Beklau nie die Camorra

Neapel Roberto Andò schildert mit großer Poesie, wie sich ein Kind vor der Mafia versteckt
Beklau nie die Camorra
In Roberto Andòs Roman versteckt sich der 10jährige Ciro vor der Mafia

Foto: Stringer/AFP/Getty Images

„Für einen langen Moment blickten er und der Junge einander reglos an.“ Der zehnjährige Ciro hat sich in die Wohnung des Nachbarn und Klavierlehrers Gabriele Santoro eingeschlichen. Er versteckt sich vor der Camorra, da er einen groben Fehler begangen hat. Behält ihn Gabriele in seiner Wohnung, so ist es auch sein Todesurteil. Das ist die unheilvolle Anfangskonstellation des Romans Ciros Versteck von Roberto Andò, Jahrgang 1959. Der gebürtige Palermitaner ist in Italien als Film-, Theater- und Opernregisseur bekannt, etwa für den Film Das Manuskript des Prinzen (2000) mit Michel Bouquet und Jeanne Moreau über die letzten Jahre von Giuseppe Tomasi di Lampedusa, Autor des Weltklassikers Der Leopard. Andò arbeitete als Regieassistent für Regisseure wie Fellini oder Coppola, ein anderer Sizilianer hingegen animierte Andò früh zum Schreiben: Leonardo Sciascia, der in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden wäre. Andò bezeichnet ihn als seinen Mentor. Vor Ciros Versteck erschienen drei, teils prämierte Romane, die nicht auf Deutsch vorliegen.

Zurück zum aktuellen Werk: Ciro und sein gleichaltriger Kumpel Rosario haben versucht, die geldvolle Tasche der Mutter des Camorra-Chefs De Vivo zu stehlen – ohne zu wissen, wer sie ist. Dabei stürzt sie und fällt ins Koma. Gabriele konsultiert seinen Bruder, den Staatsanwalt Renato, der ihm vorwirft, als Sohn eines Bürgerlichen unbedingt im neapolitanischen Camorra-Quartier Forcella leben zu müssen. Ciro zu behalten, sei zudem Kidnapping. Als Gabriele im Kommissariat ist, um Schutz zu erbitten, merkt er rechtzeitig, dass die Camorra auch dort ihre Finger im Spiel hat und beschließt, Ciro anders zu retten. Mittlerweile sind De Vivos Männer überall im Haus und im Quartier postiert und suchen weiter nach dem Jungen, der sich in seinem „Exil“ gut eingelebt hat. Er legt seine präpotente Haltung ab, zeigt sich verletzlich, lernt Klavierspielen. Immer wenn es klingelt, versteckt er sich im Hängeboden. Als eines Abends Gabrieles Ex-Freund Biagio erscheint, nennt Ciro ihn später eine „Scheißschwuchtel“. Daraufhin setzt der ihn vor die Tür, bereut es umgehend. Doch Ciro ist längst verschwunden. Gabriele sucht ihn verzweifelt und findet ihn, als er zurückkommt, vor der Wohnungstür und bringt ihn schnell rein. Daraufhin erhält Ciro eine Ohrfeige, „als würde sie den Bund mit seinem Retter besiegeln“. Die Lage spitzt sich noch weiter zu, um Ciro zu retten, so Gabrieles Überlegung, muss der Clan-Chef sterben.

Der in Neapel lebende Andò hat einen grandiosen Roman geschrieben, indem er auf kurze und schnelle Weise eine moderne griechische Tragödie in realistische Prosa umsetzt. Die Lage ist mit dem Eintritt Ciros in Gabrieles Leben von Beginn an aussichtslos – und doch stemmt er sich gegen die Camorra, um den Jungen zu retten. Zwischen Gabriele und Ciro entsteht de facto eine enge Vater-Sohn-Beziehung. Man kann dies als Kritik an rechten, konservativen Kräften verstehen, die Lesben und Schwulen in Italien weiter das Adoptionsrecht verwehren. Zudem gelingt es Andò meisterlich, schwule Querverweise en passant einzuweben: Neben queeren Klavierkomponisten ist Gabriele ein großer Verehrer des schwulen Dichters Konstantinos Kavafis, dessen Verse er auswendig rezitiert. Andò widmet vor jedem der Kapitel einige Zeilen seinen umwerfenden Gedichte.

Bei allen künstlerischen Verweisen ist dieser Text dennoch weder überbordend noch plakativ oder belehrend. Außerdem gelingt es Andò, den Terror und die erschreckende Selbstverständlichkeit der Camorra im Forcella-Quartier ohne explizite Gewaltbeschreibung zu vermitteln. Kurz: Roberto Andò legt mit Ciros Versteck einen reflektierten, mehrschichtigen und poetischen Roman vor, der unter seiner Regie nun verfilmt wird und im Herbst dieses Jahres in Italien erscheinen soll.

Info

Ciros Versteck Roberto Andò Verena von Koskull (Übers.), Folio Verlag 2021, 231 S., 22 €

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