Misogyne Allianzen

Frauenhass Ein Buch erklärt, warum der autoritäre Backlash männlich ist
Misogyne Allianzen
Die sogenannte Tradwives sind US-Influencerinnen, die auf Instagram für ein traditionelles Hausfrauendasein werben und mitunter Verbindungen zur rechtsradikalen White-Supremacy-Bewegung haben

Foto: UPI Photo/Imago Images

Als die ersten Ergebnisse der jüngsten US-Wahl bekannt gegeben wurden, twitterte die Philosophin Kate Manne: „Wir können nie wieder die politische Anziehungskraft toxischer Männlichkeit unterschätzen.“ Obwohl Joe Biden die Wahl letztlich mit deutlichem Vorsprung gewann, stimmte trotzdem eine beträchtliche Zahl von Menschen für Donald Trump.

Bereits vier Jahr zuvor konnte Trump „mit einem frauenfeindlichen Wahlkampf und offen propagierter hegemonialer Männlichkeit Anhänger mobilisieren“, wie die Journalistin Susanne Kaiser in ihrem Buch Politische Männlichkeit. Wie Incels, Fundamentalisten und Autoritäre für das Patriarchat mobilmachen schreibt. Kaiser untersucht die Geschlechter-Dimension des autoritären Backlashs der vergangenen Jahre, der sich etwa in den politischen Erfolgen der AfD oder der PiS in Polen niedergeschlagen hat. Gerade weil das patriarchale Männlichkeitskonzept heute „ethisch, normativ und diskursiv in Bedrängnis“ gerate, propagierten es Rechte und Autoritäre umso aggressiver.

Auf theoretische Exkurse wird im Buch größtenteils verzichtet. Stattdessen bleibt Kaiser nah am Zeitgeschehen. Sie beschreibt beispielsweise sogenannte Tradwives – US-Influencerinnen, die auf Instagram für ein traditionelles Hausfrauendasein werben und mitunter Verbindungen zur rechtsradikalen White-Supremacy-Bewegung haben. An anderer Stelle geht es um den kanadischen Psychologen Jordan Peterson, der mit biologistischen Thesen zu Geschlechterrollen von Maskulinisten als eine Art Selbsthilfe-Guru gefeiert wird.

Das Incel-Phänomen (Abkürzung für involuntary celibate: unfreiwillig zölibatär) wurde in Deutschland bisher noch kaum untersucht. Grob gesagt geht es dabei um sexuell frustrierte junge Männer, die im Internet Gewaltfantasien verbreiten. „Gewalt als legitimes Mittel des Widerstands gegen ein durch den Feminismus fehlgeleitetes und ungerechtes System, das Männern vorenthält, was ihnen zusteht“, so fasst Kaiser das in den anonymen Foren propagierte Weltbild zusammen. Die Mischung aus „Minderwertigkeitskomplexen und Größenwahn“, die aus den im Buch zitierten Foren-Einträgen spricht, erinnert an jenen faschistischen Männlichkeitswahn, den der Kulturwissenschaftler Klaus Theweleit in seinem Buch Männerphantasien untersucht hat. Dass es in den vergangenen Jahrzehnten vermehrt zu Anschlägen kam, die „direkt auf Frauen zielten“, steht für Kaiser in unmittelbarem Zusammenhang mit dieser Online-Radikalisierung. So wird etwa der Attentäter Elliot Rodger genannt, der 2014 in Kalifornien bei einem Amoklauf sechs Menschen ermordete und sich dann selbst tötete. In einem „Manifest“ hatte Rodger zuvor angekündigt, er werde „alle weiblichen Menschen für das Verbrechen bestrafen, dass sie mir Sex vorenthalten haben“. Ähnliche Denkmuster sehe man bei dem Attentäter, der 2019 den Anschlag auf die Synagoge in Halle verübte. Konsequenterweise wird in Politische Männlichkeit dafür plädiert, solche Anschläge nicht länger als Taten „geistig verwirrter Einzeltäter“ abzutun, sondern sie als politischen Terrorismus ernst zu nehmen.

Lesenswert ist auch, wie Kaiser die Entwicklung des Kampfbegriffs „Gender-Ideologie“ beschreibt oder die Strategien der Täter-Opfer-Umkehr im rechten Diskurs analysiert. „Die tatsächlichen Opfer repressiver Normen“ wie etwa LGBTQ-Personen würden dabei zu „mächtigen Lobbygruppen“ stilisiert, die „Gegenmeinungen zum Schweigen zu bringen“ wollten. An einigen Stellen hätte man sich beim Lesen noch mehr historischen Kontext und Tiefe gewünscht. Insgesamt ist Politische Männlichkeit aber eine ebenso wichtige wie überzeugende Gegenwartsanalyse.

Info

Politische Männlichkeit: Wie Incels, Fundamentalisten und Autoritäre für das Patriarchat mobilmachen Susanne Kaiser Edition Suhrkamp 2020, 268 S., 18 €

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