Das religiöse Elend

Religionskritik Dass der Mensch von seinem Glauben nicht los kommt, ist die schwerste Sünde, die er sich aufzwang. Anstatt die Religion zu reformieren muss sie überwunden werden
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Das religiöse Elend
Symbolbild

Foto: Johannes Simon/Getty Images

Die Missbrauchsfälle in der Katholischen Kirche stehen einmal mehr im Mittelpunkt. Unter #Wandel2019 wird in einer Online-Petition auf den Offenen Brief an Kardinal Reinhold Marx geteilt und unterstützt. Der am 5. Februar 2019 in der Kirchenzeitung veröffentlichte Text wurde unter Führung des Frankfurter Stadtdekans Johannes zu Eltz verfasst und appelliert an Marx, im Vatikan für innerkatholische Reformen einzustehen. Schwerpunktmäßig wird der kontinuierliche Missbrauchsskandal in der Kirche thematisiert. Daran geknüpft wird neben dem Verhaften an alter Tradition der Abgang der Mitglieder und Kirchengänger*innen erklärt, die nach zu Eltz eine große Distanz zur „vormodernen Kirche“ verspüren. Die dabei erwähnte MHG-Studie (benannt nach den tragenden Universitäten Mannheim, Heidelberg und Gießen), welche sich mit der Aufarbeitung seit 2010 beschäftigt und im September 2018 veröffentlicht wurde, soll das Ausmaß verdeutlichen und ihre Kritik untermauern. Laut Studie komme in der Analyse von Strafakten auf einen beschuldigten Kleriker durchschnittlich 3,9 betroffene, d.h. missbrauchte Kinder, die mehrheitlich männlichen Geschlechts und zwischen 11-12 Jahre alt waren. Die Studie sieht das Zölibat als mitverantwortlich für die sexuellen Übergriffe und Vergewaltigungen, was den Effekt nach sich zieht, eine grundlegende Ursachenforschung zu unterlassen. Der Klerikalismus, der hier als „hierarchisch-autoritäres System“ bezeichnet wird, steht dabei ebenso zentral in der Kritik und als Ursache des Missbrauchs.

Die Notwendigkeit der Studie ist offenkundig. Dennoch wirkt sie trotz der offensichtlichen Kritik schützend über die Institution Kirche an sich. Der Missbrauch an den Kindern wird durch Machtmissbrauch und die religiös aufoktroyierte sexuelle Enthaltsamkeit begründet, was allerdings den Entschluss nach sich ziehen lässt, ein sexuelles aktives Leben würde den Missbrauch eindämmen. Mit diesem Brief und der Studie bitten sie Kardinal Marx, sich an die „Spitze der Reformbewegung“ zu setzen, die sich auch für ein neues Verständnis der (männlichen) Homosexualität ausspricht. Dass die Institution von sich aus eine Kritik ermöglicht, ist zu begrüßen, bewirkt allerdings die weitere Verankerung der Religion in der modernen Gesellschaft. Anstatt auf eine Reform der Katholischen Kirche, der Religion an sich, zu setzen, ist es unabdingbar, das „hierarchisch-autoritäre System“ nicht als bürokratische Entwicklung zu betrachten, sondern als Kernelement der Religion. Es ist durchaus bezeichnend, dass das Wesen der Religion bis ins 21. Jahrhundert nahezu unbeschadet überleben konnte und trotz der Aufklärung und Informationsgesellschaft den metaphysischen Aspekt der Bevölkerung zu befriedigen weiß. Dabei ist die Kritik an sich genauso alt wie der Glaube des Menschen. Bezeichnend ist die nahtlose Koexistenz trotz des radikal antagonistischen Charakters. Begründet liegt das unter anderem in dem Versuch der Aufklärung, die Kirche zu entmachten, als in Frankreich der Laizismus ausgerufen wurde. Formal betrachtet erklärt er die Trennung von Staat und Kirche, nicht die Negation der Religion. Die Aufklärung hat entgegen dem eigenen Anspruch somit die Legitimation des Überlebens der Religion mitbegründet und somit unfreiwillig als Partnerin der Klassenstruktur auserkoren.

