Kritik der Geschichtswissenschaft

Analyse Die Geschichtswissenschaft ist ein Produkt ihrer Zeit und in deren Grenzen verankert. Um die Geschichte der Menschheit jedoch radikal zu fassen, muss man zurück zu Marx
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community
Kritik der Geschichtswissenschaft
Karl Marx hat auch zur Geschichte der Menschheit etwas zu sagen

Foto: John MacDougall/AFP/Getty Images

Der Historische Materialismus ist einer der zentralen Punkte, der den Marxismus ausmacht. Er ist die Auffassung und Interpretation der menschlichen Geschichte von einem materialistischen Standpunkt aus. Um zu verstehen, wie er aufgebaut ist, ist es unabdingbar zu verstehen, wie er entwickelt wurde. Karl Marx und Friedrich Engels stammen aus einer Zeit, als die Aufklärung – erschaffen durch die Große Französische Revolution 1789 – einen Anspruch erhob, alles davor gewesene zu hinterfragen, um eine „Vernunftgesellschaft“ zu etablieren.

Dass dies nicht weniger war als die Illusion des Bürgertums, nicht nur für eine Klasse, sondern für die ganze Menschheit zu sprechen, entsprang dem Kritizismus der Kinder jener Zeit. In Deutschland entstand besonders durch den Philosophen Georg Friedrich Wilhelm Hegel der deutsche Idealismus, der mit der bis auf Sokrates zurückgreifenden Dialektik ein bahnbrechendes Werkzeug erschuf: das Denken in Widersprüchen. Doch das hegelianische System war selbst in seinem Widerspruch verankert und interpretierte den Menschen und die Gesellschaft von einem idealistischen Bezugspunkt aus, der in der modernen Geschichtswissenschaft teilweise noch vulgär-naturwissenschaftlich Anwendung findet.

Hegel ging davon aus, dass die Geschichte des Menschheitsgeschlechts und deren Entwicklung eine Geschichte der Ideen ist: erst die Idee, die logische Schlussfolgerung durch das Individuum, bestimmt den geschichtlichen Verlauf. Marx und Engels hingegen waren neben dem Hegelianismus aber auch Schüler des Materialismus, namentlich dem Ludwig Feuerbachs. Feuerbachs Materialismus versuchte die Welt zu erklären, indem er von dem, was gegeben ist, eine Abstraktion durchführt. Dabei bleibt Feuerbach aber mechanisch, d. h. die Dialektik findet in dieser Wissenschaft keine Anwendung. Der mechanische Materialismus erscheint wie die „Vernunftgesellschaft“ der Großen Französischen Revolution den Menschen als besonders logisch, denn er besagt stark vereinfacht: entweder existiert etwas oder es existiert nicht.

Besonders Engels brach in seinem Vorhaben, den Sozialismus wissenschaftlich zu formulieren, diese Starrheit auf und stellte gerade die Negation und Bewegung als zentrales Element voran. Der stetige Fluss der Bewegung ermöglicht erst das Leben, wodurch der Tod durch Stillstand dargelegt wird. Engels macht das anhand des Ablebens eines Menschen fest, in dem der die rhetorische Frage in den Raum wirft, ab wann der Sterbeprozess eingeleitet wird und schlussfolgert, dass der Tod in sich selbst eine Ingangsetzung von Mechanismen ist und einer stetigen Negation unterworfen ist, bis der Stillstand eintritt.

Hegel und Feuerbach sind hiernach zentrale Figuren, die die marxistische Geschichtswissenschaft formieren. Nach ihr besteht die Geschichte der Menschheit nicht aus Ideen, sondern erst die materialistische Grundlage, d. h. das, was der Mensch in der Natur vorfindet, bewegt ihn dazu, eine Idee zu entwickeln. Wie bereits erwähnt, hat die moderne Geschichtswissenschaft ein Problem damit, den Wert der Idee beziehungsweise der Ideenbildung zu minimieren. Allerdings ist es ein Grundkern des Historischen Materialismus zu betonen, dass etwas nur entwickelt werden kann (ideell wie physisch), wenn bestimmte Bedingungen geschaffen sind. Die Entwicklung der Dampflok in der westlichen Welt beispielsweise entstand nicht aus einer Idee heraus, um die Industrialisierung voranzutreiben, sondern gerade anders herum: Die voranschreitende Industrialisierung vollzog einen Prozess der Weiterentwicklung, der die Dampflok als Lösung unausweichlich machte.

Damit kommen wir zu einem zentralen, für die bürgerliche Geschichtswissenschaft sehr umstrittenen Punkt: Geschichte ist deterministisch und an Gesetzmäßigkeiten geknüpft. Der Verlauf des Menschheitsgeschlechts seit seiner Werdung aus dem Tierreich ist unabdingbar verknüpft mit den jeweils herrschenden Produktionsweisen. Zu Beginn fand sich die Menschheit in einer Stammesgesellschaft wieder. Marx sprach hierbei vom „Urkommunismus“, da durch die archaische Konzeption und das Zusammenleben eine höchst primitive Hierarchie herrschte, falls überhaupt. Der Kollektivgedanke war zentral hierbei.

