Jetzt ja nicht zurück ins Klassenzimmer!

Fridays for Future Brave Appelle von Klassensprechern erzwingen keinen Politikwechsel. Die radikale Verweigerung der Normalität jedoch könnte es schaffen – wenn sie anhält
Jetzt ja nicht zurück ins Klassenzimmer!
Nicht entmutigen lassen!

Foto: imago images/epd

Die Fridays for Future haben einen politischen Forderungskatalog erarbeitet. Das Beeindruckende: An dem kollektiven Prozess waren Delegierte aller Ortsgruppen beteiligt. Das Ernüchternde: Die sechs Forderungen sind, nun ja, nicht besonders radikal. Sie sind gähnend langweilig.

Während es dem Berliner Volksbegehren „Deutsche Wohnen & Co. enteignen“ gelungen ist, Sozialisierung als Mittel zur Bekämpfung von Wohnungsnot breit zu thematisieren, setzen die Schülerinnen was als ihr Ziel? Die Einhaltung des Klimavertrags von Paris! Schnöde internationale Regierungspolitik. Kohleausstieg bis 2030, 100 Prozent Erneuerbare bis 2035, Reduzierung der Emissionen auf ein nachhaltiges Niveau bis 2030. Das ist gerade so radikaler als die Kohlekommission.

Warum nicht die Energiekonzerne unter demokratische Kontrolle bringen? Warum nicht ein bedingungsloses Grundeinkommen einführen, damit alle erwerbslos werdenden Kohlearbeiter abgesichert sind? Flüge einschränken, SUVs abschaffen, Tempolimit einführen, Ökodiktatur jetzt? Oder wie wäre es mit mehr Urlaubstagen für Arbeiterinnen, die per Rad oder Zug statt mit dem Flugzeug in die Ferien reisen? Es gäbe viele Forderungen, um die Debatte zu radikalisieren. Der Forderungskatalog tut es nicht.

Nun waren die Fridays for Future nie für ihre politische Radikalität bekannt. Von Jung bis Alt, von Konservativen über Liberale bis zu Linken finden fast alle sie gut. Den Planeten retten? Joa, klar. Die Radikalität steckt nicht in der politischen Stoßrichtung, sondern in der Protestform. „Die erste Frage, die Sie mir stellen, ist: Warum schwänzt ihr?“, sagte Therese Kah zu Anne Will. Es ist der Streik, der Konflikte schafft. Die Junge Union fordert die Eintragung der Fehlzeiten ins Zeugnis; Direktoren drohen mit Verweisen und Bußgeld. Der Bruch mit der Schulpflicht steht für den Bruch mit der alltäglichen Lebensweise. „I want you to panic“, sagt Greta Thunberg. Denn Lebensweisen bricht niemand einfach auf, man macht so weiter, bis das Weitermachen derart beängstigende Folgen hat, dass man aufhört. „Hat es, also hört auf!“, sagen die Schüler.

Sie sagen es auch der Kohleindustrie: Hört auf! Und zwar jetzt. Noch 2019, fordern sie, soll ein Viertel der Kohlekraftwerke abgeschaltet werden. Dieses „Jetzt“ kommt in einem Forderungskatalog zunächst naiv daher: Die Bundesregierung soll irgendwie dafür sorgen. Die Schüler scheinen nicht zu verstehen, dass das im Neoliberalismus nicht so läuft. Der Kohlekompromiss gibt der Wirtschaft bis 2038 genug Zeit, umzulenken, wenn die Kosten dafür sozialisiert werden. Doch bis 2030 sieht das schon ganz anders aus - und hier steckt auch die Radikalität der Fridays for Future. Acht Jahre können den Unterschied machen zwischen einer Politik, die den Kapitalismus nur mit den „Anreize“-Samthandschuhen eines Andreas Scheuer anfasst – und einer Politik, die radikal in die Wirtschaft eingreift, um gesellschaftliche Bedürfnisse durchzusetzen. Was auf dem Wohnungsmarkt die Enteignung, ist in der Klimapolitik der sofortige Kohleausstieg: Vergesellschaftung hier – und dort die gesellschaftliche Kontrolle der Energiewirtschaft. Jetzt.

Brave Appelle von Klassensprechern erzwingen keinen derartigen Politikwechsel. Die Energie der Schülerinnebewegung ist aber gerade, dass sie nicht bei Forderungen stehen bleibt: Die radikale Verweigerung der Normalität hat die Kraft, einen Politikwechsel zu erzwingen – wenn sie anhält. Denn bislang war der Schulstreik kaum mehr als eine mutige, aber noch akzeptierte Ausdehnung des Erlaubten. Die Sanktionen beginnen jetzt. Kehrten die Schüler nun ins Klassenzimmer zurück, scheitert die Bewegung. Der zivile Ungehorsam fängt erst an.

06:00 11.04.2019

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