Männer sind ein Kreuz

Film Teona Strugar Mitevskas „Gott existiert, ihr Name ist Petrunya“ bringt das Patriarchat ins Wanken
Männer sind ein Kreuz
Petrunya (Zorica Nusheva) mit Puppe

Foto: jip Filmverleih

Dieser Film, Gott existiert, ihr Name ist Petrunya von Teona Strugar Mitevska, erzählt von einer Selbstermächtigung. Die einer Frau zumal. Das ist in den patriarchalischen Gesellschaften Osteuropas immer noch ein unerhörter Vorgang. Womöglich brechen aber auch in Nordmazedonien, wo der Film spielt, die alten Geschlechterrollen auf. Zwar sind die Beitrittsgespräche mit der EU – für die sich das Land extra umbenannt und eine Identitätskrise riskiert hat – kürzlich erst gestoppt worden, aber der Fortschritt, wie er sich auch in den Geschlechterverhältnissen manifestiert, scheint trotzdem unaufhaltsam.

Petrunya ist 32, studierte Historikerin und arbeitslos. Logisch, denn wer braucht in einem der ärmsten Länder Europas Historiker?! Noch dazu neigt sie zur Fülle, hat keinen Mann, dafür eine überfürsorgliche Mutter, bei der sie auch noch wohnt. Ein hoffnungsloser Fall, den niemand ernst nimmt. Auch eines der raren Vorstellungsgespräche in einer Textilfabrik, das sie den Beziehungen ihrer Mutter zu verdanken hat, endet im Fiasko. Mit ihrem Spezialgebiet – chinesischer Geschichte – lässt sich an der Nähmaschine kaum reüssieren, und selbst als potenzielle Geliebte findet sie keinen Gefallen vor den Augen des Chefs.

Trotzdem brennt noch ein kleines Feuer in Petrunya. So springt sie einfach mit ins Wasser, als die jungen Männer der Stadt es tun, um das von einem Priester anlässlich der Dreikönigsprozession in den eiskalten Fluss geworfene Kreuz vom Grund zu holen. Doch welch Wunder, plötzlich hält Petrunya es in der Hand – und lässt es nicht mehr los! Damit stürzt sie die versammelte Mann-Schaft in eine tiefe Identitätskrise. Noch nie hat eine Frau es gewagt, dasselbe Recht wie sie zu beanspruchen.

Aus Rat- wird Fassungslosigkeit, später Wut, als Petrunya darauf beharrt, das Kreuz zu behalten. Sogar die Polizei schaltet sich ein, um der männerbündischen Ordnung zu ihrem Recht zu verhelfen – vergeblich. Dafür wächst Petrunya in den folgenden Stunden über sich hinaus. Einen Tag und eine Nacht verbringt sie auf dem Polizeirevier und verteidigt ihr Kreuz, gegen den wütenden Mob draußen vor der Tür, aber auch gegen die Zudringlichkeiten schmieriger Beamter. Am Ende wird sie es gar nicht mehr brauchen, denn sie hat etwas entdeckt, was stärker ist als das vermeintliche Glücksversprechen einer Reliquie.

Mit Humor und wohlkomponierten Bildern erforscht der Film den Stand des Geschlechterdiskurses und die sozialen Verwerfungen in Nordmazedonien. Die Bastionen der tradierten Vorstellungen von Männlichkeit wackeln sichtlich, das ist eine der guten Nachrichten.

Die „Obrigkeit“ allerdings, vom frömmelnden Pfaffen bis zum korrupten Reviervorsteher, kommt nicht so gut weg. Der tief verwurzelte autoritäre Staatsglaube scheint unausrottbar, und die Bemühungen der Ordnungshüter, die Gepflogenheiten des Rechtsstaats zu befolgen, wirken eher auswendig gelernt als verinnerlicht. Alle Sympathie gilt Petrunya (Zorica Nusheva) und ihrem Kampf gegen archaische Traditionen und die geballte Männerwelt. „Ich bin eine Frau, nicht geistig zurückgeblieben!“, schleudert sie einem Polizisten entgegen, der sie, wie alle Männer im Film, doch nur „zur Vernunft bringen“ will.

„Vernunft“ heißt in diesem Fall: die Bewahrung oder Wiederherstellung der patriarchalischen Machtstrukturen. Dass eine Modernisierung der Gesellschaft nicht ohne das Aufbrechen alter Rollenmuster zu haben ist, bleibt eine schwierige Erkenntnis. Es herrschen schwere Zeiten für „gestandene“ Männer, wie man nicht zuletzt auch am Zulauf von rechtsautoritären Bewegungen nicht allein im Osten Europas sieht. Der Ausgang des Kulturkampfes scheint jedenfalls mehr denn je ungewiss.

Info

Gott existiert, ihr Name ist Petrunya Teona Strugar Mitevska Nordmazedonien/Belgien/Frankreich 2019, 100 Min.

06:00 16.11.2019
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