Durch die Ökonomisierung der Gesellschaft, d. h. der Entwicklung der Produktion des Menschen durch Beanspruchung und Bearbeitung der in der Natur vorkommenden Bedingungen, entsprang aus dem „Urkommunismus“ die sogenannten „asiatische Produktionsweise“, bei dem die Frage des Mehrprodukts bereits durch autoritäre Instanzen beantwortet wird. Eine Hierarchisierung der Gesellschaft entwickelte sich hierbei, die bereits die Entwicklung von Formen von Klassen ermöglicht. In er Sklavengesellschaft und dem kommenden Feudalismus explodierte die Ungleichheit bedingt durch die Produktionsweisen, die auch in der Sozialisierung des Menschen Ausdruck fand. Die Aneignung des Mehrwerts durch eine höhere Klasse erarbeitet durch eine unterdrückte Klasse zementiert den Antagonismus und findet seinen Widerhall in den stetigen Klassenkämpfen. Ein zentrales Moment bei Marx und Engels: die Geschichte der Menschheit ist die Geschichte von Klassenkämpfen.

Der Kapitalismus im aufkommenden Bürgertum befreite hiernach nicht die unterste Schicht, im Gegenteil. Durch Entwicklung des Proletariats wurde eine doppelte Versklavung durch die Produktionsweise erschaffen, bei der das Proletariat gezwungen wurde, seine Arbeitskraft zu veräußern, um nicht zu verhungern. Während die herrschende Klasse in der Sklav*innengesellschaft noch ein Interesse daran hatte, die Sklav*innen am Leben zu erhalten, wurden jene – selbstverständlich unter unwürdigen Voraussetzungen – genährt. Die Arbeiter*innenklasse wurde durch den Marktwettbewerb austauschbar.

All diese Unterdrückungsformen entsprangen keiner genialen oder barbarischen Idee eines Einzelnen oder einer Entwicklung von Ideen, sondern waren und sind Resultat der materialistischen Begebenheiten der jeweiligen Zeiten und Voraussetzungen. Da die Ökonomie zentral in der marxistischen Geschichtswissenschaft steht, ist eine Entwicklung abzuleiten, die auf die Aufhebung der Klassengesellschaft hinauslaufen wird. Das heißt jedoch nicht, dass das eintreten wird, denn ein Rückfall in feudale Voraussetzungen werden nicht negiert. Auch ist die ungleiche Entwicklung nicht zu vernachlässigen, die beispielsweise die Frage beantworten kann, weshalb Russland Anfang des 20. Jahrhunderts nicht reif für eine sozialistische Revolution war, sie aber dennoch erfolgte. Durch die Internationalisierung des Kapitals war es für das zaristische Russland nicht mehr nötig, vom quasi-feudalen Zustand aus eine rein bürgerliche Revolution zu vollziehen, denn die russische Bourgeoisie war im 20. Jahrhundert kein revolutionäres Subjekt mehr, eben aufgrund der Existenz einer internationalen Bourgeoisie, die alles andere als progressiv war.

Wenn die moderne Geschichtswissenschaft an den Hochschulen und Universitäten in der BRD die Idee als zentrales Moment in der Geschichte der Menschheit stellt, ist das schlichtweg unmaterialistisch. Es ist dennoch falsch, es ihr anzulasten, denn sie kann nicht anders, bedingt durch ihren Charakter. Das heißt natürlich nicht, dass es geniale Menschen gab, die – wenngleich Kind ihrer Zeit – eben jener voraus wahren, bis zu einem gewissen Punkt. Man darf das allerdings auch nicht überhöhen, denn, so vereinfacht es klingt: Farben kann man sich nicht ausdenken. Die Freiheit der Gedanken stoßen dann an ihre Grenzen, wenn das Gedachte versucht, etwas ungedachtes zu entwickeln. Schlussfolgerungen sind dabei keine Neuentwicklungen in dem Sinn, sondern Verknüpfungen und Entwicklungen von bereits gegebenen. Und das ist das Hauptmerkmal des Historischen Materialismus: Die Geschichte wird vom Menschen gemacht, doch er kann nur das, was er vorfindet, in die Hand nehmen und neu zusammensetzen. Gesellschaften entwickeln sich nicht aus dem Nichts, sondern entstehen immer auf der Vergangenheit – den Schultern – der alten. Die Produktion – die Ökonomie – ist hierbei stehend und fallend, denn der Mensch kann nicht ohne sie gedacht werden.

22:38 15.09.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Elisa Nowak

Freie Journalistin und Studentin der Philosophie.
Elisa Nowak

Kommentare 21

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community