Antifa: Worum es den Kritikern von Nancy Faeser geht

Antifaschismus CDU, CSU und AfD nehmen die Bundesinnenministerin von der SPD ins Visier, weil Nancy Faeser einen Artikel in einem Magazin der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes veröffentlicht hat. Welches Kalkül hinter dieser Kampagne steckt
Nancy Faesers im Juli 2021 veröffentlichter Text trug die Überschrift „NSU 2.0 aufgeklärt?“
Nancy Faesers im Juli 2021 veröffentlichter Text trug die Überschrift „NSU 2.0 aufgeklärt?“

Foto: Ina Fassbender/AFP via Getty Images

Geschrieben hatte die SPD-Politikerin Nancy Faser den Artikel, bevor sie Bundesinnenministerin wurde: Erscheinen ist er in der Zeitschrift antifa - Magazin für antifaschistische Politik und Kultur, die von der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten (VVN-BdA) herausgegebenen wird, deren Ehrenvorsitzende die Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano war. Nun wird mit Verweis auf den besagten Artikel von konservativen und rechten Kräften wieder einmal versucht, den Begriff „Antifaschismus“ und die sich positiv dazu Bekennenden zu diffamieren.

Das tragischste an den Schmutzkampagnen von CDU/CSU und AfD gegen Menschen, die sich als „Antifaschisten“ bezeichnen oder mit diesem Wort etwas Positives verbinden, sind dabei nicht allein die Ignoranz gegenüber der Bedrohung der Gesellschaft von rechts und die politische Einschüchterungsstrategien gegen alle, die sich dagegenstellen. Dies allein wäre mit Blick auf einen zumindest teilweisen Anstieg von Antisemitismus in der Gesellschaft, wie ihn beispielsweise die von der Friedrich-Ebert-Stiftung in Auftrag gegebene Mitte-Studie belegt, schon perfide genug. Doch die Niederträchtigkeit verbirgt sich vor allem auch in dem Kampf um Sprache und damit gegen das Wort selbst, in einem Gramscianismus von rechts. Der italienische Philosoph und Politiker Antonio Gramsci schrieb einmal: „Die Eroberung der kulturellen Macht erfolgt vor der Übernahme der politischen Macht. Diese wird durch eine konzertierte Aktion intellektueller ,organischer‘ Aufrufe erreicht. Sie infiltrieren jegliche Kommunikation, jede Ausdrucksform und die akademischen Medien.“

Das Kapuzen- und Randalierer-Weltbild

Genau um diese Eroberung, Verteidigung und Zurückerlangung geht es den ewig gestrigen, es geht ihnen um die Bedeutung von „Antifaschismus“ selbst. Sie wünschen sich, dass das Wort in der schmutzigen Ecke der Zivilgesellschaft liegt und nicht den minimalen Anstand bezeichnet, den doch jede Demokratin und jeder Demokrat haben sollte. Sie nehmen dafür in Kauf, die Demokratie notfalls zu untergraben, um kulturelle Hegemonie zu erlangen. Sie wollen um jeden Preis verhindern, dass „Antifaschismus“ den demokratischen Grundkonsens aller Bürger beschreibt, der sich gegen Unterdrückung, Unfreiheit, Hass und Ausgrenzung richtet.
Sie merken: es ist etwas ins Wanken geraten und sie vermissen die Bequemlichkeit jener Zeit, als es reichte, von jemandem zu sagen, die oder der sei doch bei „der Antifa“ und damit automatisch das Bild von kapuzentragenden Randaliererinnen und Randalierern auf Demos geweckt wurde. Den Kritikerinnen und Kritikern des Antifaschismus gilt es, dieses Bild aufrechtzuerhalten, denn sie merken, wie ihr einfaches Weltbild von immer weniger Menschen geteilt wird. Sie brauchen es aber, um zu übertünchen, dass es ihre geistigen Vorfahren im Parlament waren, die Adolf Hitler schon feierten, als Kommunistinnen und Kommunisten, Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten, die sich gegen die Faschisten gestellt hatten, bereits im Konzentrationslager waren. Sie brauchen es, um weiter die Schubladen zu haben, auf denen Sie ihren Platz in der Gesellschaft rechtfertigen.

Bei Antifaschismus geht es aber nicht um Rollen und Klischees und es geht nicht um irgendwelche ominösen Zirkel, die im Geheimen die Revolution planen. Antifaschistinnen und Antifaschisten geht es um die Verteidigung der (demokratischen) Freiheit. Der Begriff meint das wenigste, auf das wir uns als Gesellschaft doch einigen können sollten: Nie wieder!

Hendrik Küpper, Jahrgang 1997, studierte Politische Bildung und Philosophie/Ethik an der FU Berlin. Er ist Redakteur der perspektivends – Zeitschrift für Gesellschaftsanalyse und Reformpolitik und aktives SPD-Mitglied.

Jöran Klatt, Jahrgang 1986, studierte Germanistik und Geschichte in Göttingen und promovierte an der Universität Hildesheim. Er ist aktives Mitglied der Partei DIE LINKE und Bundessprecher der gewerkschaftlich orientierten Strömung Sozialistische Linke.

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