Bündnis mit Gott

USA Für die Demokraten wird der Wahlkampf durch den Covid-19-Fall Trump nicht einfacher
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Joe Bidens Umfragewerte 2020 sind besser als die von Hillary Clinton vor vier Jahren. Aber so richtig trauen will man dem nicht

Foto: Brendan Smialowski/AFP

Als Covid-19-Patient gab der US-Präsident den starken Mann. Dagegen zu opponieren, fällt schwer in einer desorientierten Nation. Man weiß nicht, was stimmt an Donald Trumps Krankengeschichte. Das Drama zwischen Walter Reed Hospital und Weißem Haus in Washington D. C. ist das jüngste Kapitel der Geschichte einer Regierung, die aus ihrer Sicht mit einigem Erfolg so tut, als könne sie Normen und Fakten ignorieren.

Beim Coronavirus sind die Kosten hoch. Trump hat vor seiner Rückkehr ins Weiße Haus getwittert, man solle Covid nicht fürchten: Am Tag seiner Diagnose wurden laut Statistik der Washington Post gut 50.000 Neuinfektionen und 840 Todesfälle gemeldet. Mehr als 210.000 Menschen sind in den USA seit Beginn der Pandemie gestorben. Ob man da Mitgefühl hat mit den an Covid-19 erkrankten Donald und Melania, das tut wenig zur Sache: Der Präsident und seine Partei tragen Verantwortung für viel Leid.

Die ganz Getreuen halten zu Trump. Sie sind überzeugt, dass er auch diesmal wieder durchkommen wird. Bei einem Online-Gebet für Trump erklärte Fernsehpredigerin Paula White, seit vielen Jahren „spirituelle Beraterin“ des Weißen Hauses, der Präsident habe ein „langes und erfülltes Leben“ vor sich. Er habe ein „Bündnis mit Gott“. White vertritt die Idee des Wohlstandsevangeliums, wonach Gott Gläubige materiell segnet. Trump-Sohn Don schrieb an die Wähler, sie sollten sich bereit machen für die „epische Wiederkehr des Präsidenten“.

Republikaner, die nicht ganz so enthusiastisch sind wie der Sohn und die Predigerin, sehen offenbar keine Alternative zur Nibelungentreue. Seit Jahren machen sie mit, und manche haben persönlich profitiert. Sie haben alles mitgetragen, darunter die Bilder von Flüchtlingskindern in Käfigen, Anschuldigungen gegen Trump wegen sexueller Übergriffe und Belästigungen, Lügen und Entstellungen. Wie sollten sie da so kurz vor der Wahl diesem Mann den Rücken kehren?

Die Sache wird durchgezogen, ein großer Preis winkt im US-Senat, dem es noch vor der Abstimmung am 3. November gelingen soll, Trumps neue rechte Verfassungsrichterin Amy Coney Barrett zu bestätigen. Erholen sich drei im Moment mit dem Virus infizierte republikanische Senatoren rechtzeitig, und wird sonst keiner krank, hat die Präsidentenpartei genug Stimmen für ihren Wunschtraum, im Obersten Gericht eine verlässliche rechte Mehrheit zu schaffen. Demokratischen Senatoren würden es an Mandaten fehlen zum Blockieren.

Für die Präsidentschaftswahlen haben Millionen Bürgerinnen und Bürger ihre Stimmzettel bereits abgegeben. Auf den Demokraten lastet der Wahlausgang 2016, als man ziemlich zuversichtlich war. Joe Bidens Umfragewerte 2020 sind besser als die von Hillary Clinton vor vier Jahren. Aber so richtig trauen will man dem nicht. Und die Republikaner stechen in diese Wunde, ihr Kandidat habe Kräfte, die seine Gegner nicht wahrhaben wollten. Biden macht viele Demokraten nervös: sein Alter, seine fehlende Dynamik und nun die Covid-19-Gefahr im Wahlkampf.

Viel Aufmerksamkeit fiel nach Trumps positivem Test auf Mike Pence. Obwohl in Trumps Nähe, als dieser bereits infiziert gewesen sein könnte, machte der Vizepräsident unermüdlich weiter Wahlkampf. Als traditionell rechter Republikaner mit evangelikaler Vita hat Pence dem Präsidenten mit einer zum Fremdschämen einladenden Demut gedient, selbst als Chef der Coronavirus-Arbeitsgruppe im Weißen Haus. Für Mike Pence ist Donald Trump das Ticket zum Oval Office. Vielleicht erst in vier Jahren, wenn das Chaos vorbei ist. Manche Demokraten besorgt Pence mehr als Trump.

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