitalien verfügen, längere Zeit höchst ineffizient sein und bleiben zu können, also Muße zu haben. Andererseits ist Kochen, wirkliches, lustvoll-kreatives Kochen, eine im höchsten Grade ineffiziente Tätigkeit und geradezu zerstörerisch für jede globale arbeitsteilige Produktion. - Das ist jetzt nur ganz am Rande eine Gesellschaftskritik, sondern in diesem speziellen Falle viel eher ein Beispiel, welches erklärt, warum zwar unser Wissens- und Informationsangebot stetig, exponentiell und inflationär wächst, aber die eigentlichen individuellen Fähigkeiten bei ganz grundlegenden Dingen wie Kinder erziehen oder Lieben, oder Kochen oder Gärtnern, deutlich zurück gehen. Meist ist es übrigens nicht eine grundlegende Unfähigkeit oder Unkenntnis, sondern eine Art Verschüttung und Überdeckung zutiefst menschlicher Potentiale, die in der Flut an einströmenden Hinweisen und Meinungen dazu, was unbedingt wichtig ist, in der wachsenden, aber beständig überspielten individuellen Selbstunsicherheit, untergegangen sind.

Warum eine virtuelle Community bewusst falsch spielen muss, um sich nicht in Belanglosigkeiten zu verlieren

Zeitungen, vor allem jene, die mehr sein wollen als Anzeigenblätter, Erweiterungen der Tagesschau und der Heute-Nachrichten, mehr als nur die vollendete Ausformulierung von dpa-Meldungen und den anderen fünf wichtigsten Nachrichtenlieferanten, Zeitungen wie „Der Freitag“ haben es daher per se schwer und die Aufgabe wird noch schwerer, weil bei gebildeten und professionellen Lesern und Schreibern das Wissen um die eigenen Laienhaftigkeit und Oberflächlichkeit fast immer zu einer ganz ausgeprägten Selbstunsicherheit führen muss.

Wer nichts weiß, aber glaubt, ganz besonders zu wissen, was wichtig und richtig ist, der schreibt mit dem größten Mut und häufig allerdings auch mit Übermut. Der bildet Theorien für das Leben an sich und für sich, selbst wenn die Zahl der überhaupt menschlich zu fassenden Möglichkeiten und Ausgänge begrenzt ist. Selbst ganz große Philosophien, Religionen und wissenschaftliche Erkenntnisse, werden in dieser Art und Weise, meist gegen den erklärten Willen ihrer Schöpfer, missverstanden.

Online Debatten kreisen häufig um das „Wie“ des Dialogs und um die akzeptable Etikette. Viel häufiger, als das am Tresen, beim Gastmahl, in der Familie, am Arbeitsplatz, in der Freizeit oder gar an der Universität, in einem Verein oder bei einer Vereinigung, allgemein, von Angesicht zu Angesicht, notwendig wäre.

Die „Community“ behauptet etwas, nämlich Gemeinschaft, das sich virtuell, so zumindest meine erfahrungsangereicherte These, nicht wirklich herstellen lässt. - Der Test, „The proof of the pudding is in the eating“, lässt sich nur in der Realität und in konkreten Handlungen und Situationen durchführen und genügend oft wiederholen, um daraus die Sicherheit zu gewinnen, zu verstehen was der Andere wirklich meint und will. - Leider gelingt dieses Eingeständnis der eigenen Ohnmacht gerade gegenüber virtuellen Partnern am allerschlechtesten. Leider gelingt es, angesichts einer notorisch selbstunsicheren Lebenswelt, immer häufiger nur unvollkommen, die groben Missverständnisse zumindest zu bedauern.

Ein Ausweg wäre, diese Tatsache des häufigen Scheiterns von Kommunikation zumindest für die „Der Freitag“-Community rundweg anzunehmen. - Das Glück eines Verständnisses, die Chance, sogar das ganz Andere und Fremde zumindest wahr zu nehmen, ist dann ein unverhofftes Geschenk aus dem Dialog. - Eine solche Haltung beseitigte auch die notorische Überforderung in einer nicht- realen Gemeinde oder Gemeinschaft, die noch nicht einmal allzu klare, gemeinschaftliche Aufgaben und Ziele kennt. Eine solche Haltung führte zurück an den Punkt, an dem man sich nur deshalb anstrengt, um eine Sache, eine Meinung, eine Ansicht so in Worte zu fassen, dass sie nach eigenem menschlichen Ermessen nicht missverstanden werden kann. Diese Anstrengung lohnte aus sich heraus.

