Lernt aus Corona, unterstützt den Pflegestreik! Unsere zukünftigen kranken Selbsts mahnen

Meinung Diese Pandemie verändert die Welt, haben wir gesagt: Jetzt wissen wir, wie wichtig die Pflege ist. Und jetzt? Glauben wir wieder, dass wir unsterblich sind? Haben wir alles vergessen?
Jeder von uns kann jederzeit im Krankenhaus landen
Jeder von uns kann jederzeit im Krankenhaus landen

Foto: Scott Olson/Getty Images

Corona verändert die Welt, haben wir gesagt, nach dieser Pandemie wird nichts mehr so sein wie vorher: Jetzt sehen wir endlich, wie wichtig die Pflege von Kranken ist, jetzt sehen wir endlich, was für eine wichtige Knochenarbeit sie tagtäglich leisten in den Krankenhäusern, sie brauchen besseren Lohn, wir brauchen mehr Personal, endlich versteht die Gesellschaft, haben wir geschrieben: Die Sorge um unsere Körper und Gesundheit ist wichtig. Und jetzt, zwei Jahre später? Streiken die Pflegearbeiterinnen dafür, dass sie nicht nach wenigen Monaten im Burnout landen, dass wir in ihren Krankenhäusern nicht in Schmerzen unbeachtet herumliegen, dass wir nicht unbeachtet sterben. Interessiert uns das noch?

Es ist, als würden wir zwei Jahre nach Hereinplatzen des neuen Virus in menschliche Körper kollektiv aufatmen: Puh, wir sind ja doch nicht sterblich! Ein Glück, kurz hatten wir schon Angst, dass dieses Virus uns aus dem Leben reißen könnte, dass wir bald um Luft ringend auf der Intensivstation landen könnten, dass wir tatsächlich von diesen Pflege-Menschen da abhängig sein könnten, von heute auf morgen. Aber jetzt hatten wir Corona schon, oder unsere Freundinnen hatten Corona, und so schlimm isses ja gar nicht! Gut, die Alten und Kranken hatten es schwer, aber der Rest von uns, na ja, eine kleine Grippe vielleicht, aber das Krankenhaus sehen wir deshalb noch lange nicht von innen!

Oder wie sonst soll man sich erklären, dass der Pflegestreik an den Unikliniken in Nordrhein-Westfalen nicht Zigtausende Menschen zur Unterstützung auf die Straßen holt? Dass die 2000 Pfleger*innen nun schon seit neun Wochen für mehr Personal streiken, und nicht die Titel aller Zeitungen füllen? Und das nach zwei Jahren Pandemie? Nach so vielen Reportagen über die Arbeitsverhältnisse in den Kliniken, nach so vielen Interviews mit Pflegekräften, die wegen Frust und Überlastung aus dem Job aussteigen, auf Teilzeit reduzieren? Nach dem Skandal im Pflegeheim vom Schliersee, bei dem alte Menschen verhungert sind? Nach den lazarettähnlichen Szenen auf den Intensivstationen?

Puh, vorbei, zum Glück gehört dieser Corona-Alptraum der Vergangenheit an – so fühlt es sich an. Vielleicht, weil dieses Virus nicht mehr so viele Menschen so krank macht, dass sie ins Krankenhaus oder auf die Intensivstation kommen. Vielleicht, weil wir nach zwei Jahren Pandemie einfach mal durchatmen müssen.

Niemand will eine Gesellschaft, die täglich in Angst vor Krankheit und Tod verharrt. So läuft das Leben nicht. Es stimmt, wir brauchen Zeiten zum Durchatmen, Zeiten der Leichtheit, des Sommers, gedankenlose Zeiten.

Bläst der Profitzwang wieder alle Gesundheit weg?

Wenn wir schon nicht genug Kraft aufbringen, solidarisch für jene zu kämpfen, die jetzt gerade Hilfe in den Krankenhäusern brauchen – dann sei daran erinnert: Sterben und Kranksein enden nicht mit der Corona-Pandemie. Jede*r zweite von uns wird in seinem oder ihren Leben an Krebs erkranken. Wir haben Verkehrsunfälle, wir bekommen Herzkrankheiten. Und selbst die läppischsten Krankheiten wie eine Mandelentzündung können dazu führen, dass wir operiert werden müssen. Wer schon einmal nach so einer Pille-Palle-Routine-Operation im Krankenhaus lag, mit Schmerzen und nicht schlafen könnend, weiß, wie existenziell wichtig es plötzlich wird, dass die Pflegerin schnell kommt, um mehr Schmerzmittel zu geben.

Corona ändert die Welt, haben wir geschrieben. Irrten wir uns? Bläst der Profitzwang unseres Wirtschaftssystems alle Bedürfnisse nach guter Versorgung in den Krankenhäusern wieder vom Tisch, wie die Arbeitgeber dies vor den Arbeitsgerichten in Nordrhein-Westfalen gerade versuchen – oder haben wir gelernt, dass unsere Würde, unser Wohlergehen, unsere Pflege wichtiger sind als jede kapitalistische Logik, und dass unsere Gesellschaft dafür sorgen muss, dass wir in der Not versorgt werden? Die Pfleger*innen jedenfalls haben gelernt. Seit neun Wochen streiken sie hartnäckig dafür, dass es uns besser geht. Was können wir tun, um sie zu unterstützen, und für uns selbst zu kämpfen – für unsere zukünftigen kranken, schwachen, auf Hilfe abgewiesenen Selbsts?

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