Oder der Wilde Sommer der Anarchie

Laurence (7) Folge 7 der Sommer-Novelle, die in heutigen grausamen Zeiten beinahe eine Provokation ist. Aber in aller Misere muss auch positives Denken her.
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Foto: Schloss (des franz. Adelsgeschlechts La Rochefoucauld) und Wassermühle in Verteuil-sur-Charente, Autor, Hermann Gebauer (7.6.2015)

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„Mein lieber Rudolf, François hat vor einer Stunde von seiner Tante aus angerufen und mir berichtet, er käme erst zwei Tage später nach Aigre. Da er seine Verwandten so selten sieht, ist das verständlich. Aber ich heiße Dich auch allein mit einem Roten Bordeaux herzlich willkommen. Wenn Du Lust hast, können wir beide Morgen eine Radtour zum 25 Kilometer entfernten Verteuil-sur-Charente machen.“ Mit diesen Worten empfing ihn Laurence im Garten ‚ihrer‘ Pension und nahm ihn herzlich in den Arm.

Als François und seine Tante Rudolf am Morgen auf dem Weg nach Aigre verabschiedeten, um Laurence nicht noch zwei Tage allein zu lassen, fühlte er sich erleichtert und aufgeregt zugleich. Warum erleichtert? Die Diskussionen am Vortag über die Kriegsjahre hatten ihm sehr zugesetzt. Vor allem das Bewusstsein der Entfremdung von seinem an sich nie zweifelnden Vater, dem bekannten Architekturprofessor und ehemaligen überzeugten Nazi, riss immer wieder seelische Wunden auf, die er schon als Kind empfunden hatte. Er litt früh an der Distanziertheit der beiden Eltern, deren Grund ihm dann in seiner Jugendzeit allmählich begreiflich wurde. Im Gegensatz zum Vater verband ihn mit seiner liebevollen Mutter, einer stillen, unermüdlichen Gynäkologin, eine starke Zuneigung. Rudolf hoffte, der Abschied aus Mouthiers würde ihm erlauben, seine gewohnte Selbstsicherheit wiederzugewinnen. Und warum war er innerlich aufgeregt? Das rührte von der Aussicht her, zwei Tage allein mit Laurence verbringen zu können.

„Guter Vorschlag. Verteuil soll ein romantisches Fleckchen an der Charente sein, mit einem der Schlösser der Rochefoucauld-Familie und einer alten Wassermühle. Sicher finden wir dort auch ein Restaurant am Fluss mit lokalen Speisen. Ich würde gern einmal den ‚Chabichou‘-Ziegenkäse probieren.“

„Gut, dann lass uns am besten gleich nach dem Frühstück aufbrechen, wenn es noch nicht so heiß ist. Aber jetzt müssen wir erst einmal anstoßen und Du musst mir von Eurer Tour nach Mouthiers erzählen.“

Rudolf nahm einen großen Schluck, dann noch einen und einen dritten. Er machte ein lange Pause, bevor er zu sprechen begann. „Laurence, ich weiß nicht, ob der Wein meine Zunge heute Abend noch lockern wird. Wie Du vielleicht erraten kannst, stecke ich noch tief in den Geschichten von François‘ und meiner Familie. Und vor allem, was bedeutet das alles für mein Leben? Ich glaube, wir werden Morgen einander viel zu erzählen haben. Das Leben kann so grausam und auch so wunderbar zugleich sein. Ich bewundere, wie François‘ Eltern nach diesen grässlichen Kriegserlebnissen in der Nachkriegszeit ein so liebevolles und solidarisches Leben in einer Bergmannsgemeinde bis heute führen, das für die beiden Söhne in Kinderzeit und Jugendalter modellhaft und aufbauend war. Trotz aller materieller Entbehrungen zählte einfach nur das Füreinander-Dasein. Das erklärt auch, warum François mit ungebremstem Optimismus ausgestattet ist. Meine Familiengeschichte dagegen ist eine völlig andere, zerrissen, heuchlerisch und doch real, wie das Leben oft so ist. Wir haben uns dem Anarchismus verschrieben, aber wir müssen ihn mit Inhalt füllen.“

„Wir werden ihn mit Humanismus und Liebe füllen, glaub mir. Die ‚condición humana‘ hält uns verschiedene Handlungsmöglichkeiten offen. Wir werden schon die passende für uns finden.“

Rudolf tat die Anwesenheit von Laurence unendlich wohl. Warum nur? Was gab es in ihrer Ausstrahlung, das ihn beruhigte? Bevor beide zu Bett gingen, suchten sich ihre Körper in sanfter Berührung, einfach um sich gegenseitig zu vergewissern, dass sie nicht allein waren.

