Keine Frage der Schuld

Podcast Mehr als 100 Millionen Mal wurde „Serial“ heruntergeladen. Die zweite Staffel rührt an ein brisantes Thema: die Geschichte des Soldaten Bowe Bergdahl
Keine Frage der Schuld
Bergdahl kam durch einen Deal von Präsident Obama frei (hier mit dessen Eltern)

Foto: J.H. Owen Pool/Getty Images

Vor einem Jahr machte die Geschichte um den Mord an einer US-amerikanischen Schülerin Serial zum beliebtesten Podcast aller Zeiten. Mehr als 100 Millionen Mal wurde er heruntergeladen. Die Journalistin Sarah Koenig ging dem Fall aus den 90ern nach, da sie an der Schuld des vermeintlichen Täters – des damaligen Freunds des Opfers, der bis heute in Haft sitzt – zweifelte. Die Zuhörer verfolgten Koenigs Recherchen drei Monate lang in Echtzeit. Wenn das mehrfach ausgezeichnete Format eines beweist, dann, dass kein Plot spannender ist als die Realität. Während Koenig auf ein unklares Ende hin recherchierte, veränderte sich die Geschichte durch neue Zeugenaussagen; besser lassen sich die Zuhörer nicht einbinden. Gleichzeitig dokumentierte das Format auch die Zweifel der recherchierenden Journalistin, die immer wieder ihre Position korrigieren musste.

Mit der zweiten Staffel verlässt Koenig Suburbia und rührt an ein Thema mit politischer Brisanz: die Geschichte des Soldaten Bowe Bergdahl. Bergdahl war 2009 in Afghanistan in die Gefangenschaft der Taliban geraten und kam 2014 aufgrund eines Deals der US-Regierung mit den Extremisten frei. Präsident Obama tauschte ihn gegen fünf Gefangene aus Guantánamo und hat deshalb bis heute Ärger mit den Republikanern. Denn die Folklore um den Heimkehrer kippte schnell in Vorwürfe, er sei ein Landesverräter: Bergdahl hatte sich damals nachts von seinem Posten nahe der Grenze zu Pakistan entfernt. Koenigs Podcast bekam nun überraschend eine neue Aktualität: Vergangenen Freitag ging die erste Folge auf serialpodcast.org online, an diesem Montag nun wurde bekannt, dass Bergdahl sich vor einem Militärgericht verantworten muss. Dem 29-Jährigen droht lebenslange Haft. Umso interessanter ist nun, was er zu sagen hat.

Wie schon in der ersten Staffel ist es die Stimme des Beschuldigten, die Intimität erzeugt, verstärkt wird das noch durch eine alltägliche Soundkulisse: das Klacken einer Tastatur oder das Bellen eines Hunds. In Koenigs Podcast sagt Bergdahl, er habe durch seinen Alleingang Aufmerksamkeit auf das mitunter tödliche Missmanagement seines Oberbefehlshabers ziehen wollen, er hätte sich gern als Held gesehen, sei aber gescheitert. Besonders exklusiv ist das Material, weil er eigentlich nicht mit der Presse spricht. Die Aufnahmen stammen aus locker geführten Interviews für ein Drehbuch von Filmemacher Mark Boal, der sie Koenig zur Verfügung stellte. Sie selbst befragt andere Zeugen, moderiert den Hörer durch das Geschehen, hakt immer wieder ein, um Zusammenhänge zu erklären und telefoniert am Ende der ersten Folge – Cliffhanger! – sogar mit den Taliban.

Anders als vor Gericht geht es hier nicht nur um die Frage, ob Bergdahl schuldig ist. Sarah Koenig sagt es in der ersten Folge treffend: Um das ganze Bild zu verstehen, muss man kleinteilig werden und sich das Leben dieses Einzelnen ansehen. Gleichzeitig muss man auf den größeren Zusammenhang schauen: den Afghanistankrieg. Wie ein Pixel in einer Fotografie, verschwand das Individuum Bergdahl bisher in den schrillen Wahlkampfdebatten. Der Soldat, der einen Alleingang unternahm, weil er zum Helden werden wollte, sagt aber ebenso viel über die US-amerikanische Gesellschaft aus wie ein Donald Trump, der ihn am liebsten als Landesverräter erschießen würde. Koenigs Wahrheitsfindung dürfte deshalb dieses Mal noch mehr als 100 Millionen Hörer interessieren.

10:00 17.12.2015
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