Auch Magier unter den Geladenen

Bühne Die Auswahl der zehn Inszenierungen für das 54. Theatertreffen steht. Vielfalt heißt das Zauberwort
Thomas Irmer | Ausgabe 06/2017

Es ist eine nahezu klassische Versuchsanordnung im Drama: Einer will von einem anderen hören, was ein Dritter gerade denkt. Das ist immerhin ein Stück Hamlet. Als Wettbewerb im Gedankenlesen funktioniert es aber auch als TV-Unterhaltungsformat. Dreimal hat ein Gast die Chance, den vom anderen gedachten Begriff (Caravan) unter der Anleitung eines Spielmeisters zu erraten – und dreimal mit der falschen Antwort (Electricity, Hole, Money) zu scheitern. Vom Band eingespieltes Publikumslachen inklusive.

Das ist die Grundszene von Real Magic, die Tim Etchells’ Truppe Forced Entertainment mit wechselnden Rollen in 36 Variationen im Mai beim Berliner Theatertreffen zeigen wird. Die Jury, die ganze 377 Inszenierungen aus verschiedenen Regionen Deutschlands, dazu Österreichs und der Schweiz, durchforstet hat, einigte sich auf eine recht bunte Mischung, was die unterschiedlichsten Formen angeht. Aber auch, das wurde ja immer wieder angemahnt, was die geografische Verteilung angeht.

Mentale Wurzelbehandlung

Neben den Metropolen Hamburg, München, Berlin (Wien fehlt diesmal ganz) gibt es auch Theater aus Dortmund, Leipzig, Mainz und Bern. Dazu zwei vielfach international koproduzierte Arbeiten: Neben Forced Entertainment (PACT Zollverein Essen, HAU Berlin und, man staune, das Warhol-Museum Pittsburgh) ist Milo Rau mit seiner wunderbaren Inszenierung Five Easy Pieces über den Fall des Sexualstraftäters Marc Dutroux eingeladen.

„Diversifikation“ könnte das Motto lauten, was die Formen angeht. Theatertreffen-Stammgast Herbert Fritsch zeigt seine Abschiedsinszenierung an der Volksbühne – Pfusch ist mit der Artistik der Spieler zugleich ein unvergessliches minimalistisches Klavierkonzert in Achteln. Die Räuber von Ulrich Rasche (Residenztheater München) bieten dagegen eine opernhafte Großinszenierung mit Chören. Die Borderline Prozession von Kay Voges (Schauspiel Dortmund) greift mit einer Musik-, Kunst- und Theaterinstallation aus zehn Zimmern nach dem Supertitel Gesamtkunstwerk. Für solche Streiche der luftig musikalischen Art ist auch Thom Luz bekannt, der unter dem Titel Traurige Zauberer in Mainz Magier des 19. Jahrhunderts ihre Illusionstricks vorführen lässt. Ein trügerisches Paradies, Die Vernichtung, hat Ersan Mondtag in Bern zusammengesampelt. Theater, das wesentlich auf Literatur basiert, bietet Johan Simon mit seiner Version von Storms Schimmelreiter (Thalia Hamburg) und auch Simon Stone (Theater Basel) mit Drei Schwestern. Die allerdings schon als Überschreibung Tschechows – denn die Heute-Schwestern bekommen nicht mehr von Offizieren Besuch, sondern von einem Mechaniker aus der Nachbarschaft. 89/90 nach Peter Richters Erinnerungsbuch am Schauspiel Leipzig unter der Regie von Claudia Bauer beschäftigt sich mit der Wende im Kontext der Pegida-Bewegung – eine mentale Wurzelbehandlung, die im Rest der Auswahl nur schwer zu finden ist. Was in den raffinierten Formen geografisch so fein verteilt erscheint, lässt die harten Themen der Zeit als Inhalte schwer vermissen.

Zündstoff dürfte mit dieser Auswahl einer internen Debatte zugeführt werden, die gerade wieder heftig läuft (Freitag 5/2017): Schauspieltheater der klassischen Stücke oder Performancekunst? Dabei enthält selbst Real Magic noch einen Rest Hamlet.

Info

54. Theatertreffen Berlin, 5. bis 21. Mai

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