Bergkarabach: Aserbaidschan will die armenische Enklave unwiderruflich erobern

Meinung Armenien/Aserbaidschan: Erst war neun Monate lang der Latschin-Korridor blockiert, jetzt müssen die Bewohner von Bergkarabach mit Besetzung und Vertreibung rechnen
Ausgabe 38/2023
Armenischer Militärposten nahe des Latschin-Korridors
Armenischer Militärposten nahe des Latschin-Korridors

Foto: Gilles Bader/Imago/Le Pictorium

Für Bergkarabach kam eine solche Militäroffensive, ein Akt der bewussten Eskalation, wenig überraschend. Seit die Autoritäten der armenischen Enklave nach neun Monaten Blockade des Latschin-Korridors zu verstehen gaben, der Entzug lebenswichtiger Güter werde weder Geist noch Freiheitswillen der Arzach-Armenier brechen, ist der aserbaidschanische Staatschef Ilham Alijew zu maximalem Druck auf die Unbeugsamen entschlossen. Die Bevölkerung der abtrünnigen Region Bergkarabach soll das Streben nach Selbstbestimmung endgültig aufgeben, sich unterwerfen oder weichen.

Das Alijew-Regime testet die Toleranzgrenzen der internationalen Gemeinschaft. Über Monate hinweg wurden rechtsverbindliche Beschlüsse ignoriert. Baku profitiert davon, dass bisher wenig gegen eine existenzielle Gefahr für die Arzach-Armenier unternommen wurde. Alijew kann sich so in seinem Anspruch auf Bergkarabach bestärkt fühlen. Den dort lebenden Armeniern bleibt nur die Wahl, auf ihren Souveränitätsanspruch zu verzichten oder unterzugehen.

Bakus Energiegeschäfte mit der EU

Die armenische Armee jedenfalls ist zu geschwächt, um ihn zu verteidigen. Aserbaidschan hingegen kann seine Truppen ungehindert entlang der Kontaktlinien mit der Republik Armenien und Bergkarabach konzentrieren und mobilisieren. Seine Armee ist nicht zuletzt dank der Energiegeschäfte mit der EU hochgerüstet und modern.

Ein Dekret vom August, das alle volljährigen Staatsbürger Aserbaidschans zum Militärdienst verpflichtet hat, war ein Indiz für den Willen zur finalen Lösung. Die begonnene „Anti-Terror-Offensive“ läuft unter der Überschrift „Wiederherstellung der verfassungsmäßigen Ordnung“. Es wäre nicht das erste Mal, dass eine derart definierte Operation mit genozidaler Säuberung endet. In Stepanakert standen in dieser Woche nicht Stellungen armenischer „Terrorgruppen“ unter Beschuss, sondern 7.000 Zivilisten.

Umso mehr wäre es in diesem Augenblick wichtig, den Menschen in der Kriegszone zu signalisieren, dass sie nicht vergessen werden und Teil einer Region sind, die für die Stabilität und das geopolitische Gleichgewicht zwischen Vorderasien, dem Nahen Osten, Europa und Russland eine wichtige Rolle spielt. Ein Frieden ohne sie kann nicht von Dauer sein.

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