Wählerwanderung

Rundfunkrat Tom Buhrows neues Personal beim WDR
Dietrich Leder | Ausgabe 48/2013

Unter den Mitarbeitern des WDR kursierte nach der Wahl von Fernseh- und Hörfunkdirektorin der Witz, man sei gespannt, wie Jörg Schönenborn ausgerechnet diese Wählerwanderung begründen würde. Schönenborn, der für die ARD die Wahlergebnisse auf Bundes- und Landesebene kommentiert, war zwar mit klarer Mehrheit vom Rundfunkrat zum Fernsehdirektor gewählt worden. Doch er hatte drei Voten weniger erhalten als Valerie Weber, die mit 40 von 43 Stimmen ins Amt gewählt wurde.

Das Aufsichtsgremium folgte in beiden Fällen Vorschlägen des seit Anfang Juni amtierenden Intendanten Tom Buhrow. Im Fall von WDR-Mann Schönenborn war das erwartet worden. Gegen die Wahl von Valerie Weber hatte es hingegen Proteste im Haus gegeben. Die neue Hörfunkchefin hatte zuvor vor allem im Privatradio gearbeitet – (Ostseewelle, Antenne Bayern).

Webers Nominierung wirkte bei den Hörfunkredakteuren wie eine Provokation. Buhrows Vorgängerin Monika Piel hatte am Ende ihrer wegen gesundheitlicher Probleme verkürzten Intendanz heftige Diskussionen um Reformen des Klassikprogramms WDR 3 ausgestanden. Zeichen auch der Unsicherheit, wie sich der öffentlich-rechtliche Hörfunk im Zeitalter digitaler Konkurrenz und knapper Kasse positionieren will.

In dieser immer noch ungeklärten Perspektive eine Managerin als Chefin aller Hörfunkwellen zu berufen, die das kommerzielle Programmgeschäft versteht, sahen die Mitarbeiter als Signal Buhrows. In einem offenen Brief an den Intendanten fragten sie, wie die Direktorin die Hörfunkwellen „in diesen schwierigen Zeiten mit Leidenschaft führen und nach außen verteidigen“ könne. Befürchtet wird eine „Kommerzialisierung und Verflachung“.

Buhrow ließ sich durch die Kritik, der er sich auch im persönlichen Gespräch stellte, nicht beirren. Er ging nicht auf den Vorschlag der Redakteure ein, die Wahl der Direktorin aufzuschieben. So kam es am 22. November zur Abstimmung, die Valerie Weber zur Überraschung vieler Beobachter glänzend und eben besser als Schönenborn bestand.

Zu den Gründen des klaren Wahlergebnisses zählt neben einer guten Präsentation auch der Wunsch vieler Rundfunkratsmitglieder, dass endlich Ruhe um die Radioprogramme einzöge. Sie hatten offensichtlich unter den Debatten um die Reform von WDR 3 gelitten, in denen sich der Rundfunkrat als wenig informiert und am Hörfunk desinteressiert gezeigt hatte. Hinzu kam bei vielen Verantworlichen das Argument, dass man den gerade inthronisierten Intendanten nicht bei seinen ersten Personalvorschlägen desavouieren könne.

Buhrow seinerseits hat mit Valerie Weber gleich gezeigt, dass er auf die Personalwünsche im Haus keine Rücksicht nehmen wird. Taktisch war das vielleicht richtig, auf diese Weise Unabhängigkeit von den zerstrittenen Hörfunkredakteuren zu demonstrieren. Aber spannend bleibt die Frage, ob die erfolgreiche Geschäftsführerin von kommerziellen Radiowellen den inhaltlichen und formalen Ansprüchen eines öffentlich-rechtlichen Hörfunks gerecht wird. Eine noch stärkere Anähnelung der ohnehin schon popularisierten Programme wie WDR 2 oder WDR 4 bedeutete den Legitimationsverlust des öffentlich-rechtlichen Systems.

Schönenborn quittierte die Tatsache, dass er sechs Stimmen weniger als seine neue Hörfunkkollegin erhalten hatte, im Übrigen so, wie er im Fernsehen ist: stoisch.

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