Erschreckende Normalität

USA Ein schriller Antisemit, seine sauberen Kollegen und Präsident Trump – Warum der Anschlag auf eine Synagoge in Pittsburgh nicht überraschend kam
Erschreckende Normalität
Die grauenhaften Ereignisse in Pittsburgh sind eine Mahnung

Foto: Brendon Smialowski/AFP/Getty Images

Samstagnachmittag saß ich an meinem Computer und verfolgte die Updates über den Anschlag auf die Synagoge im Pittsburgher Stadtteil Squirrel Hill; ein friedliches, wohlhabendes und von besonderer Vielfalt geprägtes Viertel. Als der Schütze überwältigt wurde, waren elf Menschen tot, sechs weitere verletzt. Anschläge wie dieser haben in den USA inzwischen eine erschreckende Normalität; normal fühlen sie sich trotzdem nie an – in diesem Fall hatte das für mich auch persönliche Gründe: Ich bin Jüdin; ich habe Verwandte in Pittsburgh. Und doch kam der Anschlag nicht überraschend. Nach knapp zwei Jahren, begleitet von Lügen und Hassreden aus dem Weißen Haus, haben viele von uns mit einem solchen Vorfall gerechnet.

Reporter durchforsteten alsbald die Social Media Accounts des mutmaßlichen Schützen, Robert Bowers, und fanden eine lange Reihe antisemitischer Äußerungen, die in dem Tweet gipfelten: „Scheiß auf eure Sichtweise, ich gehe rein.“ Auf der vor zwei Jahren gegründeten Plattform Gab, die bei Alt-Right-Anhängern beliebt ist, richtete sich sein Hass vor allem gegen die Hebrew Immigrant Aid Society (HIAS), eine Organisation, die Geflüchtete dabei unterstützt, in den USA eine Wohnung zu finden. Ein wenig Forensik in den Alt-Right-Medien hilft, den Zeitpunkt, den Bowers wählte, ins Verhältnis zu setzen. In der Woche vor dem Anschlag – zwei Wochen vor den Midterm-Wahlen – stachelte Donald Trump seine Basis an, indem er die Karawane der verzweifelten Migranten aus Lateinamerika angriff und fälschlicherweise behauptete, es seien „Kriminelle und Unbekannte aus dem Nahen Osten“ darunter. Adam Serwer vom Atlantic hat aufgeschrieben, wie rechtsextreme Medien diese Angstmache aufgriffen und ihr eine eigene Note gaben, indem sie behaupteten, der Philanthrop George Soros, ein aus Ungarn stammender Jude, finanziere im Verbund mit der venezolanischen Regierung die Karawane.

Führungsvakuum auf allen Ebenen

Bowers wütete vor dem Anschlag in den sozialen Medien, die HIAS ermögliche eine „Invasion“. Trump warf er vor, er sei nicht rassistisch genug. Bowers' schriller Antisemitismus ist in gewisser Weise überholt – öffentlich präsente Neonazis wie Richard Spencer verunglimpfen Juden oder andere Minderheiten kaum noch offen. Sie bezeichnen jüdische Banker und Philanthropen als „Globalisten“ und meinen damit das widerwärtige Klischee vom Juden als ruchlosem Geldverleiher, der das internationale Kapital kontrolliert. Trump verweist zwar gerne auf seine jüdischen Enkel und seinen Schwiegersohn, doch auch wenn er diesen „saubereren“ Rassismus nicht selbst anwendet, so ermuntert er ihn doch. Bekanntermaßen weigerte er sich nach Charlottesville, die weißen Nationalisten zu verurteilen – selbst nachdem eine Frau von einem Rechtsextremen getötet worden war und Neonazis skandierten: „Jews will not replace us.“

Als Trump am Dienstag die Synagoge in Pittsburgh besuchte, erntete er Protest. Zu sagen, es bestehe ein Führungsvakuum in den USA, ist schwer untertrieben. Allein auf der Ebene der Sachpolitik muss auf so vieles reagiert werden – der Rückbau von Obamacare, der Rückzug aus dem Atomwaffendeal mit Iran und dem Pariser Klimaabkommen –, dass wir darüber fast vergessen, was noch in der Verantwortung eines Präsidenten liegt: die Normen zu festigen, die das Land zusammenhalten.

Die grauenhaften Ereignisse vom Samstag sind eine Mahnung, dass das Land seine Spaltung überwinden muss. Auch wenn die Führung dazu nicht beiträgt.

Jessica Loudis ist freie Autorin und war Redakteurin des World Policy Journal

13:59 31.10.2018

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