Sokrates wäre mit dem Netz unzufrieden

Medien Das Internet wurde einst als großer Demokratisierer gefeiert. Hat sich das Blatt nun gewendet?
Sokrates wäre mit dem Netz unzufrieden
Gut abgehangene Debatten sind im Netz zumindest derzeit nicht zu erwarten

Foto: Imago Images/Steinach

Vor langer, langer Zeit wurde das Internet noch für sein deliberatives, demokratisierendes Potenzial gefeiert. Die sozialen Medien würden dies weiter multiplizieren, jubilierten verschiedene Medien, Aktivisten, Wissenschaftler und generell Optimisten auch weiblichen Geschlechts nach dem Arabischen Frühling. Unter den Stichworten Vernetzung, Selbstermächtigung und Freiheit der Information schien ein mediales Utopia greifbar.

Acht Jahre, einen der Korruption verdächtigen US-Präsidenten, einen Brexit und eine als Oppositionsführerin im Bundestag sitzende rechtspopulistische Partei später ist der utopische Überschuss verbraucht und einer dystopischen Szenerie gewichen: Algorithmen haben die Menschheit so fest im Griff, dass sie nicht mehr weiß, was gut für sie ist, weil nur noch geklickt werden soll. Die User, die das Netz zunächst zur politischen Selbstermächtigung nutzten, sind zu durchschaubaren Datenknubbeln geworden und spiegeln sich durch wirtschaftlich getriebene Personalisierung in tausendfacher Ausführung selbst. So scheint es jedenfalls, wenn man sich am Netzpessimismus orientiert.

Hat sich die vielversprechende Vorstellung von medialer Freiheit nun selbst zerfleischt? Eine Studie belegt, dass mit dem besseren Zugang zum mobilen Internet die Skepsis gegenüber Regierungen steigt. Das ergibt sich aus der Analyse von Daten aus dem Gallup World Poll und dem G3-Ausbau seit 2008. Einerseits könne Korruption zwar verstärkt offengelegt werden, allerdings habe in Europa der 3G-Ausbau auch populistischen Parteien Zulauf beschert. Sie könnten Menschen direkter ansprechen, sie informieren, aber eben auch desinformieren. Für Deutschland wird die AfD genannt, für Italien die Fünf-Sterne-Bewegung.

Populisten wiederum lassen die Verdauung stocken, richten u. a. mit Polarisierung, Simplifizierung und Desinformation ein veritables Chaos in den Gedärmen demokratischer Systeme an. Ist übermäßiger Informationszugang für eine Gesellschaft also zu viel? Fehlt einer ins digitale Zeitalter geschlitterten Gesellschaft dafür die Eindeutigkeit? „Die Wahrheit liegt nicht in der Mitte / die Wahrheit liebt die Fantasie / Es ist zu spät für Intersubjektivität / Baby, du hörst nur, was du verstehst“, besingt das Elektro-Duo Yukno das Informationszeitalter. Man könnte auch schwerere Geschütze auffahren und argumentieren, Aufklärung hebele sich teilweise selbst aus. Denn im Netz scheint sich eine ähnliche Dialektik abzuzeichnen.

Die dort stattfindenden Entwicklungen erscheinen in unserer Wahrnehmung allerdings verzerrt, die auf einen Trugschluss zurückgeht: Im anfänglichen digitalen Übermut wurde die Grenzverschiebung durch das Netz als Entgrenzung interpretiert, ohne sich der neuen Grenzen gewahr zu werden. Nun liegt sie aber weniger im Zugang zu Information als vielmehr in ihrer Verarbeitung und Rezeption.

Solche Überreaktionen haben eine lange Tradition. Schon Sokrates soll über die Einführung der Schrift gemault haben, dass sie zu einer Vernachlässigung des Gedächtnisses führe. Und das ist mit Blick auf die für viele beängstigend schnellen technologischen Veränderungen doch irgendwie auch wieder beruhigend.

06:00 18.10.2019
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