Von allen Seiten geächtet

Syrien Eine Journalistin aus Aleppo beklagt, dass sie unter Verdacht steht, eine Dschihadistin zu sein
| Ausgabe 13/2015
Die Menschen in Aleppo werden jeden Tag mit dem Tod konfrontiert
Die Menschen in Aleppo werden jeden Tag mit dem Tod konfrontiert

Foto: Zein Al-Rifai/AMC/AFP/Getty Images

Zuerst erkannten wir unseren Freund nicht wieder. Er war um über zehn Kilo abgemagert und konnte kaum gerade stehen. Sein Gesicht hatte die Farbe einer reifen Zitrone, seine Kleider waren so schmutzig, als sei er einem Grab entstiegen. War das wirklich Mohammad? Eine Woche zuvor war der 30-jährige Apotheker in einem Vorort von Aleppo vom Islamischen Staat (IS) entführt worden. Wir hatten geglaubt, ihn nie wiederzusehen. „Keiner kommt lebend aus einem IS-Gefängnis heraus, schon gar nicht, wenn er als Ungläubiger angeklagt ist“, war sein Freund Rand überzeugt. Mohammad ist ein frommer Muslim, galt jedoch den IS-Milizionären als „Säkularist“. Er hatte es gewagt, sich ihnen entgegenzustellen. Als der IS im Januar einige Außenbezirke Aleppos besetzt hielt, hatten Mohammad, andere Pharmazeuten sowie einige Ärzte beschlossen, nicht zu fliehen, sondern der Bevölkerung vor Ort zu helfen. Trotz der Risiken, die das verhieß.

Nun werden diese Helfer als Terroristen stigmatisiert. Im März verweigerte man Mohammad trotz eines gültigen Passes eine Einreise in die Türkei. „Geh zurück in deinen Islamischen Staat“, bekam er von einem Grenzoffizier zu hören. In gewisser Weise hat Mohammad Glück. Nicht nur, weil ihm die Flucht aus dem IS-Arrest gelang, auch weil er nicht ins Ausland kann, wo er überall unter Terrorverdacht steht, bis er das Gegenteil beweisen kann.

Mir erklärte eine Bankdirektorin im anatolischen Gaziantep: „Für die Amerikaner seid ihr alle Dschihadisten.“ Deshalb seien Dollar-Überweisungen auf syrische Konten derzeit verboten. Analog dazu teilte mir das US-Konsulat in Istanbul telefonisch mit, mein Zweijahresvisum sei annulliert. Gründe dürften mir nicht genannt werden. Ich war schon oft in den USA, besitze ein gültiges Visum für Großbritannien und kann etliche Reportagen für die BBC nachweisen. All das enthebt mich nicht des Verdachts, eine potenzielle Terroristin zu sein.

Als ich im Dezember in London-Heathrow landete, kam Polizei an Bord des Flugzeugs und suchte nach einer Frau mit arabischem Namen. In Panik begann ich, im Telefonspeicher meine unverschleierten Bilder zu löschen. Erst nach ein paar Sekunden fiel mir auf, dass ich mich gar nicht an einem IS-Checkpoint in Nordsyrien, sondern auf britischem Boden befand. Also schloss ich die Galerie und löschte stattdessen ein paar patriotische Lieder. Es war zu befürchten, deren orientalischer Sound würde als Indiz für Terror-Neigungen gedeutet. Später, in der Ankunftshalle, konnte ich das Weinen nicht mehr zurückhalten.

Vielleicht haben sie recht, und ich bin eine Terroristin. Eine Terroristin, die ihre Arbeit für die BBC aufgegeben hat, um nach Hause zurückzukehren und den Menschen zu helfen, die seit vier Jahren unter einem Bürgerkrieg leiden. Eine Terroristin, die am Leben hängt und sich trotzdem dafür entschieden hat, im Namen der Menschlichkeit jeden Tag dem Tod ins Auge zu sehen.

Sieben meiner Freunde in Aleppo wurden vom IS verschleppt, lange bevor der Rest der Welt von dieser Terrorgruppe Notiz nahm. Andere Vertraute wie den Arzt Abo Younis habe ich im Januar 2014 verloren, als sie in Idlib gegen den Vormarsch der Dschihadisten kämpften. Hinzu kommen all die Freunde, die in Assads Gefängnissen zu Tode gefoltert wurden. Und nun, da die Kriegsparteien sich Aleppo aufgeteilt haben, kommt der Terror vom Himmel. Kürzlich wurde mein elfjähriger Neffe bei einem Luftangriff der US-geführten Anti-Terrorkoalition in Idlib getötet. Ahmad hatte auf tragische Weise seinen Vater verloren, darum lebten er und seine Schwester bei ihrem Großvater, einem hochrangigen Mitglied der Al-Nusra-Front. Seit amerikanische Flugzeuge am syrischen Himmel auftauchen, sind zwei Al-Nusra-Bataillone aus Idlib zum IS übergelaufen.

Bei all der Furcht vor aus Syrien zurückkehrenden Dschihadisten, die den Terror nach Europa bringen, denkt niemand mehr an ganz normale Syrer. Diese Menschen wurden erst von einem Diktator beherrscht, dann von Dschihadisten terrorisiert – sie werden jetzt von Luftschlägen der Antiterrorfront massakriert. Und ihr nennt uns Terroristen?

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