O digital expert, where art thou?

Marina Weisband Die ehemalige Geschäftsführerin der Piraten hat ein Buch geschrieben. "Wir nennen es Politik", der Versuch, Laientum zum Ideal zu erheben, scheitert
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O digital expert, where art thou?

Foto: Johannes Eisele / AFP / Getty

Marina Weisband hat vor einigen Wochen ein Youtube-Video auf Facebook gepostet. Sie kommentierte den Beitrag folgendermaßen: "Dieses Interview hätte absolut auch heute gedreht werden können. Krass."

Zu sehen ist ein Video mit dem Titel "Zu Protokoll" mit Günter Gaus, der im Dezember 1967 auf Rudi Dutschke trifft und ihn gut 40 Minuten interviewt. Gaus leitet das Gespräch mit den Worten ein: "Wir wollen dahinter kommen, was diese Revolutionäre wollen, in einer Zeit, in der man an Revolutionen nicht mehr glauben kann."

Und Marina Weisband hat Recht. Dieses Interview wirkt in der Tat erstaunlich aktuell. Dutschke sagte 1967: "Dem Volk wird nicht die Wahrheit gesagt. Es wird kein Dialog mit den Massen hergestellt, kein kritischer Dialog der erklären könnte, was in dieser Gesellschaft los ist."

Weisband möchte 2013 mit ihrem Buch Wir nennen es Politik – Ideen für eine zeitgemäße Demokratie an Rudi Dutschke anknüpfen und scheitert. Mehr als ein zögerlicher Ansatz, der versucht Demokratie und Gesellschaft im digitalen Zeitalter eine Perspektive zu bieten, findet sich in Weisbands Werk nicht.

Vermeintlich kommt sie ihren Kritikern zuvor, indem sie versucht den Laien zum Ideal zu erheben und schreibt: "Als Experte ist man bestimmte Regeln und Prozesse so gewohnt, dass man sich nicht mehr in einen Laien hineinversetzen kann. Und das Schlimmste: Man kann sich schwerer an neue Gegebenheiten anpassen. Experten sind wichtig. Aber Laien an bestimmten Stellen eben auch. Wir sind auf Laien angewiesen, weil sie Fehler in vorhandenen Systemen schneller erkennen und naiv Fragen stellen."

Mit diesem Statement in der Einleitung soll von vornherein klargestellt werden, dass hier nur eine 24-jährige Psychologiestudentin ein paar Zeilen niedergeschrieben hat. Und leider lesen sich die übrigen 164 Seiten auch genau so. Von der scharfen Analyse Rudi Dutschkes findet sicht kaum etwas wieder. Dutschke war im Interview knapp drei Jahre älter als Weisband heute.

Nach der Einleitung folgt auf genau 30 Seiten eine Minibiografie im Sachbuch. Weisband begründet diesen Teil unangenehm dauerkokettierend so: "Es ist immer ziemlich seltsam, über sich selbst zu schreiben. Man fühlt sich, als würde man scheinbar unwesentliche Details in den Vordergrund spielen, während doch das Wesentliche – die politische Aussage – im Mittelpunkt steht. Der Verlag war der Ansicht, dass meine Biographie eine wichtige Rolle spielt. Ich denke, das könnte sogar richtig sein. Es wäre langweilig und verfäschend, trockene Thesen außerhalb ihres Zusammenhangs mit meinem Leben zu formulieren."

Wir erfahren auf diesen Seiten etwas, das das Zeit-Magazin schon vor einer Woche in einer ihr gewidmeten Titelgeschichte berichtete. Weisband, geboren 1987 in Kiew, sei ein sogenanntes Tschernobyl-Kind: krank und ans Bett gefesselt. Letztlich konnte nur ein Wegzug aus der Ukrainie ihre Gesundheit stabilisieren. Darüber hinaus beschreibt sie ihren schwierigen Start in Deutschland. Und Lichtblicke wie: "Es war ein riesiges Glück, dass einige Mädchen in meiner Straße mich ständig nach draußen zum Spielen riefen und mir die Feinheiten der deutschen Sprache beibrachten."

Viele Politiker breiten ihre private Vergangenheit aus, um ihr Profil der Gegenwart zu schärfen. Jüngstes prominentes Beispiel ist Sigmar Gabriel, der in der Wochenzeitung "Die Zeit" über die Nazi-Ideologie seines Vaters berichten ließ.

Sicher verbietet es sich bei Gabriel oder Weisband, Schicksalsschläge und schwere Kindheiten als bloße PR-Maßnahmen zu bezeichnen. Dennoch sollte man abwägen und im Zweifel private Angelegenheiten nur sparsam in die Öffentlicheit tragen. Alles wird politisiert, der politischen Strategie unterworfen.