Eine Gemeinschaft zum Schein, in der Virtualität des Web, hier beim „Der Freitag“, müsste also erheblich mehr Mühe aufwenden, müsste die Ansprüche an die Form und die Verständlichkeit höher hängen, als jede reale Gemeinde oder Gemeinschaft. Netzwelten verlangten nach mehr Klarheit im Ausdruck, auch mehr Mut zur Wiederholung und zum häufigen erneuten Anfangen beim Wissens- und Meinungsstand Null, weil eben nichts voraus gesetzt werden kann,vor allem nicht, eine lange personale, kontinuierliche und reale Kontaktaufnahme zu irgend einem individuellen Gegenüber.

Das ist, wenn man den Anspruch stellt, nicht nur dahin quasseln möchte (auch das hat seine Berechtigung!), ganz schön anstrengend und nervend. - In der Blogger- und Netzrealität wirken aber viele unbewusst und manche ganz absichtlich , in genau die entgegengesetzte Richtung. Vielleicht aus Scheu vor der Anstrengung? - Dazu im Folgenden mehr.

Steht unser Text, ein gesampelter oder verlinkter Ton oder gar ein Bild Online, zuletzt sogar im Print-Medium, sind wir schon längst weiter. Wir haben den Kampf mit unserem Text, unserer Ausdrucksform, hinter uns oder handelten gar als hemmunglose Voluntaristen, gänzlich ohne solchen inneren Widerstreit, zumindest hier im Blog und in den anderen virtuellen Klubs der kommunizierenden Seelen.

Wir glauben, uns selbst und das was wir hingeschrieben haben, verstanden zu haben, tun jedenfalls so, und allzu oft leiten wir daraus ab, der Nutzer, Leser, Mitkommunade müsse zumindest unserer gute oder schlechte Absicht verstehen oder ahnen. - Wenn jetzt schon einige unruhig auf ihren Sesseln, vor ihren Bildschirmen oder Lesegeräten herum rutschen und Widersprüche anmelden wollen, -das wäre normal-, bitte ich noch um etwas Geduld, denn ich bin noch nicht ganz an ein Ende gelangt.

Einige Haltungen in einer Gemeinschaft, die eigentlich keine ist

Auch hier ein Vorweg. Keinesfalls soll das nun Folgende einen Kommentator, einen Autoren oder gar einen der professionellen Macher dieser Community beleidigen. Allenfalls dazu anregen, über die eigene Rolle nachzudenken, die sich in virtuellen Gemeinschaften nicht etwa selbstverständlicher ergibt als in der wirklich gelebten Realität, sondern in einem noch viel stärkeren Maße konstruiert und erkünstelt ist.

I Ich meine, also heute, und Morgen schon ganz anders

Was individuell spielerisch wirkt, gar als oberflächlich kreativ und gescheit daher kommt, kennzeichnet andererseits eine Haltung, die dem je anderen, virtuellen Gegenüber kaum eine Chance lässt. Entweder, weil diejenigen mit einer solchen Haltung davon ausgehen, die vielen Gegenüber oder der Nachbarn im Web agierten grundsätzlich mit der gleichen Grundüberzeugung, mit dieser Art von „Netzphilosophie“, oder, weil sie egal welche Themen auch anstehen, von der grundsätzlichen Unernsthaftigkeit der virtuellen Welt tief überzeugt sind, auch wenn sie es nur selten sagen.

II Ich möchte an die Grenze gehen, beleidigen, einseitig sein, beständig urteilen, weil ich provozieren möchte, selbst wenn ich es mir nicht eingestehen kann, oder mir die eventuell einsetzende, emotionale Reaktion überhaupt völlig egal ist

Die virtuelle Community verleitet zu Dialog-Systemen permanenter kleiner Beleidigungen oder umgekehrt zu einer immer wiederholten Anbiederung an die Reaktanden solcher Kommunikation.

Es ist so, weil der Einsatz einerseits gering und andererseits wiederum total ist. Real so weit weg gerückt, kann man von sich selbst und vom je anderen, schreiben und sagen was einem gefällt. Noch leichter geht es, weil natürlich die Anonymität groß ist. - Achtung, das ist jetzt kein Plädoyer für die Aufgabe von Anonymität, sondern nur eine Aufforderung, beim eigenen Tun in diesen Anonymitäten, sich dieser angemaßten Überlegenheit aus der gegebenen Form, aus der Art der Kommunikation bewusst zu sein. - Es ist also gar kein Verdienst besonderer denkerischer Schärfe, besonders gut begründeter Argumente, besonders emotionaler und engagierter eigener Sprache, sondern ein Vorteil, der sich aus dem medialen Format, aus seinen schieren Möglichkeiten, ergibt.