Der nächste Morgen verhieß wiederum einen makellosen Spätsommertag. Die wenigen Schäfchenwolken am blauen Himmel konnten niemanden verunsichern, im Gegenteil. Sie ermunterten die Bewohner der Charente zur Weinernte oder sonstigen gewohnten Tätigkeiten in ruhigem, steten und fröhlichen Rhythmus. Für die Besucher der Charente verhieß der Tag Erfüllung offener oder geheimer Wünsche. Laurence und Rudolf konnten sich keinen schöneren Tag für ihren Ausflug wünschen.

Nach etwas mehr als einer Stunde Radfahrt kamen Laurence und Rudolf in dem kleinen, malerischen Verteuil an. Von der Brücke über den Charente-Fluss grüßte das majestätische Schloss der La Rochefoucauld-Familie und die mittelalterliche Wassermühle nebst Restaurant und Ufercafé. Die beiden Ausflügler suchten sich ein abgeschiedenes Plätzchen auf der Flussböschung und bestellten sich zwei Cappuccinos. Da es erst gegen 10 Uhr morgens war, hatten sie bis zum Mittagsessen genügend Zeit, sich ausgiebig über Herzensdinge auszutauschen, die in den Deutsch-Stunden bisher zu kurz gekommen waren. Laurence und Rudolf wollten begierig Licht in die Persönlichkeitsstruktur des Anderen bekommen. Die gegenseitige körperliche Anziehung wurde durch die Neugierde nach der unbekannten Psyche noch verstärkt. Welche aufkommende Liebe sucht nicht die gegenseitige Teilnahme am Leben des geliebten Menschen? Das hat nichts mit ‚Besitzen-wollen‘ zu tun, eher mit dem Wunsch nach ‚Eins-sein‘, wenn auch ein solches immer nur ein Wunsch sein kann, nie eine Realität.

„Laurence, erzähl mir doch etwas von Deiner Mutter,“ begann Rudolf das Gespräch.

„Das ist für mich, wie ich bereits erwähnte, äußerst schmerzhaft. Selbst mit meiner Schwester und mit meiner Großmutter habe ich immer nur indirekt über die Rolle meiner Mutter in unserer Familie gesprochen. Meine Mutter wagte ich erst recht nicht zu befragen. Ich wusste instinktiv, sie würde nur noch trauriger über ihr Leben sein und sich noch mehr vor ihrer Umgebung zurückziehen. Die Familienrolle meiner Mutter war für alle Frauen in der Familie ein unausgesprochenes Tabu.“

Laurence‘ sonst so stolzer und selbstbewusster Gesichtsausdruck verwandelte sich in den eines hilflosen Kindes, wie Rudolf es von nun an immer wieder gewahr wurde, wenn das Gespräch auf das Verhältnis ihrer Eltern zu sprechen kam. Er ahnte, dass er sich nur mit Vorsicht diesem Thema nähern konnte. Das Vertrauen, das Laurence dabei in ihn setzte, durfte er nicht zerstören. Und aufgrund ähnlicher psychischer Konstellation zwischen seinen Eltern, fiel ihm ein verständnisvoller Zugang zu Laurence gar nicht so schwer.