Die erste fundamentale Kritik der Religion ist der Materialismus des griechischen Philosophen Demokrit. Er bezeichnete die objektive Realität als sich beständig wechselwirkende Bewegung und erklärte in Anlehnung seiner atomistischen Anschauung die Seele ebenso als Produkt biochemischer Prozesse, hiernach als endlich. Noch vor der Institutionalisierung der Religion wurde die materialistische Erkenntnis als Werdung des Seins beschrieben. Zentraler Streitpunkt, der sich bis heute auch innerhalb der Religionskritik manifestiert, ist die Grundlage des Seins, d.h. das gesellschaftliche Ich. Der Idealist Georg Friedrich Wilhelm Hegel, der die Dialektik als Logik und Begriff der Wechselbeziehung definierte, ging von der Annahme aus, dass das gesellschaftliche Sein die Umwelt beeinflusst und begriff die Religion - den Glauben an sich - als Teil der menschlichen Entfaltung, womit die Kritik sich im positiven äußerte. Der Positivismus gipfelte zuvor auch in der „natürlichen Religion“, die auch Immanuel Kant vertrat und als „Vernunftreligion“ betitelte. Hierbei ist sie Produkt und Erscheinung zugleich des Menschen, die den Ur-Materialismus Demokrits schon längst überwand. Der Materialismus, die stringente und absolute Kritik der Religion, wurde durch Hegels Schüler wieder aufgegriffen, besonders von Ludwig Feuerbach und Karl Marx. Feuerbach verstand die Rolle des Christentums als kolportierte Spiegelung des Menschen selbst, bei der er den „Gott nach seinem Bilde“ schuf.

Karl Marx und Friedrich Engels griffen sowohl die hegelianische Dialektik als auch den Materialismus Feuerbachs auf und postulierten als erste die Religion nicht als Ebenbild und Wesen des Menschen, sondern als seine Bestrafung und Unterdrückung. Das „hierarchisch-autoritäre System“ wurde von dem Menschen in freien Stücken erschaffen, um das eigene Geschlecht zu unterdrücken. Die Religion, die durch den Menschen entstand, schuf eine Diktatur durch sich selbst. Marx bezeichnete die Religion als die letzte Barriere, die den Menschen daran hindert, Mensch zu werden. „Die Kritik der Religion endet mit der Lehre, dass der Mensch das höchste Wesen für den Menschen ist“, schreibt er in der Kritik der hegelschen Rechtsphilosophie. Darin enthalten ist nicht nur die Kritik an der Institution und dem Monotheismus, sondern die erzwungene metaphysische Erklärung des Lebens an sich. Es ist nachvollziehbar, dass der Mensch versucht zu verstehen, weshalb er existiert. Als Erklärungsmodell und gleichermaßen Schutz wurde der Glaube an ein höheres Wesen entwickelt. Die Selbstradikalisierung und Ermächtigung in der Gesellschaft wird heute als Selbstverständlichkeit betrachtet, die Kritik der Religion geht nicht über eine säkulare Struktur hinaus. Auch der Ruf nach Reformen bleibt an dem Punkt stecken, sich selbst zu hinterfragen. Dahingehend ist der Versuch, die Katholische Kirche zu reformieren, reaktionär, da das brüchige Fundament repariert und verstärkt wird. Die „Liberalisierung“ der Religion hat einzig deren weitere Verankerung im Selbstbewusstsein des Menschen zur Folge.

Was eigentlich getan werden sollte, ist denkbar einfach und gleichermaßen schwierig. Das Bewusstsein der Menschen muss die Kritik der Religion als Grundvoraussetzung verankern, um die aufoktroyierte Selbstbestrafung zu überwinden. Die Kirche wird als etwas Harmloses betrachtet, die einzig darauf aus ist, Halt im Leben zu geben. Es ist - religiös gesprochen - die schwerste Sünde des Menschen, sich der Sünde zu unterwerfen, trotz der kontinuierlichen Aufklärung und der Erkenntnis der Wissenschaft. Dabei ist es nicht getan, wenn behauptet wird, man glaube selbstverständlich an keinen Gott, wenn hinzugefügt wird, dass es „irgendetwas dennoch“ geben müsste. Dieses „Irgendetwas“ ist synonym für Gott, denn Gott ist das Ebenbild durch den Menschen für den Menschen, um sich der objektiven Realität, der materialistischen Grundsätze, zu entziehen. Man möge doch hoffen, dass die Abkehr von der Religion nicht einzig auf Missbrauchsskandale zurückzuführen ist, wie zu Eltz es glaubt, sondern aufgrund der gesellschaftlichen Weiterentwicklung des Menschen. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass der Mensch, ein aus der Tierwelt entwickeltes Wesen, trotz eines ausgeprägten Bewusstseins, dieses zur Unterdrückung dessen nutzt, und faktisch noch vor der Tierwelt zurückfällt. Um es plakativ zu veranschaulichen: der Vogel, der sich in den Höhen bewegt, kann sich nicht der Frage unterwerfen, weshalb er lebt und überhaupt fliegt. Der Mensch indes, der sich vom Vogel evolutionstechnisch weiterentwickelt hat, kommt an der Frage gar nicht vorbei und zwingt sich das Korsett auf, die Natur in seinem Sinne zu idealisieren, bei der ein Gott dem Vogel das Leben und Fliegen schenkte. „In Deutschland kann keine Art der Knechtschaft gebrochen werden, ohne jede Art der Knechtschaft zu brechen“, so Marx 1844. Die Religion ist die höchste davon.

23:33 27.02.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Elisa Nowak

Freie Journalistin und Studentin der Philosophie.
Elisa Nowak

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