Im Darkroom

China „Die letzten Tage von Hongkong“ erlebte der Journalist Marko Martin an ungewöhnlichen Orten
Schön ist Widerstand gemäß Peter Weiss: Silvesterparty in Hongkong
Schön ist Widerstand gemäß Peter Weiss: Silvesterparty in Hongkong

Foto: Anthony Kwan/Getty Images

Schön ist Widerstand gemäß Peter Weiss – Marko Martin zeigt in seinem neuen Buch Die letzten Tage von Hongkong, dass Widerstand auch sexy sein kann. Der Reporter, Essayist, Schriftsteller und Literaturkritiker, zuletzt war er zu sehen im Literarischen Quartett, ist Jahrgang 1970, Bekanntheit erlangte er mit seinem Debütroman Der Prinz von Berlin (2000), danach folgten meist Reise- und Reflexionsbücher, die sich vor allem mit dem Leben in Tel Aviv, Mittelamerika und Südostasien beschäftigen. Martins Markenzeichen in all seinen Bänden: Er nimmt kein Blatt vor den Mund und setzt sich für Freiheit ein, verabscheut jegliche Ismen.

Um den Jahreswechsel 2019/20 befindet sich Martin mit seinem Ehemann H. in der chinesischen Sonderverwaltungszone Hongkong, wo seit der Ankündigung des Auslieferungsgesetzes im Juni 2019 Massenproteste stattfinden. Nach der Neujahrsdemo am 1. Januar 2020, die von der Polizei brutal aufgelöst wird, müssen sich Martin und H. in Sicherheit bringen. Sie werden in die nächstgelegene Gay-Sauna gelotst – der Schutzraum erhält dadurch eine neue Bedeutung ...

Dass das Modell von allgemeinen und freien Wahlen, von freier Presse und Gewaltenteilung nicht exklusiv westlich sei, sondern universell, „dass Hongkong ebenso ein Recht darauf hat. Und natürlich auch China“, sagt der junge Hongkonger Aktivist und Galionsfigur der demokratischen Protestbewegung Joshua Wong auf dieser Demo. Denn auch wenn das Auslieferungsgesetz zurückgenommen wurde, gehen die Proteste weiter. Die Bewegung kämpft weiter gegen die Aushöhlung ihrer Demokratie und fordert mehr Autonomie. Martin ist überwältigt, dass am Neujahrstag mehr als eine Million Menschen zusammenkommen. Ein „Menschenmeer“, das für die Freiheit Hongkongs auf die Straßen geht.

Der Autor beobachtet allerdings auch, wie gespalten die Stadt ist, welche Orte Peking oder der Protestbewegung nahestehen. Oder auch wie heterogen und teils zerstritten die Protestbewegung ist, etwa wenn einige von ihnen einem Großteil vorwerfen, Feiglinge zu sein. Oder wie es einen deutlichen Unterschied mache, ob man reich oder arm sei. Es gibt Familien, die stoßen ihre Kinder aus, wenn sie an Protesten teilnehmen. Sie fürchten Repressionen oder dass Geschwister das teure Studium nicht fortführen können.

Martin sammelt viele dieser Geschichten in schwulen Saunen und Bars. Schade nur, dass die Schilderungen des schwulen Milieus, die verwinkelten Gänge, Darkrooms et cetera von mittendrin trotzdem so distanziert wirken, dass die Beobachtungen nicht deutlicher und präziser sind. Gibt es Sexmöbel wie Slings, Andreaskreuze? Werden Drogen konsumiert? Zunächst flüchtet sich der Autor stattdessen von der Ich- zur Er-Perspektive, dann in Verschwurbelung: „Nicht dass die Betrachtung der modest Maunzenden und sich gemessen – wie ein Ballett in Slow Motion – in neue Positionen Bringenden lediglich sublimierend wäre.“

Franzosen schreiben besser

Es ist erschreckend, dass schwule Autoren im deutschsprachigen Raum, sei es belletristisch oder non-fiktional, so schlecht über Sex(orte) schreiben. Und nicht nur Homos! Da sollten sich alle bei den Franzosen eine sinnliche Scheibe abschneiden, etwa bei David Lopez und seinem Debüt Aus der Deckung (Hoffmann und Campe, 2020), der einen beeindruckenden sensuellen und rhythmischen Stil für Heterosex findet, oder etwa bei Arthur Dreyfus, dessen Bücher bislang leider nicht auf Deutsch erschienen sind, in einem seiner Texte beschreibt er einmal schwulen Chemsex.

Trotzdem: Martin ist eine treffende, teils schwule Momentaufnahme über den damaligen Freiheitsgrad Hongkongs gelungen. Denn die Coronapandemie, der Martin Anfang Januar 2020 keine große Bedeutung gibt, brachte weniger Menschen auf die Straßen und das neue Nationale Sicherheitsgesetz führte ab Ende Juni 2020 zu Tausenden Verhaftungen. Der Aktivist Joshua Wong wurde zu 14 Monaten Haft verurteilt. Martin tut gut daran, an ihn und an die Demokratiebewegung Hongkongs zu erinnern.

Info

Die letzten Tage von Hongkong Marko Martin Tropen Verlag 2021, 320 S., 22 €

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