Rauchen

A–Z Während Schockbilder auf Tabakwaren nun auch in Deutschland angekommen sind, überlegt man in Frankreich, ob als cool geltende Marken gleich ganz verboten werden
Rauchen

Foto: Fox Photos/Getty Images

A

Attitude Es stimmt ja: Würde die Zigarette heute erfunden, bekäme sie vermutlich in keinem Land der Welt, Nordkorea vielleicht ausgenommen, eine Marktzulassung. Denn Rauchen verursacht bekanntlich ➝ Krebs, Schnappatmung und Impotenz. Ist es da politisch nicht konsequent, dass etwa im Rahmen der Novellierung des französischen Gesundheitsgesetzes überlegt wird, Marken wie Gauloises oder Gitanes zu verbieten, weil diese ein zu cooles, buchstäblich verführerisches Image haben?

Dem entgegen steht der Verweis auf Genuss, Lebenskultur und die Freiheit, sich selbst zu schaden. Was mit dem Rauchen in jedem Fall verschwinden würde, wäre dieser besondere Blick, jenes melancholische Über-die-Zigarette-schielen, das Albert Camus oder Ingeborg Bachmann, Serge Gainsboug oder Jean Seberg (➝ Film) perfekt beherrschten. Jedes Ausatmen eine neue Selbstvernebelung, durch die sich die Augen durchkämpfen müssen. Blicke für die Ewigkeit. Nils Markwardt

B

Balkon Unsere kleine Terrasse ist die Agora des Freitag. Hier trifft Großraum- auf Einzelbüro, Verlag auf Art Department, Klatsch auf Personalplanung. „Lass mal kurz rausgehen“ – so endet das ernsthafte Flurgespräch. Weitere Anlässe sind: sonnenbaden, Korrekturfahnen lesen oder Vögel über der Museumsinsel gucken. Vor allem aber: rauchen. Deshalb hält sich der Aschenbecher, der es immerhin auf die Tagesordnung der letzten Betriebsversammlung schaffte, auf konstantem Fülllevel, obwohl noch nie jemand beim Entleeren gesichtet wurde. Praktischerweise liegt direkt nebenan die Flurküche, weshalb auch Nichtraucherinnen beim Kaffeekochen oder Obstschnibbeln eine Chance haben, sich in die Balkongespräche einzumischen. Eine Kippe als Vorwand braucht es nicht. Der Textchef nimmt sogar seine E-Zigarette mit an die frische Luft (➝ Attitude). Juliane Löffler

D

Diven Seine Daseinsberechtigung verdankt der Smoking tatsächlich dem Rauchen. Um die Damen vor der verqualmten Abendgarderobe der Herren zu schützen, wurde das Dinner- gegen das Rauchjackett getauscht. Für Marlene Dietrich war er hingegen gleichermaßen Markenzeichen wie Konventionsbruch. Die mysteriöseLilli mit den schweren Augenbrauen und der Zigarette im Mundwinkel firmierte für viele Frauen als Vorbild (➝ Pfeife). Die 40er Jahre wurden so zur Epoche der rauchenden Leinwanddiven.

Modern war die Frau, die paffte. Laut dem Romanisten Richard Klein ist Rauchen „nicht nur ein physischer, sondern auch ein diskursiver Akt, eine stumme, aber beredte Art, sich auszudrücken“. Etwa zum Frühstück bei Tiffany elegant wie Audrey Hepburn an einer langen Zigarettenspitze ziehen, lasziv und doppeldeutig nach Feuer fragen wie Lauren Bacall in Haben und Nichthaben oder die Handschuhe wie Rita Hayworth als Liebesgöttin Gilda abstreifen. Die Zigarette war filmische Expression selbstbestimmter Weiblichkeit. Mancher meint sogar, ihre Stilisierung war der popkulturelle Anstoß der Emanzipationsgeschichte. Nina Rathke

F

Film Hat sich nicht nur in Hollywood die Ansicht durchgesetzt, dass Filmen ein gesellschaftlicher Auftrag obliegt, fällt die Zigarette zu Recht der Gesundheitspolice zum Opfer. Es folgt der Abstieg des rauchenden Dandys zum realitätsfernen Nichtsnutz sowie die Schließung sozialer Sammelpunkte. Der kleine Tabakladen, in dem sich die Raucher in Wayne Wangs Film Smoke treffen, wird historisches Archivmaterial. Rituale der Kommunikation verschwinden peu à peu. Coffee and Cigarettes? Wenn es nach der WHO geht, definitiv nicht. Die Organisation warnt vor dem Einfluss paffender Stars auf Kinder. Geraucht wird in Filmen deshalb nur noch von gesellschaftlichen Randfiguren, zur Ermahnung der Jugend. Nina Rathke