Leider fällt es uns schwer, einen Blick auf die Nachteile zu werfen, denn das verletzte nicht nur unseren Egoismus, sondern auch den Schutz aus Selbstsicherheit, den es im Web gratis und en passant gibt.

III Ich habe nur ein Thema, alle anderen Themen, die Themen der Anderen, interessieren mich nicht

Das Thema, ein Anliegen, eine Faible, eine Schwärmerei, eventuell eine starke persönliche Fixierung aus einer Lebenserfahrung, werden so absolut, dass jeder Beitrag zu einer Ausformulierung dieses eigenen Haltepunktes wird. Neben dieser Eigenwelt haben andere Eigenwelten nur Bestand und Bedeutung, sofern sie als davon strikt abgetrennt formuliert werden. Jede leise Kritik an der ewigen Endlosschleife gerät dann zu einem persönlichen Schlagabtausch, der ohne die soziale Kontrolle in einer realen Umgebung, die immer wieder die Bedeutung der eigenen Fixierungen ohne viele Worte relativierte, ausartet oder auszuarten droht. So sind viele Blogger, aber auch viele professionelle Schreiber schnell enttäuscht, wenn die Rückmeldung im Web den eigenen Kernpunkt aufs Korn nimmt. Gedankenfixierte tun diesen Tort meist anderen Gedankenfixierten an. Fast jedes Argument wird dann zum persönlichen Treffer und verletzt.

IV Das Netz ersetzt Gedächtnis, Quellen, Zitate und alte Geschichten

„Sie haben ja überhaupt nicht gelesen, was ich seit undenklichen Zeiten hier, in meinem Blog, auf anderen Webseiten, in diesem oder jenem Buch, in dieser Ausgabe einer Zeitung, also hier und dort, zu diesem Thema schon geschrieben und gesagt, schon längst aufgezeigt habe.“ - Selbst die größten Denker und Künder und vor allem solche die sich beständig dafür halten, neigen zu dieser Art Argumentation. - Es bleibt aber ein Scheinargument, selbst wenn man in der Lage ist ständig noch einen Link, noch einen Text, noch eine Information nach zu legen. Mit diesem Scheinargument umgehen wir immer häufiger die hohe Hürde, einen Text an Ort und Stelle plausibel zu machen.

Das passiert übrigens Profis in den neuen Informationswelten nicht weniger selten, als den ganzen liebhaberischen Dilettanten, Freiwilligen und lustvoll motivierten Schreibern und Zeigern im Netz der Netze.

Die digitale Form verleitet dazu, weil sie, aufgrund der Schnelligkeit und fast zeitlosen Verfügbarkeit, die einzelnen Äußerungen radikal entwertet. Wenn es auf den Artikel, den Beitrag, den Kommentar, das Blog nicht ankommt, beginnt die Beliebigkeit an uns zu nagen. Ganz am Ende zählen bei manchen Zeitgenossen nur noch Quantitäten. So gelangen universitäre Bürokratien und Stiftungen für Bildungseffizienz zu ihrem Index für das „Publish or parish“, so schreiben sich „Reformer“ die Finger wund, der durchaus noch bildungshungrigen Jugend jeglichen Bildungs- und Ausbildungsgang in „Rankings“ vor zu stellen, so beginnen Zeitungen und Rundfunkmedien ihre Maßstäbe entlang von „Charts“ und Bestsellerlisten zu gestalten, so gewinnt die Prominenz über jede Form der Unsicherheit, die doch das eigentliche Wissen und einen großen Teil der Weißheitslehren der Menschheit ausmachen.

Tatsächlich müssten sich aber gerade Äußerungen im Netz einer mehrfachen und viel skrupulöseren Gewissensprüfung stellen, wenn das was geäußert wird, so wie immer wieder propagiert, tatsächlich bedeutsam werden sollte.

Es bleibt nur ein Ausweg, in der „Gastrosophie“ und ebenso für jegliche anderer Weisheitslehre. - Das Kochen mag mittlerweile unendlich kompliziert, detailliert und unendlich unübersichtlich beschrieben werden, ohne eine ernsthafte Haltung zu den Gegenständen der Beschreibung, ohne den inneren Wunsch, mehr als nur ein großes, chaotisches „Blabla“ zu erzeugen, entsteht aber auch aus der Masse der Bei- und Einträge zum Thema keine Qualität, wird nirgendwo ein Licht aufgesteckt.

Grüße

Christoph Leusch

13:43 04.01.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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