„Wenn wir erfolgreich nicht nur zur politischen Freiheit aufbrechen wollen, sondern auch zur psychischen, dann müssen wir versuchen, aus dem Gestrüpp der religiösen, ideologischen und vor allem familiären Gehirnwaschung herauszufinden. Das gelingt leider wenigen Menschen. Selbst Männer, die wegen ihres ungebeugten Kampfes gegen Formen von Herrschaft ihren speziellen Weg zur politischen Freiheit fanden wie Proudhon, Marx, Bakunin, Kropotkin, auch Nietzsche, Camus und Sartre, um nur einige, mit denen wir uns beschäftigen, zu nennen, blieben psychisch auf halber Strecke stehen. Ihnen allen, so finde ich, stand ihre eigene Über-Männlichkeit im Wege, die überwunden werden muss, um dem Sinn des Menschseins nahe zu kommen. Das wird nur gelingen, wenn auch die Herrschaft von Mann gegenüber Frau beendet sein wird. Liebe und damit auch Freiheit kann nur so in reiner Form erreicht werden. Das gilt in der Beziehung zwischen Mann und Frau oder auch in der gleichgeschlechtlichen. Die Ängste, die dabei zu überwinden sind, haben gerade im familiären Zusammenhang ihre Wurzeln. Einem Herrscher gegenüber zu trotzen, selbst bei Androhung von Strafen, Folter oder Tod, ist sicher leichter, als dem eigenen inneren Herrscher entgegenzutreten, ohne den der Mensch nicht zu überleben glaubt, vor allem der Mann. Diese innere Festung ist die letzte Zuflucht von Herrschaft, ist der Machismus. Laurence, auch Anarchisten sind in den meisten Fällen Machos, sind deshalb ‚Halb-Anarchisten‘. Von mir selbst erhoffe ich, das nötige Grundvertrauen in der Liebe zum geliebten Menschen und zur Familie und zu Freunden zu entwickeln, um angstfrei meine letzte Herrschaftsbastion aufgeben zu können. Freie Liebe, freie Assoziation kann nur herrschaftsfrei gelebt werden. Ich weiß nicht, ob Du mir da zustimmst. Aber bevor wir das weiter besprechen, sollten wir in Deiner Familiengeschichte noch einmal zu Deiner Großmutter kommen. Was meinst Du dazu?“

„Ich gebe Dir recht, tausend Mal. Das sind auch meine Gedanken. Aber es gibt da noch etwas Spezifisches der Weiblichkeit, das von Geburt an, ganz gleich in welcher Gesellschaft die Frau geboren wird, existiert. Wenn wir wirkliche Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau, und damit totalen Herrschaftsabbau der Männer und Anarchie erreichen wollen, sollten wir die jeweils spezifische Konstitution von Mann und Frau kennen und respektieren. Diese Anerkennung von gesellschaftsunabhängigen Unterschieden hat nichts mit Unter- oder Überordnung zu tun. Es existieren Naturgesetze, die selbst die modernste Gesellschaft, die sich als Herrin der Natur begreift, nicht außer Kraft setzen kann. Das wollen viele Männer nicht begreifen und auch viele Feministinnen streiten dieses ab, wie bspw. Simone de Beauvoir. Ich werde versuchen, Dir das später zu erklären. Den Beginn haben wir bereits bei der Diskussion über das Matriarchat gemacht. Aber kommen wir jetzt zu meiner Großmutter.“

„Laurence, wie lernte Deine Großmutter, die Kabylin, Deinen französischen Großvater kennen?“

