2001 in Afghanistan

Thriller Eva Munz fesselt mit ihrem rasanten Debüt „Oder sind es Sterne“
2001 in Afghanistan
Blick durch ein Nachtsichtgerät eines US-Soldaten beim Training

Foto: David McNew/Getty Images

Ein leiser Titel für diesen rasanten Roman zu einem aktuellen Thema: Afghanistan. Auch das Titelbild gibt sich nicht sofort zu erkennen. Ist das eine Kampfdrohne? Wie Kriege heute geführt werden, hat Eva Munz als Regisseurin und Journalistin in verschiedenen Ländern Asiens recherchiert, und sie verfügt wohl über ein Insiderwissen, das sie nicht explizit herausstellt. Munz lebt heute in New York, sehr freundlich geht sie in ihrem Debüt mit dieser Stadt nicht um.

Kapitelweise springt die Handlung zwischen Kabul, Paris und den USA hin und her. Wie in einem Film sind drei Schicksale auf spannende Weise miteinander verknüpft, wobei die Autorin drei verschiedene Erzählperspektiven einnimmt. Sameer aus einem Waisenhaus in Kabul spricht in Ich-Form von sich selbst, sodass man sich beim Lesen besonders gut in seine Situation hineinversetzen kann. Dass seine Mutter von sowjetischen Soldaten entführt und vergewaltigt worden wäre, hatte man ihm erzählt. Erst später werden wir erfahren, was wirklich geschah.

Sein Onkel, der Geschäftsmann Hasir Zaman, in Paris lebend, spricht sich selbst mit „du“ an, wodurch die Autorin auf seine innere Fremdheit verweist. Sein Vermögen verdankt er seinem afghanischen Vater, dessen internationale Drogengeschäfte florierten, „während zu Hause ein Putsch den anderen jagte“. Nun will er Sameer in den USA mit seiner Mutter zusammenbringen. In Los Angeles sehen die beiden im Fernsehen die Türme des World Trade Center in sich zusammenstürzen. Währenddessen wird Leutnant Ryder, von dem Munz aus der Distanz in auktorialer Perspektive erzählt, in einer US-Spezialeinheit „mit New-Age-Techniken zur psychologischen Kriegsführung“ ausgebildet, wie man es sich bislang kaum vorstellen konnte. Bald werden wir ihm beim afghanischen Höhlenkomplex von Tora Bora an der Grenze zu Pakistan wiederbegegnen …

Wem können sie trauen?

Zumindest seit 9/11 ist das Thema Afghanistan in den Medien präsent, gerade jetzt, da der Einsatz von 1.100 Bundeswehrsoldaten dort verlängert werden soll. Da ist der Roman eine Herausforderung, auch über die Vorgeschichte nachzudenken, darüber, wie die sowjetische Invasion 1979 zugunsten der Moskau-treuen Demokratischen Republik Afghanistan einen zehn Jahre währenden Stellvertreterkrieg in Gang setzte, in dem die USA die islamistischen Mudschahedin unterstützten. Wer froh war, als Gorbatschow 1989 die Truppen zurückzog, ahnte nicht, dass damit der Weg frei war zur Gründung des „Islamischen Staates Afghanistan“ und später zum Schreckensregime der radikalislamischen Taliban, mit dem die NATO bis heute zu kämpfen hat.

Sameer, wieder aus den USA zurück, ist im Roman bei der Trauerfeier für den populären Mudschahedin-Anführer Ahmed Shah Massoud dabei, der am 9. September 2001 durch zwei Selbstmordattentäter der Al-Quaida ermordet wurde. Leutnant Ryder begibt sich mit seinen Kameraden auf eine waghalsige Mission zur Gefangennahme von Osama bin Laden. Hasir Zaman nutzt seine internationalen Kontakte im Drogengeschäft, um Sameer mit fremdem Pass für immer nach Paris zu holen. Er wird von zwei rätselhaften Männern kontaktiert, die er Mark und Spencer nennt, und kommt bald in tödliche Gefahr.

Eva Munz erklärt nicht, was ihren Gestalten verborgen ist. Wie in einem Thriller schafft sie eine Atmosphäre des Geheimnisvollen, arbeitet mit filmischen Mitteln. Das Buch inspiriert dazu, selbst reale Hintergründe zu recherchieren.

Wieso die Abwehr gegen den Westen so groß, alle Modernisierungsversuche von außen so hilflos und der Islam so stark ist in Afghanistan, führt uns der Junge Sameer vor Augen, für den die „Amerikaner“ seltsam fremde Wesen sind. Wobei die Autorin auch Hazim und Ryder ihre eigenen Wahrheiten zugesteht. Drei Menschen, ganz unterschiedlich geprägt, mit ihren Träumen und Ängsten, werden in Abenteuer hineingezogen, die sie nicht überblicken. Wem können sie trauen? Wie selbstbestimmt können sie sein in dieser heillosen Welt? Immer wieder erklingt im Roman ein Popsong: Survivor von Destiny’s Child, so irritierend schön wie die Sterne zwischen Traum und Trug.

Info

Oder sind es Sterne Eva Munz Kunstmann 2021, 300 S., 24 €

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