Irre Interviews

A–Z Er werde keine Fragen mehr zur NS-Sprache beantworten, ließ kürzlich Björn Höcke wissen. Interviews, die entgleisen, sind TV-Höhepunkte. Unser Wochenlexikon
der Freitag | Ausgabe 38/2019
Irre Interviews

Foto: Education Images/Universal Images Group/Getty Images

A

Auflösung „Was hinter mir passiert,“ sagt die alte Dame bei meinem Friseur, und meint damit den Haarschnitt am Hinterkopf, „passiert.“ Wie genügsam denke ich, und wundere mich, wie selten Interviewpartner wissen, wer ich überhaupt bin. Die Autorin Juliane Vieregge gestand lachend: ich habe Sie gegoogelt! (Vorbereitung) Das haben wohl die wenigsten meiner Interviewpartner vorher. Gesprächspartner sind im Sendemodus, Interviews kein Plausch. Alles ok, bin ich doch, ähnlich einem Psychotherapeuten, die weiße Wand, auf der sie malen dürfen.

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Dürfen und wissen, was man tut, divergieren aber regelmäßig. Einige malen unkontrolliert über den Rand und wundern sich, was sie alles (angeblich!) gesagt haben sollen. Die Autorisierungsphase wird komplex. Einmal schrieb jemand seine Antworten und – zur Sicherheit – meine Fragen komplett neu. Das ist nie erschienen. Die Person wünschte mir daraufhin ein schönes Restleben. Aber, den Vogel schoss ein Schriftsteller ab, der während des Gesprächs fragte: „Sie sind vom Freitag, oder?" Jan C. Behmann

C

Collage Eigentlich wollte der Suhrkamp-Verlag mit Clemens Setz ein ausführliches Autorengespräch führen, dem aber bereitete allein die Vorstellung viel Unbehagen. Er sei so schlecht in Interviews, könne sich mündlich nicht so ausdrücken (Einsilbig), und überhaupt…

Was also tun? Wer könnte über den Autor und seine Gedankenwelt Auskunft geben? Die Lösung: sein Millionen von Zeichen umfassendes elektronisches Tagebuch, die ausgelagerte Seele des Autors. Suhrkamp befragte also den Datensatz, den Clemens-Setz-Bot, nach dem Schlagwortprinzip. Diese assoziative Collage von 167 Seiten mit dem Titel Bot liest sich überraschend, berührend, manchmal komisch, wenn das Schlagwort in Frage und Antwort völlig verschieden kontextualisiert ist. Was bei Interviews dadurch entsteht, dass sich zwei Menschen bestimmter Sozialisation in einem klaren Setting begegnen, fehlt dem Text; stattdessen fühlt es sich so an, als schaue man Setz tatsächlich beim Denken zu. Absolut lesenswert. Sophie Elmenthaler

E

Einsilbig Nur 90 Sekunden hatten Friedrich Nowottny und die Tagesschau für Willy Brandt. Etwas wenig, befand der sozialliberale Regierungschef und antwortete auf die vier gestellten Interview-Fragen zu einem Treffen mit dem französischen Präsidenten Georges Pompidou deshalb mit entwaffnender Kürze: Ja. Doch. Nein. Ja. Nach 30 Sekunden war das Interview dann zu Ende. Maximal minimal ist dieses Interview, das längst zum Youtube-Hit mutierte: „War die Währungsfrage, die ungelöste europäische Währungsfrage, das Schwierigste dieser Konsultation?“ „Ja.“ „Und sie haben dem Präsidenten keine Lösung von unserer Seite mit auf den Weg geben können?“ „Doch.“„Haben Sie ihm Termine genannt, die so wichtig sind. Die Termine für Festlegungen des Wechselkurses der DM?“„Nein.“„Und sind sie sicher, dass er trotzdem befriedigt war?“ „Ja.“ Marc Peschke

F

Fiktion Fiktive Interviews sind ein Genre für sich. Meist ist es mäßig lustig, wenn ein Gespräch über die Gegenwart mit Goethe oder Thusnelda inszeniert wird. Noch weniger lustig im ethischen Sinn waren die Fake-Interviews von Tom Kummer. In den 1990er-Jahren erfand der Journalist Interviews mit Stars wie Sharon Stone und Brad Pitt. Das kann man kreativ nennen, bedenklich aber auch.

