Der alte weiße Mann unter den Großkonzernen

Hambacher Forst Der Energiekonzern RWE schafft weiterhin Fakten und zeigt damit sein wahres Gesicht. Der größte CO2-Emittent Europas ist autoritär, ignorant, stur, unbeweglich
Der alte weiße Mann unter den Großkonzernen
Hier zeigt sich, wie rücksichtslos und brutal RWE an vermeintlichen Privilegien festhält

Foto: imago/Tim Wagner

„Mein Damen und Herren, RWE ist heute schon grüner als manche denken“ – Mit diesen Worten eröffnet Peter Terium im April 2016 die Hauptaktionärsversammlung des Energiekonzerns. Sofort unterbrechen ihn Buhrufe aus den Rängen der Essener Grugahalle: „Raus aus der Kohle!“, „Eure Zeit ist abgelaufen!“ Ehe sich's die Vorstände auf dem Podium versehen, stürmen Aktivistinnen und Aktivisten, getarnt im Business-Look, die Bühne und rollen Transparente aus, so lange, bis die völlig überrumpelten Saalschützer die Kohle-Gegner in Anzügen und Kostümen rabiat aus dem Saal zerren. Terium, damals Vorstandsvorsitzender, betrachtet den Tumult entgeistert, er ringt um Fassung. „So, das waren jetzt, glaube ich, ein paar Spätaufsteher, die sind gerade wach geworden“, sagt er und lacht nervös, Schweißperlen stehen auf seiner Stirn. „Ich habe übrigens kein Problem mit solchen Kundgebungen“, fährt er fort, „ich habe ja auch Kinder im protestfähigen Alter. Nur sind die in der Schule oder bei der Arbeit zu Tage.“

Keiner lacht. Denn der mittlerweile geschasste Terium musste Aktionärinnen und Aktionären erklären, dass sie auf ihre Dividende verzichten müssen. RWE hatte 2015 eine Verlust von 200 Millionen Euro eingefahren, während der fünf Jahre zuvor war die Aktie um siebzig Prozent gefallen. Schlechte Nachrichten vor allem für die mehr als 50 Städte und Gemeinden, die zu den Anteilseignern gehören und von Gewinnausschüttungen abhängig sind.

Viele Jahre nutzt RWE diese Macht, um die Energiewende zu blockieren. Der frühere Vorstandsvorsitzende Jürgen Großmann hatte die Bild-Zeitung regelmäßig mit Horrorschlagzeilen versorgt, dass mit dem Atomausstieg der „Blackout“ oder die „Stromlücke“ käme. Man könne, drohte Großmann, den Reaktor in Biblis so fahren, dass man mit Restlaufzeiten über die nächste Bundestagswahl käme. Statt auf erneuerbare Energie – deren Anteil bei RWE damals nur 2,6 Prozent betrug – setzte der Konzern darauf, dass die sich 2009 abzeichnende schwarz-gelbe Regierung den Atomausstieg rückgängig machen würde. Es kam anders.

Von gestern

Heute ist RWE der größte CO2-Emittent Europas. RWEs 30 fossile Kraftwerksblöcke stoßen fast 250 Millionen Tonnen CO2 aus. Drei der fünf schmutzigsten Braunkohlekraftwerke Europas gehören dem Essener Konzern: Neurath, Niederaußem und Weisweiler. Abermals hält RWE mit aller Gewalt an seinem so profitablen wie schädlichen Kerngeschäft fest, obwohl längst klar ist, dass der Kohleausstieg kommen wird. RWE ist gewissermaßen der alte weiße Mann unter den Großkonzernen: autoritär, ignorant, stur, unbeweglich. Von gestern eben.

Wie rücksichtslos und brutal RWE an vermeintlichen Privilegien festhält, zeigt sich derzeit bei den Räumungen im Hambacher Forst. Der Konzern schafft weiter Fakten, obwohl ein Mensch zu Tode kam. Und obwohl nach dem BUND auch Greenpeace ein Gutachten vorgelegt hat, nachdem die Rodung des Waldes nicht nur unnötig, sondern unzulässig sei. Beim wachsenden Protest geht es aber um sehr viel mehr als darum, ein Stück Wald zu retten. Längst spiegelt das, was im Hambacher Forst passiert, die Regierungspolitik wider, die Privateigentum und Konzerngewinne auf Kosten der Allgemeinheit schützt, sich aber um ökologische und soziale Gerechtigkeit keinen Deut schert. Vielleicht gedeihen auf diesem Boden nicht nur weiter Bäume, sondern auch die Setzlinge einer sozialen Bewegung.

11:00 28.09.2018

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