Es geht hier nicht um Schmink-Tipps

RT Deutsch Mit der Sperre des „Putin-Senders“ zeigt YouTube, dass es seine eigene Bedeutung noch nicht verstanden hat. Warum dieser politische Akt brisant ist
Es geht hier nicht um Schmink-Tipps

Illustration: der Freitag

Der Mitarbeiter des Google-Konzerns, der kürzlich entschied, den Sender RT Deutsch auf der Online-Plattform Youtube zu sperren, war sich wohl nicht ganz im Klaren, was er damit heraufbeschwor. RT Deutsch hatte eine Kurzzeit-Sperre wegen Falschinformationen umgangen. Die Geschäftsbedingungen erfordern in diesem Fall die komplette Sperrung des Kanals. Der regierungsnahe russische Sender ist nicht der einzige, getroffen hat es auch andere, größere Kanäle. Alles Routine also? Ein mutiger Schritt gar?

Es ist unverständlich, dass deutsche Medien diese Aktion loben. Sie müssten über politische Zusammenhänge besser informiert sein. Deutsche Zeitungen werfen der russischen Regierung vor, Meinungen außerhalb des ihr nahestehenden Mainstreams zu unterdrücken – durch Löschungen im Netz oder Brandmarkung als ausländische Einflussnahme. Aber spiegelt sich diese meist berechtigte Kritik nicht im Vorgehen gegen den „Putin-Sender“? In Zukunft wird solche Kritik aus dem Westen noch entschiedener – und für viele glaubwürdiger – mit dem Verweis auf die „Zensur“ gegen RT beantwortet werden.

Wiegt die Bekämpfung der „Desinformation“ den Eingriff in die Pressefreiheit auf? Viele Medienleute sehen das so. Betreibt aber RT Deutsch die Verbreitung von falschen Nachrichten im Sinne einer eigenen Agenda? Das lässt sich so eindeutig nicht sagen. Die für RT Deutsch tätigen Journalisten werden zwar gezielt in sehr „systemkritischen“ Kreisen rekrutiert, in denen es seit Ausbruch der Pandemie auch Überschneidungen mit der Querdenkerszene gibt. Aber auch wenn sich das die Redaktionen der großen deutschen Medien nicht vorstellen können: Diese Leute glauben an die Geschichten, die sie produzieren.

Das heißt nicht, dass bei RT Deutsch guter Journalismus gemacht wird. Gerade die Corona-Berichterstattung stellt einseitig auf Kritik an behördlichen Maßnahmen ab und fördert Impfgegnerschaft. Vom Mehrheitsstandpunkt medizinischer Fachleute ist sie weit entfernt. Oft präsentiert RT zweifelhafte Einzelmeinungen als einzige Wahrheit – im Widerspruch zur russischen Pandemiepolitik, die sich von der westlichen kaum unterscheidet. RT produziert also zweifelhaften Journalismus, der durchaus einer politischen Agenda folgt. Doch so etwas muss eine Gesellschaft aushalten, die sich Meinungspluralismus auf die Fahnen schreibt. Sonst müsste man auch eine Zeitung wie Bild sanktionieren, die in ebenso zweifelhafter Qualität und mit einer klaren – hier transatlantischen – Agenda sowie enormen Mitteln Meinung macht. RT Deutsch ist die Bild des prorussischen Antimainstreams. Übertrieben wird von seinen deutschen Gegnern aber die Wirkmächtigkeit des Senders. Gerade die Corona-Berichterstattung hat RT zwar Kultstatus in einer Antimainstream-Blase verschafft, doch für den Rest der Gesellschaft ist der Sender damit als unseriös markiert. RT wirkt nur in einem Umfeld, das die klassischen Medien ohnehin nicht mehr erreichen. Zurückfallen wird das Ganze auf Youtube selbst: Der Zugang zum russischen Netz ist in Gefahr. Vielleicht kann der finanzielle Verlust, der damit verbunden wäre, den Konzern etwas lehren. Eine solche Löschung im Newsbereich ist etwas anderes als bei einem Schmink-Channel, der unerlaubt Chart-Hits verwendet: ein restriktiver politischer Akt durch ein Unternehmen, das gerne Vielfalt und Toleranz preist.

So zeigt die Affäre, dass Youtube die Rolle noch nicht versteht, in die das Unternehmen längst gewachsen ist: Die Plattform ist mehr als nur ein Anbieter von Sendeplatz. Auch ohne eigene Redaktion ist sie ein globales Medium und ein sozialer Faktor. Das aber erfordert bei solchen Sperraktionen auch Erwägungen, die über die Allgemeinen Geschäftsbedingungen hinausreichen. Dies möchte man auch jenem unbekannten Mitarbeiter am Löschknopf vermitteln.

Roland Bathon ist Journalist. Er schreibt und bloggt vor allem über Russland und Osteuropa

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06:00 09.10.2021

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