Das volle intellektuelle Potenzial der fröhlichen Fiktion schöpfte Alexander Kluge in vielen seiner Kultursendungen wie 10 vor 11 aus, die überraschenderweise alle auf Privatsendern liefen. Kluge fragte aus dem Off kluge Sachen, seine Gesprächspartner antworteten kompetent oder schräg. So trat schon mal der Cousin von Asterix als aktiver Sterbegleiter auf – Helge Schneider spielte ihn. Bewährt war das Format insbesondere durch die Besetzung von Peter Berling. Der Schauspieler erfuhr erst kurz vor der jeweiligen Sendung von seiner Rolle und improvisierte sich durchs Wortgefecht – unter anderem als mittelalterlicher Patriarch, Divisionspfarrer, Renaissancehumanist und Zarenverarzter. Tobias Prüwer

H

Heiner Dass Heiner Müller sich entschloss, seine Autobiografie als Folge von Interviews zu publizieren, dürfte seinen Grund nicht (nur) in seiner Faulheit gehabt haben, auf die er gerne verwies. Autobiografien sind Lebenserzählungen, die den eigenen Lebenszusammenhang als ein kontinuierlich sich entwickeltes Sinnganzes darstellen möchten. Das Interview, das offene provisorische Gespräch, stellt den Versuch dar, aus diesem Schatten herauszutreten. Das Gespräch ist nie fertig; immer nur können Ausschnitte publiziert werden. (➝ Collage) Sein Prinzip ist die Unterbrechung, die wechselseitige Einrede. Immer wieder reißt der Faden der Erzählung ab, wird die Perspektive verschoben oder gewechselt. Bisweilen fällt Müller zu einer Frage nicht viel ein. Manchmal antwortet er schief, wechselt das Thema.

Müller war Dramatiker. Das Prinzip des Dramas, dass es keine gemeinsame Wirklichkeit gibt, sondern sie sich aus dem zusammensetzt, was verschiedene Personen aus verschiedenen Gesichtswinkeln über sie behaupten, wird auf die Erzählung des eigenen Lebens übertragen. Was herauskommt, ist eine widerspruchsvolle und provisorische Einheit, die näher am Wirklichen dran ist als jede erzählerische Totaldurchformung. Wolfram Ette

N

Niemand Der vielleicht radikalste Verweigerer in der modernen Literatur ist Thomas Pynchon, der nicht nur nie ein Interview gab, sondern sich auch weigerte, überhaupt jemals öffentlich aufzutreten. Für viele wurde der wie geheim lebende Autor – bis heute finden sich im Netz nur ein paar Jugendfotos – damit zu einem Mythos, wie aus seinen labyrinthischen Romanen selbst entsprungen. Auch bei anderen Autoren ist ihre Weltabgewandtheit untrennbar mit der Wahrnehmung ihres Werkes verbunden: J.D. Salinger, Samuel Beckett, William Gaddis – wer wissen will, warum sie ungern Interviews gaben, kann vielleicht in ihren Büchern die Antwort finden.

Vergeblich ist es doch: Zieht man sich zurück, wird man eben als Zurückgezogener berühmt. Die Dichterin Emily Dickinson ist heute der ganzen Welt bekannt, und damit ihr gut erforschtes Leben, das sie fast ganz im Haus ihrer Eltern verbrachte. Auch Pynchon spielte stets mit der Tatsache, dass er gerade durch seine Verweigerung Aufsehen auf sich lenkte. Zur Verleihung des National Book Award 1973 schickte er einen Komiker, der aus der Zeremonie ein absurdes Spektakel machte. Und die erste Aufnahme seiner Stimme ist in den Simpsons zu hören, wo der Autor selbstironisch eine Papiertüte über dem Kopf trägt. Paul Simon

P

Panne Pannen sind bei Interviews ein gern beobachtetes Vergnügen, allerdings nur wenn sie anderen passieren. Für die Betroffenen muss ein bisschen Zeit vergehen, bevor sie zur gern erzählten Anekdote werden. Heute erinnere ich mich amüsiert an einen Termin mit dem letzten Ministerpräsidenten der DDR, Lothar de Maizière, der mir charmant beim Umgang mit meinem gerade im Westen erworbenen Recorder helfen wollte. Am Ende war irgendwie gar nichts mehr auf dem Band. Totalausfall! Ein Glück, dass ich ein gutes Gedächtnis hatte.