K

Krebs Als „König aller Krankheiten“ bezeichnet der Arzt Siddhartha Mukherjee den Krebs in seinem gleichnamigen, preisgekrönten Buch. Folglich ist das Rauchen der Königsmacher. Laut Tabakatlas des Deutschen Krebsforschungszentrums verursacht das Rauchen vor allem Lungen- und Luftröhrenkrebs, Magen oder Darmkrebs. Besonders klar wird der Zusammenhang beim Lungenkrebs: Rund 80 Prozent aller Fälle waren 2013 dem Rauchen geschuldet. Von zirka 121.000 Menschen, die 2013 in Folge des Rauchens starben, war wiederum für knapp 59.000 Krebs der Grund. Damit nimmt er den Spitzenplatz aller Todesursachen als Folge des Rauchens ein. Benjamin Knödler

L

Lobby Fällt das Wort Lobby außerhalb eines Hotels, denkt man automatisch an die Tabaklobby. Aus irgendeinem Grund drängt sich diese als Bild für die mächtigste Wirtschaftsinteressenvertretung auf. Die Filmsatire Thank You for Smoking etwa bedient dieses Image reichlich. Darin betreibt Hauptfigur Nick Naylor, Pressesprecher des von der Industrie bezahlten Forschungszentrums für Tabakstudien, tolldreiste PR in Sachen Rauchen.

Geschickt stellt er dessen Gegner als die wahren Bösen dar und spielt alle Risiken herunter. In der Realität mag die Tabakindustrie mächtig sein, richtigen Lobbyistenbiss kann sie aber nicht haben, bedenkt man die jüngste Reihe von Werbeverboten, Steuererhöhungen und Warnhinweisvorschriften ( Verbote). Da scheinen Waffenlobby oder die Vertreter der Nahrungsmittelindustrie einflussreicher. Diese wehren sich etwa seit Jahren sehr erfolgreich gegen die Einführung der Lebensmittelampel. Tobias Prüwer

M

Malawi Was oft aufs Shopping von Klamotten zutrifft, gilt auch für den Tabakkauf. Man überlegt nicht, woher das Produkt eigentlich kommt. Eine Antwort lautet: Malawi. Das Land zählt zu den größten Tabakexporteuren der Welt. Die Arbeiter auf den Plantagen werden ausgebeutet, nach Untersuchungen der Kinderhilfsorganisation Plan International sind etwa 80.000 Kinder regelmäßig in der Produktion beschäftigt. Die gesundheitlichen Schäden sind gravierend.

Die Arbeiter nehmen das Nikotin über die Haut auf – am Tag so viel wie Kettenraucher. Doch auch volkswirtschaftlich ist die starke Abhängigkeit von Tabak problematisch. Bei jedem Preiseinbruch trifft es Malawi hart. Darum will die Regierung die Landwirtschaft diversifizieren . Doch nicht nur die Tabakindustrie (➝ Lobby) behindert das, ebenso ein Entwicklungshilfeprogramm, das auch von deutschen Steuergeldern mitfinanziert wird. Dieses nützt vor allem Großkonzernen, die Profit machen wollen. Zum Beispiel mit Tabak. Benjamin Knödler

P

Pfeife Seit 1969 wird in Deutschland jedes Jahr der „Pfeifenraucher des Jahres“ gewählt. Laut Vergabekriterien stehe die Pfeife dabei für „Individualität, Eigenständigkeit im Denken und Handeln, Eintreten für persönliche Überzeugungen, Selbstbewusstsein, Offenheit, Kritikfähigkeit, Genussbewusstsein sowie Bodenständigkeit und Freiheitsliebe“. Als Zigarettenraucher kann man da natürlich nur staunen und sich qualmend in die denkfaule Masse totalitärer Bewegungen ducken. Konsequenterweise werden Packungen mit Pfeifentabak denn auch nach wie vor nicht mit Schockbildern bedruckt (➝ Sadismus). Glücklicherweise aber auch nicht mit Bildern von Elmar Brok (Preisträger 2007) oder Horst Lichter (2011). Uwe Buckesfeld

