Hallo? Babyboomer?

Demografie Unser Autor schaut nach, welche Jahrgänge die Literatur des 20. Jahrhunderts dominieren
Joachim Feldmann | Ausgabe 41/2015

Einen alters- und genderspezifischen Zugang zur Literatur konstatierte kürzlich der Literaturblogger und Freitag-Autor Stefan Mesch auf Facebook. Es gebe da diese „älteren, männlichen Literatur-Leser, die zwei Sorten Autoren ernst nehmen“, nämlich „tote Klassiker-Autoren (immer weiß, fast immer männlich)“ und „Männer in ihrem Alter oder älter“. Alles andere werde „vergessen, ironisiert oder belächelt“.

Da fühlt man sich als männlich weißer Endfünziger sogleich ertappt und denkt schuldbewusst an die vielen Gespräche zurück, in denen man sich verächtlich bis ignorant über die aktuelle Gegenwartsliteratur geäußert hat – um im selben Atemzug das Lob auf diesen oder jenen zu Unrecht kaum gelesenen Klassiker anzustimmen.

Doch dann fällt der Blick auf die zweite Kategorie. „Männer in ihrem Alter oder älter“, heißt es da. Schon sucht man krampfhaft nach Autoren des eigenen Geburtsjahrgangs, muss aber bald passen. 1958 scheint ein wenig ertragreiches Jahr für die deutschsprachige Literatur gewesen zu sein, denn außer den Romanciers Michael Wildenhain, Thorsten Becker und Matthias Altenburg will einem niemand einfallen.

Das ist der Moment, um eine lang gehegte These auf ihre Tragfähigkeit hin zu überprüfen: Wird die deutschsprachige Gegenwartsliteratur bis ins 21. Jahrhundert hinein von den Jahrgängen 1939 bis 1946 dominiert? Von Autorinnen (wenige) und Autoren (viele) also, die heute also zwischen 76 und 69 Jahre alt sind? Schon fällt der Blick auf die 13 roten Plastikordner des Kritischen Lexikons zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, kurz: KLG.

Einen Nachmittag dauert die Recherche in der Loseblattsammlung, dann ist die Liste fertig. Und sie fällt für die in der zweiten Hälfte der 50er Jahre geborenen Babyboomer erschreckend aus. Der 1956 geborene Ulrich Peltzer ist einer von 13, und Matthias Politycki, Jahrgang 1955, steht stellvertretend für neun Altersgenossen. Noch enttäuschender ist, mit jeweils sieben Namen, die Bilanz für die Jahre 1957 ff. Und selbst die 1964 Geborenen, immerhin das Jahr, in dem die Anzahl der Geburten in Deutschland ihren Höhepunkt erreichte, haben kaum Spuren im literarischen Leben hinterlassen. Ganze 13 Schriftstellerinnen und Schriftsteller dieses Jahrgangs finden sich im KLG, unter ihnen immerhin Namen wie Raoul Schrott, Michael Lentz und Thomas Brussig.

Aber wer sind die zahlenmäßigen Gewinner dieser zugegeben wissenschaftlich ein wenig fragwürdigen Untersuchung? Unangefochten an der Spitze steht der Geburtsjahrgang des vormaligen Juso-Chefs und späteren Bundeskanzlers Gerhard Schröder, dessen Persönlichkeit seit jeher von einem unerschütterlichen Selbstvertrauen geprägt zu sein scheint. Im vorletzten Kriegsjahr 1944 kamen gleich 30 spätere Wortkünstler auf die Welt, darunter Einar Schleef, Bernhard Schlink und Christoph Hein. Auf den Plätzen zwei und drei folgen die Jahrgänge 1942 und 1946 mit jeweils 25 Namen.

Da kann selbst der sagenhafte Jahrgang 1927 (Grass, Walser) nicht mithalten. Von der kulturellen Hegemonie der sogenannten 68er Generation blieb also auch die Literatur nicht verschont. Als beispielsweise Uwe Timm (Jahrgang 1940) im Jahr 1974 sein Romandebüt Heißer Sommer vorlegte, konnte er auf eine Leserschaft zählen, die die im Buch verhandelten Erfahrungen während der Studentenbewegung teilte. Literarische Zeitgenossenschaft dieser Art blieb uns Nachgeborenen versagt. Vielleicht legten wir aber auch gar keinen Wert darauf. Schließlich gab es genügend Identifikationsangebote aus zweiter Hand, nicht zuletzt aus der Musik.

Rolf Dieter Brinkmann (Jahrgang 1940) und Peter Handke (Jahrgang 1942) wurden bewundert, weil sie in den 60er Jahren gegen den etablierten Betrieb aufzubegehren wagten: Solche Idole stößt man nicht vom Sockel. Dafür brauchte es eine neue Schriftstellergeneration. Aber die ließ noch bis 1995, als ein schnöseliger Endzwanziger namens Christian Kracht einen Roman mit dem vielsagenden Titel Faserland vorlegte, auf sich warten. Begeistert, daran kann ich mich gut erinnern, waren wir nicht.

Joachim Feldmann, Jahrgang 1958, ist Redakteur der Literaturzeitschrift Am Erker

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06:00 18.10.2015

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