Immerhin wurde die Panne nicht öffentlich wie beim Live-Interview mit dem US-amerikanischen Politikprofessor Robert Kelly von 2017. Während er seine Erwägungen zur Regierungskrise in Südkorea beginnt, kaspert sich sein Töchterchen in den Raum hinein und macht deutlich, dass sie jetzt aber „dran“ ist. Noch während der Professor versucht, das Kind beiseite zu schieben, rollt noch das jüngere Geschwisterchen in einem merkwürdigen Vehikel herein, gefolgt von der Ehefrau, die die Kinder hektisch wieder einsammelt. Millionenfach gesehen lieferte es einen Einblick in den Alltag bei Professors. Magda Geisler

R

Radau Am 6. September 2003 befindet sich die deutsche Fußballnationalmannschaft an einem, wie Sportjournalist Gerhard Delling es formuliert, „neuen Tiefpunkt“: Gerade mal zu einem 0:0 hat es in der EM-Qualifikation gegen Island gereicht. Rudi Völlers Mannschaft, vor einem Jahr noch Vizeweltmeister in Japan und Südkorea, tritt lethargisch auf, spielt schlechten Fußball. Definitiv zu wenig, gibt selbst der Teamchef zu.

Doch der Verriss der Moderatoren Delling und Günther Netzer (großartiges Duo!) lässt Völler den Kragen platzen: „Ich kann diesen Scheißdreck nicht mehr hören! Dann soll der Delling doch Unterhaltung machen! Der Günther, was die früher für einen Scheiß gespielt haben!“, schmettert er seinem Interviewer Waldemar Hartmann entgegen. Nachdem dieser anmerkt, Deutschland müsse Gegner wie den heutigen doch klar beherrschen, betont Völler wiederholt: „Die Isländer sind Tabellenführer!“. Auch Hartmann wird derweil zur Zielscheibe des wütenden Coaches: „Du sitzt hier locker bequem auf deinem Stuhl, hast drei Weizenbier getrunken!“ Doch „Waldi“ schafft es nüchtern und diplomatisch, die Wogen zu glätten. Am Ende entschuldigt sich Völler: „Die Geschichte mit dem Weizenbier hab ich nicht so gemeint. Alles andere hab ich so gemeint wie ich es gesagt habe!“Josa Zeitlinger

V

Vorbereitung Je bekannter das Gegenüber des Interviewers ist, je schwieriger wird die Vorbereitung auf das Gespräch. Klingt wie ein Paradox, doch von berühmten Menschen ist es schwieriger, noch Dinge und Themen zu finden, die das routinierte Abspulen gleicher Antworten auf gleiche Fragen durchbricht.

Der Musikjournaist und mittlerweile auch äußerst erfolgreiche Kurator Max Dax kann das. In seinem Buch Dreißig Gespräche ist das schön zu sehen. Von Nana Mouskouri bis David Bowie öffnet sich ein Künstler nach dem anderen, weil gespürt wird, dass sie da jemand ernst nimmt; weil nicht der Allgemeinplatz, der diese Stars bekannt gemacht hat, zur Sprache gebracht wird, sondern tiefer gegraben wurde, Dax sich über Nebenschauplätze an die Essenz heranpirscht. Übergroße Aufmerksamkeit bildet einen Panzer aus Blickwinkeln, hinter dem die Gefeierten zu verschwinden drohen. Schaut jemand aus einer anderen Richtung auf das Phänomen, wird der Künstler wieder als Mensch wahrgenommen, was er dankbar mit einem echten Gespräch belohnt. Marc Ottiker

Z

Zerstörung Wer einer Band namens Ton Steine Scherben angehört, dem muss man ein gerüttelt Maß Zerstörungswut zutrauen. Was Nikel Pallat in einer TV-Runde machte, überraschte auch kaum. Fernsehen, so Pallat, sei ein Unterdrückungsinstrument der Massen. „Und deswegen mache ich jetzt diesen Tisch kaputt.“ (Radau) Sprach’s und zog eine Axt. Allein, der Fernsehtisch – welche Ironie – wollte ums Verrecken nicht kaputtgehen. Pallat schlug und schlug und bewies so unfreiwillig das Beharrungsvermögen des Fernsehens, ja, des Systems! Mach kaputt, was dich kaputt macht, röhrte Rio Reiser. Das Tischattentat schrieb Fernsehgeschichte, die Systemkritik verblasste. Tische, wollt ihr ewig leben? Jedenfalls bieten sie noch heute Platz für irre Interviews. Marlen Hobrack

06:00 16.10.2019
Geschrieben von

Ausgabe 21/2020

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