Wer bin ich denn jetzt?

Umstände Rachel Cusk wundert sich über das Schweigen, das Schwangerschaft und Geburt umgibt. Und bricht es
Julia Hertäg | Ausgabe 46/2019 1

Vom Schwangerschafts- und Babyblues bis zum Bild der Gebärenden, die wild stöhnt und schreit, bevor sie schließlich vom Mutterglück überwältigt wird: Schwangere sind wohl der Inbegriff außer Kontrolle geratener Emotionen. Wie der Titel bereits verrät, dreht sich Rachel Cusks Buch Lebenswerk. Über das Mutterwerden, das in den USA schon 2001 erschien, nicht nur um ein sehr emotionales Thema, sondern um den Moment im Leben einer Frau, in dem sie dem Klischee, sie sei aufgrund ihres Geschlechts übermäßig emotional, am ehesten entspricht.

Cusk, deren Stil in den Erfolgsromanen Outline, In Transit und Kudos eher distanziert und unpersönlich ist, erzählt zwar auch hier von sich selbst. Allerdings nicht, wie in der Trilogie, als Autofiktion, sondern sie schreibt autobiografisch und nichtfiktional über die Monate vor und nach der Geburt ihrer ersten Tochter: von Vorsorge-Untersuchungen und Infobroschüren, von Schwangerenyoga und Krankenhäusern, von Hebammen, Koliken, Schlafentzug, Krabbelgruppen und der Suche nach einer Kinderbetreuung – von all dem also, was auch in Ratgebern für Schwangere und in Internetforen verhandelt wird.

Fremde Berge

Aber ihr Text hat damit wenig gemein. Er nimmt die Form einer Reihe thematischer Essays an, in denen Cusk Erlebnisse, aber auch spontane Gefühle und Irritationen verarbeitet. Das ist alles andere als unpersönlich. Und doch schreibt Cusk mit einer Distanz, die man fast nur als Strategie gegen den Vorwurf der übermäßigen Emotionalität deuten kann. Ihr Buch sei als Brief zu verstehen, erklärt sie in der Einleitung und äußert die Hoffnung, dass Leserinnen darin eine Art Begleitung finden. Dass Wissen über die Schwangerschaft und das Dasein als Mutter weitergegeben wird, beklagt sie dann immer wieder, hat sie selbst sehnlichst vermisst.

Während der Schwangerschaft wundert sie sich über das Schweigen, das die Geburt umgibt. Sie lechzt geradezu danach, sich eine Vorstellung von den Schmerzen zu machen, die sie erwarten. Doch die Mütter in ihrer Umgebung scheinen nicht willens oder in der Lage, ihre Erfahrungen mitzuteilen. Der Vorschlag der Ratgeber, sich möglichst viel in Gruppen zusammenzutun, hilft nicht weiter. Die Art und Weise, wie die Angst in solchen Gruppen adressiert wird – nett zueinander sein, sich gegenseitig massieren –, erzeugt bei Cusk nur Befremden. Weshalb sie anfängt, über ihre Erfahrungen zu schreiben.

Doch Lebenswerk ist mehr ist als die Vermittlung von Erfahrungen, es ist vor allem intelligente Analyse. Das mündet in keiner großen Theorie. Cusk seziert vielmehr die kleinen Momente, in denen sie staunt, erschrickt, sich windet. Vor allem ein Aspekt erregt immer wieder Erstaunen bei ihr: Obwohl sich die sozialen Umstände von (privilegierten) Frauen in westlichen Gesellschaften stark verändert haben, sind die biologischen noch immer dieselben. Frauen tragen Kinder in sich, pressen sie meist immer noch aus sich heraus, und sind gar – obwohl es auch da durchaus Alternativen gibt – angehalten, sie an ihrer Brust zu ernähren.