Letztlich verfestigt sich der Eindruck, dass die Minibiografie die dürftige Analyse Weisbands kompensieren muss.

Eine Kostprobe: "Während in meinem Leben das alles passierte, geschah in Deutschland etwas anderes. Eine junge Idee knospte so langsam in den Synapsen in der hinteren Ecke des kollektiven Bewusstseins auf. Sie sorgte zuerst für Verwirrung, dann für Diskurs. Am Anfang wusste niemand, was die Piratenpartei eigentlich genau will (...) Was anfangs einzelne Forderungen zu sein schien, entwickelte sich (...) zu einer konsequenten Fortsetzung einer Idee, die irgendwie beinhaltet, dass alle Menschen gleichwertig, aber individuell sind (...) Diese ideologische Grundbasis einer neuen Partei warf in der gesamten Gesellschaft die Frage nach dem politischen System auf. Kann es so bleiben, wie es ist? Gibt es Reformbedarf?"

Die professionelle Laienhaftigkeit entwickelt sich schließlich in diesem Absatz: "Und an dieser Stelle geht es mir nicht mehr um die Piratenpartei. Ich finde die gesellschaftliche Frage an sich gut. Diese Frage bleibt, auch wenn die Partei untergeht. Die Frage ist eine gute Frage. Ich möchte mich ihr in diesem Buch widmen."

Der analytische Teil ist mit verheißungsvollen Überschriften versehen. "Politische Systeme: Über Macht, Feste Regeln, Dynamische Prozesse, Transparenz". Letztlich bleibt es bei oberflächlichen Belanglosigkeiten wie einer Begegnung mit einem Bürger im NRW-Landtagswahlkampf von 2012, in dem der Bürger den etablierten Parteien Machtgeilheit vorwirft und letztlich auf Thilo Sarrazin rekurriert. Erkenntniswert: Null.

Selbst wenn Weisband von festen Regeln=Rechtsstaat oder dynamischen Prozessen schreibt, bleibt ihre Analyse vage. Keine Verkrustung von Hierarchien und Begrenzung von Machteliten. Wie wir den Chancen und Gefahren einer digitalen Gesellschaft im 21. Jahrhundert begegnen können, bleibt im Ungefähren.

Weisband begeht mit diesem Werk unter dem Paradigma des Laienhaften einen Kardinalfehler. Zu Beginn schreibt sie, die Antwort auf Dampfmaschine sei die Arbeiterbewegung gewesen. "Anfangs schöpften die Besitzer der Maschinen aus ihrer Machtstellung, doch dann kam die Bewegung der Arbeiter auf (...) Aus einer ihrer Vereinigungen ging in Deutschland die heutige SPD hervor. Sie hat seinerzeit die Rechte des Arbeiters definiert und sich dafür eingesetzt."

Wenn Weisband die These von den langen Wellen und den dazugehörigen gesellschaftlichen Bewegungen aufgreift, führt kein Weg daran vorbei, dass eine Piratenpartei nur dann eine reelle Chance hat, fester Bestandteil der Parteienlandschaft zu werden, wenn aus Laien Experten werden – oder zumindest in einem Bereich Experten sind, in dem die Mehrheit der Gesellschaft noch im Dunkeln tappt.

Die voranschreitende Transformation von der analogen in die digitale Gesellschaft verlangt geradezu danach, dass im digitalen Wald Leute jeden Ast, jeden Stein, jede Stolperstelle kennen und die noch weithin analoge Generation durch die für sie verschlungenen Pfade navigieren. Ansonsten haben die großen Internetgiganten Apple, Amazon, Google und Facebook allzu leichtes Spiel, uns im Labyrinth des digitalen Dschungels zu manipulieren und letztlich die Deutungshoheit für unser Handeln zu erlangen.

Rudi Dutschke übrigens wird von Günter Gaus zum Ende des Interviews gefragt, ob er die etablierten Parteien so weit provozieren wollte, dass er ins Gefängnis gesteckt werde. Marina Weisband ist derzeit Lichtjahre davon entfernt, für ihre Thesen ins Gefängnis zu kommen.

Der Rezension liegt die lektorierte Druckfassung von "Wir nennen es Politik" zugrunde

Marina Weisband Wir nennen es Politik - Ideen für eine zeitgemäße Demokratie Tropen Bei Klett-Cotta; Auflage: 1., Aufl. (14. März 2013) 173 Seiten, € 16,95

14:03 13.03.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Daniel Martienssen

Enttarnung durch Analyse: ein privates Blog zu Demokratie und Rechtsstaat, Soziales und ein bisschen Kultur.
Daniel Martienssen

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