„Meine Vorfahren mütterlicherseits wohnten in einem kleinen Dorf inmitten der Kabylei. Französische Siedler hatten weite Teile des fruchtbaren Landes an sich gerissen, während die kabylischen Kleinbauernfamilien immer weiter verelendeten und besonders junge Männer in die Städte abwanderten. Camus hat das trefflich beschrieben in seinem Beitrag für eine sozialistische Zeitschrift. Das stimmt durchaus mit dem überein, was mir meine Großmutter berichtete. Du kannst Dir vorstellen, dass es immer wieder Widerstandsakte vonseiten der Kabylen gegen die französischen Siedler gab, die diesen die besten Ländereien wegnahmen. Der Kabylen-Widerstand provozierte wiederum brutale Racheakte der französischen Kolonialtruppen. In der Nähe des Dorfes meiner Großmutter gab es eine französische Militäreinheit, in der der Großvater als Leutnant diente. Meine Großmutter, die bis heute eine sehr schöne und unabhängige Frau geblieben ist, war damals die älteste Tochter des Dorfvorstehers. Da sie in der Tradition der starken kabylischen Frauen aufgewachsen war, anders als die Frauen arabischer Herkunft, begleitete sie den Urgroßvater oft bei den Schlichtungs-Verhandlungen mit dem französischen Militär, wenn es um Streitigkeiten mit den französischen Siedlern ging. Bei dieser Gelegenheit fand der Leutnant Gefallen an der Großmutter und richtete es ein, sich mit dieser heimlich zu treffen. Der Dorfvorsteher bekam Wind von der ganzen Sache, willigte jedoch in die Liebschaft der Tochter ein, da er sich dadurch einen Vorteil bei den Franzosen erhoffte. Die Großmutter wurde bald darauf schwanger und der junge Leutnant, der aus einer liberalen Intellektuellen-Familie aus Oran stammte, hielt um die Hand der Großmutter an. Bei den Kabylen war die Vermischung mit den Franzosen keine Seltenheit und war auch Ausdruck der relativen Unabhängigkeit der Berber-Frauen. Rudolf, da erkennst Du bis zum heutigen Tag die Fortdauer von ursprünglichen Traditionen matriarchalischer Gesellschaften, die vor tausenden von Jahren im nördlichen Afrika bestanden. Du musst auch wissen, dass die etwa 800.000 Algerien-Franzosen politisch stark fragmentiert waren: Da gab es die liberale Angestelltenschicht und freie Berufe in den Städten, der Camus angehörte, andererseits die Schicht der konservativen Landbesitzer und Händler, der mein Vater angehörte, sowie das Militär. Die Großmutter gebar in Oran ihr einziges Kind, meine Mutter. Diese hat ihren französischen Vater nie kennengelernt, da er bei einem Attentat in der Kabylei ums Leben kam.“

Laurence hielt plötzlich inne in ihrer Erzählung. Sie erhob sich und forderte Rudolf auf, mit ihr einen kleinen Spaziergang zur Brücke und ins Dorf zu machen. Dann wollte sie zurückkommen, um den Mittagsimbiss über dem Fluss einzunehmen, bevor sie mit der Erzählung fortzufahren gedachte.

Arm in Arm schlenderten die beiden Frischverliebten zur Brücke, auf der sie kaum Muße fanden, um den Blick auf das Schloss und die Mühle in nördlicher und die kleine Kirche in südlicher Richtung zu genießen. Zu sehr waren sie mit sich selbst beschäftigt.

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Foto: Innere der Wassermühle in Verteuil-sur-Charente (Moulin de Verteuil), die noch auf traditionelle Weise Korn mahlt, Autor: H. Gebauer (7.6.2015)

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Foto: Brot und Wein im Restaurant Moulin de Verteuil, Autor: Tourismusamt der Charente

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Es gab an diesem Wochentag wenige Gäste in dem Gartenrestaurant über der Charente. Laurence und Rudolf hatten sowieso nur noch Augen, Ohren und Münder für sich selbst. Als die Bedienung den Mittagsimbiss mit ‚Chabichou‘-Ziegenkäse, Kräutersoßen, frisch gebackenem Mühlenbrot sowie einem Rotwein aus der Region auf den Tisch stellte, war das Glück für die beiden perfekt. Sie änderten spontan ihren Plan der Fortsetzung der Familiengeschichten, was sie auf den Abend in Aigre verschoben, und wollten nach einem Espresso den Nachmittag ausnutzen, um vier Kilometer flussabwärts von Verteuil in einem kleinen Wäldchen am Flussufer eine Nachmittagspause einzulegen.

Bald fanden sie auch ein idyllisch gelegenes, verschwiegenes Plätzchen direkt an einer Flussbiegung. Laurence war nicht mehr zu bremsen. „Rudolf, sieh Dir mal dieses klare Wasser an. Es gibt sogar einen kleinen Sandstrand. Komm, wir nehmen ein Bad!“

„Aber wir haben doch gar keine Badesachen mitgenommen.“

„Was willst Du hier mit Badehose? Niemand wird uns Vorwürfe machen, wenn wir baden, wie uns ‚Gott‘ erschaffen hat.“ Laurence legte in Windeseile alle ihre Kleider ab und sprang sogleich ins erfrischende Wasser.

