Geheimtechnik gegen Schulden

Kredite Die Eurogruppe debattiert erneut die Krise Griechenlands – Ausgang ungewiss. Die „Rettung“ Athens versprechen indes immer öfter obskure, rechte Gestalten
Geheimtechnik gegen Schulden
WIllkommener Sündenbock: die schlechte griechische „Performance“

Foto: Angelos Tzortzinis/AFP/Getty Images

Es könnte alles so einfach sein. Ein griechischstämmiger Milliardär aus den USA bietet an, die griechischen Staatsschulden mal eben auszuradieren. Das nötige Kleingeld dazu hätte er. Zumindest behauptet er, ein Vermögen von 600 Milliarden Dollar zu besitzen, fast doppelt so viel, wie Griechenland seinen Gläubigern schuldet. Wie er an das Geld gekommen ist? Auch dafür hat Artemis Sorras eine Erklärung. Er habe den USA mit einer Geheimtechnologie der alten Griechen ausgeholfen, die diese für ihr Weltraumprogramm brauchten.

Was andernfalls eine Anekdote für das Nachtprogramm obskurer Privatsender wäre, ist im Griechenland der Krise bitterer Ernst. Artemis Sorras hat eine politische Organisation gebildet. Ihr beizutreten kostet zehn, der Monatsbeitrag beträgt fünf Euro. Für 27 Euro extra gibt es ein Formular, das die Mitglieder beim Finanzamt einreichen können, mit der Aufforderung, ihre Steuerschulden binnen fünf Tagen mit dem Vermögen des reichen Landsmanns zu verrechnen. 6.000 dieser Formulare sind bereits bei griechischen Finanzämtern hinterlegt, sodass sich das Finanzministerium genötigt sah, ein Rundschreiben zum Umgang damit herauszugeben.

Auch vielen griechischen Kommunen hat Sorras seine Hilfe angeboten, mehrere von ihnen haben Gutachten in Auftrag gegeben, um das Hilfsangebot zu untersuchen. Ach ja, und falls er Premier werde, eigenen Angaben zufolge rechnet Sorras mit 35 Prozent der Wählerstimmen, werde er Griechenland vom „Joch der Fremdherrschaft“ befreien und noch dazu jedem Griechen 20.000 Euro überweisen.

Artemis Sorras mag eine groteske Gestalt sein, doch ist er nicht der einzige Messias in Griechenland. Es gibt die Verfechter der hohlen Erde, die Anhänger von Engelsgestalten und Giganten und eine Partei, die sich „Griechische Lösung“ nennt. Allen gemeinsam ist, dass sie das Land aus der Misere zu befreien versprechen. Gemeinsam ist ihnen außerdem eine zutiefst nationalistische und mit faschistischem Gedankengut durchtränkte Ideologie.

Sozialpsychologen werden in Griechenland herbeizitiert, um dieses Panoptikum der Peinlichkeiten zu erklären. Dabei würde ein Blick auf die Statistiken genügen. Nur einer von zehn Arbeitslosen in Griechenland erhält Arbeitslosengeld. Jede zweite Familie hat Mühe, die Ausgaben für Essen und Heizung zu bewältigen. In 350.000 Familien gibt es nicht einen Erwerbstätigen. Diese Menschen leben vom Ersparten, von Geliehenem, von der Rente der Großeltern. Die wiederum ist seit Beginn der Krise rund ein Dutzend Mal gekürzt worden und liegt heute für fast die Hälfte der Bezieher an oder unterhalb der Armutsgrenze. Der Zuschlag, den die ärmsten Rentner bislang erhielten, wird gerade auf Geheiß der Institutionen abgebaut. An diesem Donnerstag berät die Eurogruppe erneut über Griechenland.

Wir können diese Zahlen der schlechten griechischen „Performance“ in die Schuhe schieben. Wir können sie mit dem mangelnden „Reformwillen“ „der Griechen“ erklären. Die Eurokrise, ein Problem des griechischen Nationalcharakters. Je näher die Bundestagswahl rückt, desto häufiger wird dieser Ansatz zu hören sein.

Deutschlands Überschüsse

Es gibt aber auch andere Erklärungen, die diese doch zumindest ergänzen. In einer Umfrage, die das Centre for Macroeconomics kürzlich gemeinsam mit dem Centre for Economic Policy Research durchgeführt hat, bezeichnen rund 70 Prozent der befragten Ökonomen quer durch Europa die deutschen Exportüberschüsse als Bedrohung für die Eurozone. Das ist freilich nichts Neues, auch Internationaler Währungsfonds (IWF) und EU-Kommission mahnen deshalb immer wieder. Erstaunlich ist nur, mit welcher Persistenz sich der deutsche Mainstream gegen diese Diskussion sperrt. Schuld an der Eurokrise sind lieber „die Griechen“, denen wir wiederum vorwerfen, die Schuld bei den anderen zu suchen.

Doch solange wir einander in Europa in einem Steuer- und Lohnsenkungswettlauf an die Wand spielen, bereiten wir den Boden für braune Retter. Hüben wie drüben. Dabei übersehen wir, dass unsere Geschicke mehr denn je miteinander verwoben sind. Es ist noch keine 100 Jahre her, da haben wir in Europa schon einmal geglaubt, unsere Interessen lägen gegen- und nicht miteinander.

Es ist nicht gut ausgegangen.

Alkyone Karamanolis berichtet seit 2002 für deutschsprachige Medien aus Griechenland. Sie ist Teil des Netzwerks weltreporter.net

06:00 26.01.2017

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