Schwangere, die sich bis zu diesem Punkt im Leben als immerhin annähernd gleichberechtigt wahrnehmen, schlittern völlig unvorbereitet in neue, „andere“ Umstände. Die Erkenntnis, dass der Lebensweg plötzlich jenseits bisheriger Erwartungen verläuft, ist, so beschreibt es Cusk, als könnte sie „durchs Fenster die Straße sehen, auf der ich mein Leben lang unterwegs war, eine Straße, zu der mein Zug eine Weile parallel fuhr, bevor er Geschwindigkeit aufnahm und sich stetig nach Osten oder Westen entfernte, auf fremde Berge zu, hinter denen alles andere verschwindet“.

Ab dem Moment, in dem eine Frau werdende Mutter ist, ist es (für einige Zeit) aus mit der Gleichberechtigung, und bis zu einem gewissen Punkt auch mit der Mündigkeit. Plötzlich sind Frauen einem zweifachen Regime unterworfen: Hormone regieren die Gefühle, Schmerzen müssen als natürlich hingenommen werden. Und soziale Kontrolle setzt ein: Die Körper von Schwangeren und Müttern gehören nicht mehr ihnen allein. Jeder fühlt sich in der Pflicht, sie zur Ordnung zu rufen.

Dieses Regime wird auch verinnerlicht. Ängste, Schuldgefühle werden produziert und reproduziert, Angst vor Schmerzen oder davor, dem Kind Schaden zuzufügen. Schuldgefühle, weil man in der Schwangerschaft Schimmelkäse gegessen hat oder sich manchmal woandershin wünscht. Die Angst, als Mutter abgelehnt zu werden, und die noch größere, dass die Ablehnung verdient sein könnte. Wer zum ersten Mal Mutter wird, ist dankbar für jeden Strohhalm, folgt Ratschlägen und Anweisungen eifrig und vergisst, sie zu hinterfragen.

Cusk tut das: Sie spürt dem Befremden nach, das die Reaktionen, Anleitungen und Ratschläge von Ärzten, Hebammen, Yogalehrern und Freunden bei ihr auslösen. Was wird hier von ihr erwartet? Und was durch wohlmeinende Kommentare aufgedrängt? Noch befremdlicher als das Außen ist jedoch das neue Selbst. Es ist, als wohnten plötzlich zwei Wesen in ihr: die Mutter mit ihren neuen Gefühlen, ihrer neuen Aufmerksamkeit, ihren neuen Fähigkeiten. Und die Frau, die sie war, bevor sie Mutter war. Lebenswerk erzählt auch vom Kampf des alten Ichs ums Überleben. Cusks Buch ist ein Zeugnis der Mühsale des Mutterseins – selbst noch unter den privilegiertesten Bedingungen, mit finanzieller Absicherung und Partner, der die Verantwortung teilt. Dass gerade Mütter mit Empörung und Hass auf ihr Buch reagiert haben, wie Cusk dem Guardian erzählte, ist dabei allzu verständlich. Denn sie drückt Emotionen und Gedanken aus, die Müttern bis heute nicht erlaubt sind. Vor allem aber: die sie sich selbst nicht erlauben.

Ich empfand bei der Lektüre zweierlei: Neid darauf, dass eine Frau so über ihre Erfahrung schreiben kann – ich wünschte, ich hätte vielen Situationen mit der gleichen skeptischen, distanzierten und zugleich selbstironischen Haltung begegnen können. Und Dankbarkeit dafür, dass sie es getan hat. Und ich hoffe, dass Cusks Annahme, dass „der Erfahrung der Mutterschaft, sobald sie für die Außenwelt übersetzt wird, fast alles abhandenkommt“, in diesem Text widerlegt wird und dass er auch für Väter, vielleicht sogar für Nicht- und Noch-nicht-Eltern von Interesse ist.

Info

Lebenswerk. Über das Mutterwerden Rachel Cusk Eva Bonné (Übers.), Suhrkamp 2019, 220 S., 22 €

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