Öffentliche Watschn

Medientagebuch Mit seiner Stimmungsmache gegen den Islam hat Nicolaus Fest für ein Novum bei Springer gesorgt: „Bild“ distanziert sich von sich selbst
| Ausgabe 31/2014 4
Öffentliche Watschn
Kai Diekmann scheint sich in letzter Zeit zu bemühen, den Bild-Medien einen seriösen Anstrich zu geben

Bild: Johannes Eisele/ AFP / Getty Images

In der langen Geschichte der Bild-Zeitung hat es so etwas dann doch noch nicht gegeben. In dieser Woche haben sich die Chefs von Bild und Bild am Sonntag von einem Kommentar aus den eigenen Reihen distanziert und dessen Verfasser öffentlich zurechtgestutzt. Allerdings blieb ihnen auch kaum etwas anderes übrig.

Nicolaus Fest, stellvertretender Chefredakteur der BamS, hatte vergangenen Sonntag elf Zeilen zum Islam geschrieben. Oder besser: elf Zeilen gegen den Islam. Darin setzte er den Islam mit Kriminalität gleich, bezeichnete ihn als „Integrationshindernis“ (das solle man „bei Asyl und Zuwanderung ausdrücklich berücksichtigen“) und schrieb, er „brauche keinen importierten Rassismus, und wofür der Islam sonst noch steht, brauche ich auch nicht“.

Deutlicher kann man die pauschale Ablehnung einer Religion und ihrer Anhänger kaum ausdrücken. Es ist aber nicht das erste Mal, dass Fest auf diese Weise auffällt. Schon seit Jahren wird er unter hartgesottenen Muslimhassern für seine „erstklassigen Kommentare“ gefeiert. Auch diesmal freuten sich Stimmungsmacherblogs wie Politically Incorrect über die „wahren Worte“ – während es auf Medienblogs und bei Twitter Kritik hagelte. Fests Kommentar sei „purer Rassimus“, hieß es von vielen Seiten. Politiker forderten eine Entschuldigung für den „Schwachsinn“.

Auch Fests Kollegen aus den Chefetagen meldeten sich zu Wort. BamS-Chefredakteurin Marion Horn versuchte zunächst, ihren Vize zu verteidigen, entschuldigte sich Stunden später dann aber doch. Bild-Chef Kai Diekmann distanzierte sich und schrieb am nächsten Tag in einem eigenen Kommentar, dass bei Axel Springer kein Raum sei für „pauschalisierende, herabwürdigende Äußerungen gegenüber dem Islam“. Dass Fest genau diesen Raum bekommen hatte, schrieb er jedoch nicht.

Dennoch ist es ungewöhnlich, dass sich die Bild-Chefs so verhalten. Redaktionsinterna werden sonst nur selten nach außen getragen, Meinungsverschiedenheiten erst recht nicht. Warum also jetzt? Vielleicht lag es tatsächlich an der Schärfe des Kommentars. Dann stellt sich allerdings die Frage: Warum hat er es überhaupt ins Blatt geschafft? Und warum brauchte es erst massive Proteste, damit die BamS-Chefin sich entschuldigte? Und warum hatte Bild in den Jahren zuvor offensichtlich kein Problem damit, wenn Fest die Politically-Incorrect-Klientel mit seinen radikalen Kommentaren beglückte?

Womöglich spielte der Zeitpunkt eine Rolle. Erst zwei Tage zuvor hatte Bild mit viel Tamtam eine große Toleranz-Kampagne gestartet („Nie wieder Judenhass!“). Ohnehin ist Diekmann in letzter Zeit bemüht, den Bild-Medien einen seriösen Anstrich zu geben: Investigativ, transparent und selbstkritisch sollen sie wirken. Da kommt so ein Hetz-Kommentar samt Protestwelle natürlich nicht ganz so gut. Eine reumütige Klarstellung dagegen umso mehr.

Wie auch immer: Die Bild-Medien haben damit in gewisser Weise neue Maßstäbe gesetzt – an denen sie sich fortan auch messen lassen müssen, wenn sie mal wieder gegen jemand anderes hetzen. Gegen Sinti und Roma zum Beispiel. Oder gegen Hartz-IV-Empfänger. Oder gegen die „Pleite-Griechen“, die von Bild jahrelang pauschal verhöhnt und diffamiert wurden. Dafür hat sich das Blatt übrigens bis heute nicht entschuldigt.

Mats Schönauer ist Chefredakteur von BILDblog, einem Bild-kritischen Watchblog

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14:22 30.07.2014

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