Da ließ sich auch Rudolf nicht zweimal bitten. Die beiden plantschten übermütig wie zwei Kinder, schwammen und tauchten um die Wette, bis sich ihre aus der Puste gekommenen Körper zum ersten Mal nackt umschlangen. Nach dieser Berührung gab es für Laurence und Rudolf kein Halten mehr. Sie schmissen sich auf ihre Kleider inmitten der Gräser, der Büsche und Uferbäume, als hätten sie seit ihrer unerwarteten Begegnung in der Templer Kirche in Ville-Jésus nur auf diesen einen Augenblick der Vereinigung gewartet. Die Welt um sie herum verschwand aus ihrem Bewusstsein. Es gab nur noch die Suche nach dem Anderen, nach dem geliebten Wesen.

Erst in Aigre beim Abendbrot wurden sie wieder in die Wirklichkeit zurückgeholt. François rief aus Mouthiers an und erkundigte sich nach den beiden Freunden. Natürlich fehlte ihm vor allem Laurence. Aber er wollte sich nicht beschweren. Nach so langer Zeit war er froh, einige Tage mit der Familie seiner Tante zu verleben.

Laurence und Rudolf wollten die kommende Nacht gemeinsam in der kleinen Dachkammer verbringen. Ihre erste gemeinsame Nacht, angehäuft mit Freuden, angehäuft aber auch mit tausend Fragen. Zuerst begannen sie sich zu vergewissern, dass sie alle Freiheit der Welt hätten, das Zusammensein bis zur Neige zu genießen. Doch immer wieder tauchte in ihren Gedanken François auf, den sie zutiefst verletzen könnten. Wie würde er die Beziehung zwischen ‚seiner‘ Laurence und Rudolf auffassen? Dann kamen weitere Fragen hinzu: Könnte Laurence auf Dauer beide Männer lieben, und wenn ja, warum? Wären beide Männer bereit, Laurence miteinander zu teilen? Würde die Freundschaft zwischen François und Rudolf das aushalten? Könnten alle Drei auf Dauer diese Beziehung in einer Gesellschaft führen, die immer noch die traditionelle Zweierbeziehung als Modell für Familie betrachtet? Würden die Drei sich in Zukunft Kinder wünschen und wie würden diese aufwachsen?

Laurence und Rudolf hatten sich zwei Rotweingläser auf das Nachttischchen gestellt. Dann machten sie das Fenster weit auf, so dass sie das Zirpen der Zikaden hören konnten. Die frische Nachtluft strömte ungehindert in die Dachkammer und streifte die nackten Körper der Liebenden.

Die Anhäufung von Fragen scheuchte Laurence mit einer Handbewegung beiseite. Rudolf stimmte ihr zu, diese Nacht nur sich selbst zu widmen. Seine Sinne waren bis zum Zerspringen gespannt. Er spürte plötzlich, wie er in seiner eigenen Festung gefangen war, von der er noch am Vormittag gesprochen hatte. Sollte er zulassen, dass Laurence diese Festung stürmen konnte, dass er seine Verteidigung verlor? Das hatte er bisher nie zugelassen. Sollte er nicht seinerseits den Kampf gegen sie aufnehmen und seine männliche Kraft beweisen?

Während er noch so mit sich selbst kämpfte, breitete sich langsam eine nie erlebte Sehnsucht in ihm aus: Warum sollte er sich nicht fallen lassen, jeden Widerstand aufgeben, sich von Laurence umhüllen lassen und in sie hineintauchen, ihr sein Schicksal anvertrauen?

„Laurence, nimm mich, nimm mich ganz, bitte!“ begann er zu schluchzen.

„Mein Liebster, hab‘ keine Angst! Ich tue Dir nicht weh, ich bin bei Dir und beschütze Dich.“

Die beiden wurden still, horchten in sich und den Anderen hinein. Sie waren in Neues Land eingetreten. Es war nicht der Augenblick, darüber nachzudenken und zu rätseln. Vielleicht Morgen.

Aneinandergeklammert führte sie der Gott des Schlafes in eine traumlose, friedliche Nacht.

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Foto: Pensionsgarten mit Aufgang zu Rudolfs Dachkammer, Saintonge, Charente, Foto: H. Gebauer (7.6.2015)

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Schluss der 7. Folge

LG aus Panamá, CE

08:30 02.09.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Costa Esmeralda

35 Jahre Entwicklungsberater, Lateinamerika, Afrika, Balkan. Veröff. u.a. "Abschied von Bissau" und "Die kranke deutsche Demokratie".
Costa Esmeralda

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