S

Sadismus Nur auf den ersten Blick sind die grässlichen Bilder auf Zigarettenpackungen, die nun sukzessiv in den Verkauf kommen, ein Versuch der herzlosen Umerziehung. Der eigentliche Grund, warum ich jetzt jeder verunstalteten Schachtel beidseitig eine Kredit- oder Visitenkarte ins Zellophanpapier schiebe, ist nicht der Schutz der eigenen labilen Psyche, um glücklich weiterzurauchen. Vielmehr stellen die zur Schau gestellten Verstümmelungen eine aggressive Verschmutzung der Umwelt dar, vor der ich meine arglosen Sitznachbarn bewahren möchte. So gesehen will der Nichtraucherschutz keine Raucher retten, sondern den öffentlichen Raum, das Zwischenmenschliche stören. Wo der Sinn für das Schöne (➝ Diven) schwindet, da beginnt der Sadismus. Timon Karl Kaleyta

V

Verbote Die Geschichte des „blauen Dunstes“ ist auch die seiner Bekämpfung. Bis sich der Tabakkonsum durchsetzte, standen viele Hindernisse im Weg. In England erklärte James I. Anfang des 17. Jahrhunderts die „Sauferei eines Nebels“ zur Sünde. Zur selben Zeit war sie in Russland bei Todesstrafe untersagt. Auch im Herzogtum Lüneburg war das Raucherleben per Gesetz verkürzt. In deutschen Städten blieb das öffentliche Qualmen (➝ Balkon) mit Verweis auf den Brandschutz lange verboten. Erst die Revolution von 1848 hob das auf. Negative Erlasse machten das Genussmittel ohnehin für viele erst attraktiv. Die Prohibition in den USA begleite ein Rauchverbot, das sich als ebenso erfolglos wie das von Alkohol erwies. Tobias Prüwer

W

Wurst Für manche Gesundheitspolitiker gilt Fleisch bereits als neue Zigarette. Doch Rauchen ist nicht Wurst. Wäre dem so, ginge deren Konsum in Deutschland wohl drastisch zurück. Man stelle sich vor, Schulkinder würden über die Gefahren der Wurst aufgeklärt: Tod durch Darmkrebs oder Herz-Kreislauf-Probleme. Warum die Kleinen also nicht im Biologieunterricht Würste zerlegen lassen, ehe sie mit 18 zum Konsum berechtigt sind – selbstverständlich mit dem Aufdruck „Wurst tötet!“ (also auch Menschen).

Dagegen spricht, dass der Umsatz der Fleischindustrie weltweit steigt. Wahrscheinlich so lange, bis egal ist, ob die Deutschen aus Selbstoptimierungsgründen der Wurst den durchtrainierten Rücken kehren. Vielleicht sorgen Lobbyisten in indonesischen Schulen (➝ Zigarette) bald dafür, dass Kinder so früh wie möglich wurstverrückt werden. Ist der Markt dort gesichert, können sie hier wieder lernen, wie man frisches Gemüse zubereitet. Das wird sich ja wohl irgendwie vermarkten lassen. Marisa Janson

Z

Zigarette Während die Zahl der Raucher hierzulande sinkt, erleben Tabakkonzerne (➝ Lobby) in Schwellenländern ihren zweiten Frühling. In Indonesien etwa, wo Raucher vor allem die traditionellen sogenannten Kreteks konsumieren. Deren Inhaltsstoffe klingen, als wäre jemand über die weihnachtliche Gewürzbox gestolpert: neben Tabak zum Beispiel Nelken, Zimt und getrocknete Früchte. Dass viele Indonesier Kreteks gewöhnlichen Zigaretten vorziehen, hat nun auch Philipp Morris bemerkt und sich in die Produktion eingekauft. Das Ergebnis: Die Industrialisierung von Nelkenzigaretten, die so spottbillig sind, dass man damit auch sein Haus dämmen könnte. Und so gehört es in Indonesien mittlerweile zum guten Ton, an schulnahen Kiosks einzelne Glimmstängel für ein paar Cent an Kinder zu verscherbeln. Den Tabakrisen sei Dank. Simon Schaffhöfer

06:00 17.08.2016
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